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Bammel: Fifty Shades of Fear – Susanne Reinker über Krebs & Angst

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Susanne Reinker ist Autorin und erkrankte 2007 an Brustkrebs. In Ihrem neuen Buch “Kopf hoch, Brust raus” redet sie offen über ihre Erfahrungen mit dem Krebs und gibt anderen Betroffenen Tipps für den Umgang damit. Ihr Kapitel zum Thema “Angst” hat sie uns zur Veröffentlichung in unserem Blog zur Verfügung gestellt: 

Bammel: Fifty Shades of Fear

(Auszug aus dem Buch “Kopf hoch, Brust raus” von Susanne Reinker)

Bammel wie Bange, Zähneklappern, Muffe, Furcht, Fracksausen, Schiss.
Bammel wie Angst.
Aber wer von Krebsen liest schon freiwillig einen Text mit dieser Überschrift. Bei der Diagnose hat dieses Gefühl sowieso einen prominenten Platz in unserem Kopf sowie häufig auch im Magen- und Darmbereich. Da ist man dankbar für jeden Moment, in dem es abflaut und Puls und Nerven eine Verschnaufpause gönnt.

Was allerdings häufiger vorkommt, als zu vermuten wäre. Angst ist eine normale Reaktion und unvermeidbar bei dem, was die Ärzte da in unserem Körper gefunden haben. Und je nach Naturell und Behandlungsmaßnahmen wird sie uns eine Weile bis lange begleiten. Da ist es sinnvoll, sich mit dem Gefühl möglichst frühzeitig auseinanderzusetzen, anstatt sich ihm widerstandslos auszuliefern. Schon allein, um der „Angst vor der Angst“ vorzubeugen, vor der einen jeder halbwegs begabte Küchenpsychologe im Bekanntenkreis warnt.

„Die eigene Angst analysieren, während einem gerade das ganze Leben um die Ohren fliegt – Menschenskind, wissen Sie eigentlich, wovon Sie da reden?“
Ja, weiß ich. Aus eigener, ziemlich spezieller Erfahrung: Gegen seine Gene kann man bekanntlich nicht allzu viel ausrichten. Mir haben sie neben bösartig mutierten Zellen in der rechten Brust auch eine mittelprächtige Angststörung mit auf den Weg gegeben.

KREBS + ANGSTSTÖRUNG = ECHTER KNALLER

Krebs und Panikanfälle, diese Kombination ist ein echter Knaller. Wie Waldbrand und Windhose gleichzeitig. Rein statistisch also eher schlechte Karten. Aber glücklicherweise sind Statistiken und Prognosen nur ein Haufen Zahlen. Und die können nicht mal ansatzweise erfassen, zu welch erstaunlichen Leistungen Gehirn und Gemüt im Krisenfall in der Lage sind.

Bei allen Horrorvorstellungen funkte mein Gehirn quasi rund um die Uhr auf Notfrequenz ein simples Überlebensmotto: „Nichts ist so überflüssig wie Angst vor Dingen, die man sowieso nicht ändern kann.“ Trotzdem produzieren Leute wie ich gelegentlich so viel geballte Angst, als könnten wir mit deren Energiefeld die bösen Zellen zum Verschwinden bringen. Was erstens Schwachsinn ist, der zweitens irrwitzig viel Kraft kostet. Kraft, die wir eigentlich für ganz andere Aktivitäten bräuchten. Für Behandlung und Genesung zum Beispiel. Wie gut, dass ausgerechnet der Höllensturz in die Diagnose eine erste kleine, aber vollkommen reale Chance eröffnet, der Angst in die Zügel zu fallen, bevor sie völlig mit uns durchgeht.

KREBS IM KONGO ?

Denn zumindest in unseren Breitengraden ist die medizinische Versorgung geradezu märchenhaft. Quasi direkt nach der Diagnose startet ein hocheffizientes, für die Patienten dank eines funktionierenden Gesundheitssystems eher preiswertes Hilfsprogramm, von Operation über Folgebehandlungen bis Psychotherapie. Von sowas kann die Durchschnittsbevölkerung in über 85% der Welt nur träumen. Falls Sie jemals einen Bericht über Brustkrebs im Kongo oder Darmkrebs in Venezuela gelesen haben, muss ich Ihnen das vermutlich nicht weiter erklären.

Wer das Pech hat, als normal Sterblicher in solchen Ländern am bösen K zu erkranken, hat ausgesprochen schlechte Karten. Sofern er überhaupt erkannt wird. Qualifizierte Fachärzte gibt es dort nämlich viel seltener als bei uns, von modern ausgestatteten Untersuchungszentren mit Ultraschall, Röntgengeräten und MRTs mal ganz zu schweigen. Was aber für die Mehrzahl der Erkrankten egal ist – sie hätten für diese medizinische Betreuung nämlich sowieso kein Geld.

Wir hingegen werden umgehend komplett versorgt. Und das vermittelt uns mitten im seelischen Schleudergang ein beruhigendes Gefühl: Hey, da sind eine Menge Leute für mich zu Gange, die alle alles dafür tun, dass ich wieder gesund werde.

Wer auch nur einen Zipfel dieser rationalen Erwägung zu fassen bekommt, hat gute Chancen, die Angst wenigstens ein bisschen einzudämmen. Komplett wegargumentieren lässt sie sich nicht, leider. Aber wir können einiges dafür tun, dass sie uns nicht jede einzelne Minute unseres weiteren Lebens versaut.

MEIN ERSTE-HILFE-KASTEN GEGEN DIE ANGST

ABLENKUNG. Mit Abstand die simpelste Methode. Geeignet ist jede Aktivität, die unsere Gedanken davon abhält, sich zusammenzurotten, um in finsterer Absicht die Stresshormonproduktion in den roten Bereich zu treiben: Anstrengungsarme Bewegung im Freien (Fahrradfahren, Nordic Walking, Tai Chi, Window-Shopping) bringt außer Ablenkung dank frischer Luft auch ein paar gute Gefühle. Ein bewährter Klassiker sind Entspannungsübungen wie Yoga vor der Glotze und Progressive Muskelentspannung auf MP3 oder CD, bei denen man Anleitungen befolgt und sich deshalb leicht darauf konzentrieren kann.

Von Haus aus solide Ablenker sind auch alle Dinge, auf die wir gerade spontan Lust haben: Sporteln, Kochen, Lesen, Gamen, Hund Gassi führen, Sudoku, DVDs alphabetisch sortieren, Fernsehen, Serien-Binge-Watching, Pflanzen umtopfen. Arbeiten. Womöglich sogar Fensterputzen, wer weiß, es gibt ja die seltsamsten Gelüste. Treffen mit Leuten, die nicht gleich grün im Gesicht werden, wenn sie das Wort Krebs hören. Hauptsache, wir fühlen uns weder über- noch unterfordert.

Ablenkung, Nachtprogramm: Atemübungen (1-2-3-4-5 einatmen, 1-2-3-4-5-6-7-8 ausatmen). Oder darf‘s eine kleine Rechenübung sein? Bei 410 anfangen und in Dreierschritten runterzählen. Simpel genug, um die grauen Zellen nicht zu überfordern, aber schwer genug, um sie daran zu hindern, in Panik zu verfallen.
Wenn alles nichts nutzt: aufstehen anstatt rumwälzen.

BAMMEL SEZIEREN. Jeder Angstmacher verliert an Schrecken, wenn man den Mut aufbringt, sich ihn einmal genau anzuschauen. Beim Näherkommen merkt man nämlich, dass er sich in mehrere Blöcke zerlegen lässt. Die jeder für sich ein bisschen überschaubarer und damit leichter zu ertragen sind als das Gefühl schier übermächtiger Bedrohung. Glücklicherweise gelang es mir damals, den großen Angsthaufen in vier kleinere Portionen zu unterteilen und mir die dann einzeln vornehmen.

ANGST VOR SCHMERZEN: NORMAL, ABER UNNÖTIG: Schließlich gibt’s gegen Schmerzen jede Menge hochwirksamer Medikamente, die mir in meiner Situation jeder Arzt bereitwillig verschreibt. Falls ich an einen der berüchtigten Schmerzmittel-Geizkrägen und Suchtgefahr-Witterer geraten sollte, muss ich eben energisch werden und klipp und klar ansagen, wie es mir geht und welche Medikamente ich bekommen möchte. Oder schlicht den Arzt wechseln.

Wer es mit pharmazeutischen Produkten nicht so hat, dafür aber vor kleinen Beschaffungsmaßnahmen am Rande des Gesetzbuchs nicht zurückschreckt, kann sich übrigens auch mit Cannabis beträchtliche Erleichterung verschaffen.

ANGST VOR DER BEHANDLUNG: NORMAL, ABER ZEITLICH BEGRENZT. Chemo und Strahlen sind kein Vergnügen, aber sie dauern in der Regel nur ein paar Monate. Festgelegte Anzahl an Terminen, überschaubarer Zeitraum, Ende absehbar. Nicht zu vergessen: Die Behandlung ist das Bollwerk gegen den schlimmsten Horrorfaktor.

ANGST VOR DEM TOD: NORMAL… ABER UNAUSWEICHLICH. Und zwar für alle. Nicht nur für mich mit meinem verdammten Mammakarzinom. Nur dass ich schon im Alter von 44 Jahren damit konfrontiert wurde. Aber dann wurde ich behandelt, siehe oben. Die moderne Schulmedizin setzte ihre gesamte Maschinerie in Gang, um mich von dem Ding zu befreien. Und danach stand der Zähler wieder auf Null. Nach ärztlichem Ermessen war ich wieder clean.

Punkt, Absatz, neues Kapitel. Die dicht getakteten Nachsorge-Termine sind einerseits ein Angstmacher, aber andererseits das beste Mittel gegen die Angst. Und mit jedem Jahr, das ich mich weiter durchhangele, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich durch den bösen K zu Tode komme.

SONSTIGE ANGSTMACHER: WEG. Hurra! Der ganze Rest, der in wechselnder Zusammensetzung für schlagartige Adrenalinaussschüttung sorgt und Gehirn, Herz und Magen zum Schlottern bringt: Angst vorm Chef, Angst vor freier Rede, Angst vorm Zahnarzt, Angst vor dem nächsten Stress mit dem Beziehungspartner oder den lieben Kleinen, Angst vor fiesen Kunden, Angst vor Phishing, Angst vor Fehlkäufen, Angst vor Bazillen an Türklinken, Angst vor Falten… Je nach Veranlagung, Lebenssituation und Tagesform werden unsere Nerven mehr oder weniger permanent von den verschiedensten Ängsten strapaziert. Weil wir aber bei der Diagnose vollfitte Nerven brauchen, versinken diese ganzen Sorgen, die uns vorher das Leben schwergemacht haben, bis auf Weiteres in tiefster Bedeutungslosigkeit. Und das wiederum ist mitten im Schleudergang des Diagnoseschocks ein wirklich euphorisierendes Erlebnis: die plötzliche, glasklare Erkenntnis, was wirklich wichtig ist.
Und was nicht.

Es ist nicht einfach, die Angst auf diese Weise zu zerlegen und damit leichter erträglich zu machen – aber es ist machbar. Es braucht viel Zeit und viel Übung und viel Rückschlagtoleranz – aber es ist machbar. Und damit ein Ausweg aus der Gefahr, die Angst zum Diktator über unser Leben werden zu lassen.

Diese Gefahr ist leider recht groß. Was nicht nur an der Krankheit selbst liegt, sondern an dieser Aura von Verdammnis, die allein schon das Wort „Krebs“ verbreitet. Die dazugehörige Endzeitstimmung ist für uns Kranke schon schwer genug auf Abstand zu halten. Aber wenn dann auch noch die Reaktionen der anderen dazu kommen, von Betroffenheitsblicken bis Tränenausbrüchen, da sieht man sich wahrhaftig schon mit einem Bein in der Grube. Was die Angstabwehr noch ein bisschen schwieriger macht. Aber nicht zum Ding der Unmöglichkeit.

HILFE AUS DER PSYCHOKISTE: Ja BITTE!

Schließlich gibt es zwei weitere Angstreduktionsstrategien, beide von den Krankenkassen ausnahmsweise großzügig abgenickt: Psychopharmaka und psychologische/psycho-onkologische Betreuung. Beides ein echter Segen. Aber vor allem Ersteres dummerweise immer noch mehrheitlich verkannt, verachtet, verunglimpft. Weshalb an dieser Stelle alle LeserInnen, die schon bei dem Wort „Psychopharmaka“ in Stirnrunzeln ausgebrochen sind, zur Strafe mein Buchkapitel „Alles Psychokacke oder was?“ lesen müssen.

Ich war jedenfalls ziemlich froh über die Segnungen der Psychotherapie und moderner Beruhigungsmittel (insbesondere bei Nachsorge-Untersuchungen), denn ich habe mich erwartungsgemäß schwer damit getan, die Angst im Zaum zu halten.

Aber wissen Sie was: Sogar bei mir als amtlich diagnostiziertem Schisshas ist die Angst im Laufe der Zeit schwächer geworden. Okay, das hat zwar an die zehn Jahre gedauert. Aber besser spät als nie, genau. Das Monster hat sich zum Memento mori gewandelt, zu einer fürsorglichen Mahnung à la „Pass gut auf dich auf“. Heute lebe ich achtsamer (ja ich weiß, eins von diesen labberigen Modewörtern, aber es trifft‘s nun mal), dankbarer und damit gesünder, als ich mir das damals vor zehn Jahren bei der Diagnose hätte vorstellen können.
Also, für mich ist das ein echter Fortschritt.

© Ullstein Buchverlage Berlin, 2019

www.kopf-hoch-brust-raus.de

Autorin: Susanne Reinker

Bildnachweis: Nadine Fischer / Bauer Media Group

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