Sabine Dinkel: “Wenn dir der Arsch auf Grundeis geht – 10 seelische Rettungsringe gegen die doofe Tante Angst”

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Sabine Dinkel, Ratgeber-Autorin (Hochsensibel durch den Tag; Krebs ist, wenn man trotzdem lacht; Meine Arschbombe in die Untiefen des Lebens – Comic-Tagebuch einer Krebserkrankung), Business Coach und Cartoon-Zeichnerin. Seit 2015 lebt sie mit der Diagnose Krebs, oder wie sie es selbst nennt: “Eierstock-Schnieptröte”. Für unseren selpers-Blog hat sie einen Gastbeitrag verfasst, in dem Sie von ihrer “doofen Tante Angst” erzählt und wie sie mit ihr umgeht: 

Wenn dir der Arsch auf Grundeis geht – 10 seelische Rettungsringe gegen die doofe Tante Angst

“Palim Palim, hier bin ich wieder! Du fühlst dich vor deinem Kontroll-CT mal wieder klein mit Hut? Fährt deine Seele wie so üblich das ganze Grusel-Programm? Prima, dann mache ich es mir doch gleich mal gemütlich bei dir!”

So geht es mir jedes Mal, wenn mein nächstes CT in greifbare Nähe rückt: Hildegard stürmt durch die Tür, direkt in meine Amygdala. So heißt das Angstzentrum im Gehirn.

Hildegard – so habe ich meine Angst-Tante getauft

Im Laufe meiner Erkrankung habe ich mich sehr intensiv mit ihr, dieser kleinen jammernden Nervensäge, auseinander gesetzt: einen Regalmeter Bücher gelesen, Workshops besucht, psychologische Gespräche geführt. Dabei musste ich anerkennen, dass wir zwei wohl oder übel untrennbar miteinander verbunden sind.

Da ich sie eh nicht los werde, habe ich mich für einen anderen Weg entschieden:
Ich habe mich mit ihr verbündet – und zwar auf liebevolle spielerische Art und Weise. Ich unterhalte mich mit ihr, zeige ihr Grenzen auf und trickse sie auch mal liebevoll aus.

Als sie neulich mal wieder hartnäckig bei mir rumlungerte, hab ich sie mir freundlich aber bestimmt zur Brust genommen.

Daraus entspann sich ein wertvoller Dialog:

“Sag mal, Hildegard, warum werde dich eigentlich so schwer los?”

“Weil ich dich mag. Daher ist es total normal, dass ich immer dann zu dir zu Besuch komme, wenn du etwas auszustehen hast; eine Prüfung zum Beispiel, oder eine Kontrolluntersuchung. Schließlich will ich, dass du da unbeschadet durchkommst, damit es dir ganz schnell wieder gut geht.”

“Na toll, du willst, dass es mir gut geht, dabei fühle ich mich doch total mies, wenn du an meiner Seite bist!”

“Naja, meine Aufgabe ist es unter anderem, dir immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass du gut für dich sorgen sollst und dein Leben kostbar ist. Wenn es mich nicht gäbe, wärst du schon lange mausetot. Hätte ich dir damals nicht im Nacken gesessen, wärst du mit deinen Beschwerden nicht zum Arzt gegangen. Dank mir können die Ärzte noch ganz viel für dich tun und dich hervorragend therapieren.

Allerdings finde ich es auch ein bisschen schade, dass ich dabei oft so nervig bin. Doch so richtig was dagegen tun kann ich leider nicht, so ist halt mein Naturell.”

“Super ..! Also muss ich in Kauf nehmen, dass du mir andauernd auf der Pelle hockst und mir ungute Gefühle bereitest?

“Nein, das musst du nicht, du kannst mich auch gerne dressieren und Regeln mit mir vereinbaren. Wenn du klar und deutlich mit mir sprichst, werde mich auch so gut es geht daran halten.

Da du zu denen gehörst, die die Traute haben, sich trotz Bammel – das ist ein Neffe von mir – so tapfer mit mir auseinanderzusetzen, werde ich dir ein paar Rettungsringe zuwerfen, damit du bei meinem nächsten Besuch nicht untergluckerst.”

“Das würdest du tun? Warum?”

“Weil wir zwei es ja schließlich noch lange miteinander aushalten wollen. Ich will im Grunde meines Herzens deine Freundin sein. Somit ist es an der Zeit, dir ein paar Tricks zu verraten, wie du mich zügeln kannst, wenn mal wieder die Pferde mit mir durchgehen:

Lass mich links liegen!

Ich stehe total gerne im Mittelpunkt. Das kannst du ändern. Versuche doch mal, deine Aufmerksamkeit von mir abzuziehen und mich links liegen zu lassen. Dazu eignen sich besonders Beschäftigungen, bei denen du dein Gehirn mit “Synapsen-Gymnastik” beanspruchst oder mir besänftigende Botenstoffe – das Kuschelhormon Oxytocin zum Beispiel – ins Gesicht bläst.

  1. Betreibe Synapsen-Gymnastik:

    Indem du dich mit Kreuzworträtseln, Puzzlespielen, Sudoku, virtuellen Spielen, Geschicklichkeitsspielen und artverwandten Kniffligkeiten beschäftigst, stiehlst du mir die Show.

    Wunderbar geeignet sind auch Wortspiele: Verfasse kleine Reime oder kurze Gedichte. Google dazu gerne mal die Begriffe Haiku, Rondell, Elfchen und Limerick und probiere diese schönen Techniken aus. Jede Wette, dass du während des Dichtens überhaupt nicht an mich denkst. Und wenn doch, kannst du mich gleich bei den Hörnern packen und dichtend verulken. So wie hier in einem “Elfchen”:

    Angstknospen
    öffnen sich
    gern vor Kontrolluntersuchungen
    Treiben viele aufmüpfige Blüten
    Schnippschnapp

  2. Locke dein körpereigenes Kuschelhormon:

Schau dir lustige Dinge an, die dich trotz meiner Anwesenheit zum Lachen bringen: Trickfilme und Tiervideos auf YouTube sind dafür ideal. Neben Katzen, die auf Staubsaugerrobotern durch Wohnzimmer gondeln, gibt es auch Kanäle mit zauberhaften kurzen Animationsfilmen, die gute Laune machen: z. B. Log Jam, Minuscule oder Dean the Basset.

Oder ruf dir im Internet die Seite Twitterperlen auf und lies so lange, bis du was Lustiges findest. Selbst, wenn du nur leicht und gequält lächelst, verändert sich dein Körperzustand hin zum Guten. Ich merke an hochgezogenen Mundwinkeln, dass ich mich zurückziehen kann und du mich gerade nicht brauchst. Selbst, wenn du es nur künstlich herbeiführst, indem du dir einen Bleistift zwischen quer zwischen die Zähne steckst und dadurch mindestens 60 Sekunden deine Mundwinkel nach oben bewegst. Mich als Angst verscheucht das.

  1. Bring etwas in Ordnung:

Ich bin wohl oder übel mit einem gewissen Kontrollverlust verknüpft. Es gibt halt Ereignisse, die weder du noch ich beeinflussen können. Das sorgt oft für Chaos in deinem Oberstübchen, was mich wiederum herbei lockt.
Um dir einen Teil deiner Kontrolle zurückzuholen, bringe etwas in Ordnung: Putze deine Fenster, nähe abgefallene Köpfe an oder schrubbe dein Waschbecken. Knöpfe dir etwas zum Ausmisten vor, eine Schublade, deinen Medizinschrank oder deinen Kühlschrank, sortiere aus, was nicht mehr gebraucht wird und bringe den Rest in eine für dich hübsche Form. Putze deine Spiegel blitzblank, schmeiß die Waschmaschine an oder staubsauge. Indem du etwas um dich herum in Ordnung bringst, bist du in höchstem Maße wirksam – und ich weitgehend arbeitslos.

  1. Nutze Freund Zufall:

Um fiesen Frust zu vertreiben, kannst du dir “Losruckel-Lose” gestalten.

Dazu besorge ein kleines Kästchen und kleine Zettel, die du in Lose verwandelst. Schreibe pro Zettel eine niederschwellige Tätigkeit auf, die dir unter normalen Umständen Freude bereitet.

Beispiele:

  • Hände eincremen und die Finger massieren
  • einen absurden Zweizeiler reimen
  • einem lieben Menschen eine lustige Postkarte schicken
  • eine edle Praline naschen
  • zu einem Lieblingslied tanzen

Das Ausdenken funktioniert am besten, wenn du gerade gut drauf bist und viele Ideen hast. Wenn ich gerade bei dir zu Besuch bin, funktioniert sowas in der Regel nicht. Daher ist es gut, für den Fall der Fälle gut gerüstet zu sein und dich in meiner Abwesenheit vorzubereiten. Oder du bittest jemand anderes darum, dir Losruckel-Lose zu basteln. Die bieten dir dann sogar noch eine zusätzliche Überraschung.

Wenn ich dich mal wieder zu sehr nerve, ziehe ein Los aus dem Kästchen. Das, was auf dem Los steht, wird auch gemacht, notfalls darfst du ein zweites Los ziehen. So gut wie immer wirkt die auszuführende Kleinigkeit als kleine Auszeit von mir.

Piesacke mich!

Du weißt ja, wie nervig ich sein kann. Daher bin auch gerne dazu bereit, mich von dir verunglimpfen zu lassen. Zum Beispiel, indem du über mich schreibst oder mich piesackst.

  1. Zwieble mich:

Zieh dir ein Gummiband über dein Handgelenk, wie ein Armband. Sobald ich dir was ins Ohr säusle, gibst du dir – und somit mir – einen kleinen zwiebelnden Schlag, indem du dran zupfst. In dem Moment, wo du mich damit piesackst, erschrecke ich mich fürchterlich.

Wenn du in demselben Moment auch noch etwas Wohltuendes tust, z. B. hörbar seufzt oder ein Wohlfühlwort wie z. B. “Wunschvergnügt, Wohltat, Ofenwärme, Gänseblümchen” als Beschwörungsformel aussprichst, bin ich so verwirrt, dass ich mich erstmal wieder fangen muss. Indem du das Schnalzen des Gummibands mit etwas Angenehmen oder Entlastendem verknüpfst, kannst du meine Anwesenheit mit etwas Positivem verknüpfen. Zudem bin ich dann so genervt, dass ich mich in der Regel für eine ganze Weile zurückziehe.

  1. Entsorge mich symbolisch:

Nimm dir einen kleinen Block mit Zetteln und schreibe auf jeden einzelnen etwas, was dir gerade  Angst macht. Pro Zettel eine Sorge. Schreibe so lange, bis dir die Ängste und Sorgen ausgehen und alle auf Zetteln gebannt sind.
Nun kommt das Wichtigste: Mache all den Zetteln den Garaus, indem du sie zerstörst. Du kannst sie zerreißen, zerbeißen, verbrennen, verbuddeln, auf ihnen herumtanzen oder sie mit Wasser zu Brei machen. Hauptsache: weg damit! In der Regel bin ich darüber so erschüttert, dass ich mich erstmal eine Runde aus dem Staub mache.

  1. Verulke mich:

Unerfreuliche und negativ besetzte Wörter nähren mich. Die ersetzt du daher am besten durch solche, die dich und dein Umfeld in eine bessere Stimmung versetzen. Das Wort Metastasen lässt mich erfahrungsgemäß besonders groß werden. Bezeichnet man die Dinger jedoch als “Doofmannsgehilfen” oder “Leberknödel”, werde ich klein mit Hut.

Auch toll: Anagramme aus Gruselwörtern bilden. Du findest im Internet zahlreiche Seiten mit Anagramm-Generatoren. Du kannst selbstverständlich auch dein Scrabble-Spiel plündern und selber Buchstaben hin- und herschieben. So wurde aus dem Wort Kopfschmerzen plötzlich Schmopfkerzen.

Oder beleidige mich mit Schimpfwörtern, die aus einer Gemüse-Tier-Kombi bestehen: Gurken-Lurch, Radieschen-Wanze oder Lauch-Schrecke lassen dich hoffentlich kichern und somit weniger unter mir leiden.

Lass uns Wellenreiten!

Wenn ich dich so richtig am Wickel habe, spiele mit mir “Korken auf der Welle”. Lass dich von mir schaukeln, gibt dich mir einfach mal hin, ich verspreche dir, dass du nicht untergehen wirst. Als Korken kannst du zwar geschaukelt werden, aber nicht untergehen.

  1. Mach ein Nickerchen mit mir:

    Während du schläfst, schlafe ich ebenfalls. Da du dich im Schlaf entspannst und dich einfach in deine Traumwelt flüchtest, gibt es für mich einfach nichts zu tun. Auch ich gebe mich der Entspannung hin. Wenn du dann aufwachst, bin ich in der Regel noch ziemlich schlaftrunken – und du hast erstmal deine Ruhe.

 

  1. Nimm Dich in den Arm:

Mich im Schlepptau zu haben nervt, das gebe ich zu. Du hast daher jedes recht der Welt, dich deswegen so richtig zu bedauern. Weine ruhig eine ganze Packung Kleenex leer, bis du keine Tränen mehr hast. Wenn viele Tränen ungeweint in dir feststecken und du sie gerne loswerden möchtest, schaue am besten einen traurigen Film oder höre melancholische Musik, das ruckelt auch hartnäckige Tränen los.

 

  1. Sei wohlmeinend mit dir:

Mach es dir so schön es eben gerade geht. Vielleicht hilft dir ein warmes Getränk, eine Wärmflasche oder eine flauschige Decke beim Einmuckeln. Es ist erwiesen, dass Wärme tröstet und ich durch sie besänftigt werde. Schaue dir einen schönen Film oder einen hübschen Bildband an. Es gibt im Internet ganz wunderbare 20-minütige Podcasts zu allen möglichen Themen, solche, die dich in eine schönere Welt entführen (Radiowissen auf Bayern 2, Mare Radio auf Radio Bremen oder viele der Podcasts des Hessischen Rundfunks)”

Hildegard hat mir noch weitere Rettungsringe zugeworfen. Es gibt also noch so viele Dinge mehr, die dir das Leben mit einer doofen Erkrankung leichter machen. Sobald du übst, mit deiner Angst spielerisch klarzukommen, wird sie dich nicht mehr so doll piesacken, versprochen.

In meinem Buch “Krebs ist, wenn man trotzdem lacht” findest du viele weitere spielerische Tipps und Methoden, die deinen Humor in schweren Zeiten locken und zum Bleiben animieren können. Was wiederum deine Angst lindert. Im Comic-Tagebuch “Krebs ist, wenn man trotzdem lacht” kannst du dir deine Angst auch weg lachen.

Wenn du auf der Suche nach mehr Selbstfreundlichkeit bist, schaue auch gerne in mein Buch “Hochsensibel durch den Tag”, wo es darum geht, wie du dir eine gute Freundin oder ein guter Freund sein kannst, wenn gerade sämtliche Reize auf dich einstürzen..

Betrachte all meine Tipps wie ein großes Buffet mit kleinen Leckerbissen: Such dir zunächst die heraus, auf die du am meisten Appetit hast. Bloß nicht alles auf einmal essen! Die einzelnen Häppchen wollen erstmal gut verstoffwechselt werden, bevor du dir die nächsten einverleibst.

Guten Appetit!

Herzlichst
Sabine Dinkel

Autorin: Sabine Dinkel

Bildnachweis: Steffen Baraniak

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