2. Die Therapieentscheidung

Transkript

[00:00]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Was kennzeichnet die bestmögliche Therapie aus Arztsicht?

Die bestmögliche Therapie ist natürlich die, die Ihnen bestmöglich hilft. Wir haben heute eine Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten. Während man früher bei Erkrankungen wie zum Beispiel dem Multiplen Myelom zwei, drei Therapien gehabt hat, haben wir heute 10 bis 15 Therapien. Es gibt einen enormen Fortschritt, bedingt dadurch, dass wir die Krankheit besser verstehen, in die Zellen genauer hineingehen können, eine sogenannte molekulare Diagnostik haben. Und da stellt sich heraus: Die Zellen sind weder gut noch böse, sondern sie sind schwerhörig. Sie hören Informationen nicht richtig. Da kann man noch so laut rufen — Sie hören nicht die Information: „Hey, Burschen, Mädels, ihr braucht euch nicht zu teilen.“ Das hören sie nicht, und sie teilen sich weiter. Und so können wir heute sehr gezielt diese Schwerhörigkeit überwinden, indem wir Hörapparate einbauen. Und das ist so vielfältig wie die Erkrankungen.

Das heißt, was wir heute machen in onkologischen Cancer Centern, in Comprehensive Cancer Centern, ist, dass wir eine Einheit haben von molekularer Diagnostik, Pathologie und onkologisch tätigen Ärzten, die gemeinsam über Ihren Befunden brüten, das Bestmögliche an Therapie, basierend auf Studiendaten, auf Zahlen, Daten und Fakten Ihnen dann vorschlagen werden, in einem gemeinsamen Tumorboard beschließen und dann mit diesem Vorschlag schriftlich an Sie herantreten. Und Sie haben dann Informationen und können entscheiden.

[01:29]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Welche Faktoren können die Entscheidung beeinflussen?

  • Die Faktoren, die die Entscheidung beeinflussen, sind zum einen subjektiv, das heißt: „Wie geht es mir damit? Welche Erkrankungen habe ich“? Das ist sozusagen mein Performance-Status, mein Allgemeinzustand. „Habe ich eine schwere Herzerkrankung? Habe ich Stoffwechselerkrankungen?“ Viele Menschen ab 50 Jahren haben irgendeine chronische Erkrankung. Das ist wichtig zu berücksichtigen bei der Therapieentscheidung.
  • Dann gibt es sozusagen die äußeren Faktoren: Wie ist die Studienlage? Welche Informationen haben wir über die Erkrankung und die Wirksamkeit der Therapie? Das wird heute durch genaue Studien geklärt. Und wir können Ihnen basierend auf diesen Daten klare Vorschläge machen.
  • Und dann, neben diesen subjektiven und objektiven Faktoren, ist natürlich auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient in eine wichtige. Dieses Vertrauensverhältnis, in dem das, was so schwer begreifbar ist, erst verstehbar macht. Die Beziehung ist die Meta-Ebene der Kommunikation.
  • Und als nächstes kommen soziale Aspekte. Das ist etwas Spannendes, weil wir das in der Medizin zu selten berücksichtigen. Jeder Marketingexperte weiß das, Beim Billa und beim Spar wird das berücksichtigt, wo man Dinge platziert, damit sie besser gesehen werden, welche Menschen man mit welcher Sprache anspricht. Nur in der Medizin glauben wir, dass alle gleich sprechen. Wir kommunizieren letztlich von Maturanten für Maturanten. Das ist nicht sehr effektiv. Das heißt, diese sozialen Faktoren spielen auch eine Rolle.

Wie können wir Risikogruppen auch noch zusätzlich definieren? Das ist nicht nur die Genetik. Das ist nicht nur die Größe des Tumors. Das ist auch der Zugang zum Gesundheitssystem-Netzwerk, den ich habe.

[03:10]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Was ist eine klinische Studie und welche Chancen und Risiken birgt die Teilnahme?

Klinische Studien sind wichtig für uns und sie bieten Ihnen sehr viel.
Das Ziel von klinischen Studien ist, Therapien sicherer und wirksamer zu machen. Sie sind — früher ist man davon ausgegangen: Wenn ich bei einer Studie teilnehme, bin ich ein Versuchskaninchen. Das sind Sie nicht ganz. Sie bleiben ein freier Mensch in einem freien Land. Sie können jederzeit aussteigen. Sie verkaufen nicht Ihre Seele bei einer klinischen Studie.
Wir unterscheiden bei klinischen Studien im Wesentlichen fünf große Elemente:

  • Eine Phase 1- Studie, die in der Regel bei gesunden Menschen durchgeführt wird, um erste Informationen über die Sicherheit des Medikamentes und seine Verstoffwechslung im Körper zu finden.
  • Eine Phase 2-Studie, wo wir erste Informationen über die Dosis und die Wirksamkeit bekommen.
  • Und dann, und das werden die meisten Studien, die man Ihnen anbietet, sein, Phase 3-Studien, wo man noch genauer die Wirksamkeit und die Sicherheit des Medikamentes testet.
  • Dann gibt es Phase 4-Studien, die man Ihnen wahrscheinlich auch öfters anbieten wird. Das sind Erweiterungen der Zulassung in der Regel, wo ein Medikament, das bereits eine Zulassung hat, für eine andere Erkrankung ebenfalls getestet wird.

Das heißt: In der Regel ist es so, dass Studien, die Ihnen vorgeschlagen werden, in der Regel Phase III-, Phase IV-Studien sind, wo das Medikament bereits zu einem großen Teil erprobt ist, aber noch nicht zugelassen ist für den Einsatz und Sie eine engmaschige Kontrolle haben, viel genauer begleitet werden. Und wir wissen, dass Menschen in Studien besonders sicher durch die Therapie begleitet werden.
Was Sie nicht wissen ist, ob die Studienmedikation wirklich besser ist als die etablierte Standardtherapie. Das soll ja die Studie zeigen. Das ist sozusagen die Unsicherheit dabei.
Wenn wir aber im Rahmen einer Studie sehen, dass das Medikament, das Studienmedikament, wirksam ist, dann wird die Studie sozusagen beendet. Und alle Patienten bekommen das wirksamere Medikament, wenn der Unterschied zu stark ist.
Wenn während einer Studie sehen, dass das Medikament nicht wirksam ist oder schädlich ist, wird die Studie abgebrochen. Das heißt, es werden auch Kontrollen eingebaut.
Und Sie haben stets die Möglichkeit, aus der Studie auszusteigen. Sie bleiben eine freie Frau, ein freier Mann in einem freien Land.

[05:30]

Dr. Gerald Bachinger

Inwiefern kann die Krankenkasse die Therapiewahl beeinflussen?

Man muss bedenken, dass es bei der Therapie-Entscheidung ein zweistufiges Verfahren für Sie gibt:

  • Die erste Stufe ist diejenige, dass hier aus fachlich ärztlicher, medizinischer Sicht festgestellt wird, mit Ihnen gemeinsam, was die bestmögliche Behandlung ist.
  • Dann kommt aber noch in einem öffentlich-rechtlichen, solidarischen Gesundheitswesen eine zweite Stufe dazu: Das Krankenkassensystem, das Krankenhaussystem muss natürlich auch gewisse ökonomische Hintergründe wahren. Es gibt oft eine ganze Reihe von Behandlungen, die man durchaus als bestmöglich für Sie bezeichnen kann. Und da muss aber dann das Krankenhaus oder die Krankenkasse diejenige Behandlung herausfiltern, die für die Allgemeinheit auch die kostengünstigste ist.

Das heißt: Es ist neben der fachlichen Ebene, das für Sie die bestmögliche Behandlung gewählt wird, auch eine ökonomisch allgemeine Ebene des allgemeinen öffentlichen, solidarischen Gesundheitswesens wahrzunehmen. Wenn es darum geht, dass gleichartige Behandlungen vorhanden sind, dann ist die Krankenkasse und das Krankenhaus verpflichtet, die ökonomisch günstigste zu wählen, um eben die Allgemeinheit nicht über Gebühr zu belasten.

Was beeinflusst die Therapieentscheidung?

KrebspatientInnen steht heute eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Welche in Ihrem individuellen Fall die Beste ist, hängt unter anderem von Ihrem momentanen Gesundheitszustand ab. Darüber hinaus fließen aktuelle Studienergebnisse, die belegen, wie wirksam eine bestimmte Therapie bei einer bestimmten Krebsart ist, in die Entscheidungsfindung ein. Auch die Beziehung zu Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt sowie der Zugang zum Gesundheitssystem spielen eine Rolle.

Kommunikation mit Ihrer/Ihrem behandelnden Ärztin/Arzt

Eine gute Beziehung zu Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt kann die Kommunikation mit Ihrer behandelnden Ärztin/Ihrem behandelnden Arzt stärken. Vielleicht fällt es Ihnen am Anfang noch schwer, Ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Schließlich ist Ihnen noch Vieles unbekannt und die Ärztin/der Arzt noch nicht vertraut.

  • Versuchen Sie, gleich zu Beginn zu klären, was Ihnen lieber ist: eine direkte Art oder ein vorsichtiger Umgang.
  • Seien Sie ehrlich, sprechen Sie über das, was in Ihnen vorgeht, Ihre Gefühle und Ängste.
  • Halten Sie sich an Vereinbarungen und teilen Sie Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt mit, wenn Sie verordnete Medikamente nicht genommen oder einen Therapietermin ausgelassen haben.
Transkript

[00:00]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Wer ist an meiner Therapie-Entscheidung beteiligt?

An der Therapie-Entscheidung sind primär Sie und Ihre Vertrauten, Ihre Ressourcen, Ihr Netzwerk beteiligt, die Ärzte, die Sie behandeln, das Behandlungs-Team, ein Tumorboard.

Ein Tumorboard ist ein Team von ExpertInnen, die Sie bestmöglich unterstützen wollen bei der Therapie-Entscheidung und versuchen, die bestmögliche Therapie für Sie herauszufinden. Es setzt sich in der Regel aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen.

  • Kerngruppe sind immer die onkologisch tätigen ÄrztInnen. Das können Internistische Onkologen sein. Das können auch Chirurgen, Gynäko-Onkologen sein, Urologen sein.
  • Dazu kommen Histologen. Das sind die Experten, die die Gewebsproben, die aus dem Körper entnommen werden, genau untersuchen.
  • Und manchmal sind die Histologen auch jene, die die genetische Untersuchung machen. Manchmal gibt es eigene Genetik-Experten, die beim Tumorboard dabei sind.
  • Dazu kommen fallweise PsychoonkologInnen,
  • Pflegefachkräfte,
  • SozialarbeiterInnen,

je nach der personalisierten Therapie-Entscheidung.

[01:07]

Dr. Gerald Bachinger

Welche Pflichten hat meine Ärztin/mein Arzt, wenn sie/er mir eine Therapie empfiehlt?

Es gibt Pflichten in zwei Ebenen:

  • Die erste Ebene ist diejenige, dass für Sie gemeinsam mit Ihnen, mit Ihrem Lebensumfeld, mit Ihrer Ansicht über Lebensqualität die fachlich richtige und fachlich beste Entscheidung in einer ersten Stufe getroffen wird.
  • In einer zweiten Stufe hat der Arzt aber auch transparent zu machen, dass es möglicherweise da oder dort Abstriche gibt von dieser einen Variante, weil es bei den Krankenkassen zum Beispiel Vorgaben gibt, dass bestimmte ökonomische Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Das muss aber ganz transparent mit Ihnen besprochen werden.

Das ist auch ein Punkt, wo ich in der Praxis bemerke, dass vor allem dieses Transparentmachen von verschiedenen ökonomischen Hintergründen von vielen ÄrztInnen und Ärzten mit dem Patienten nicht besprochen wird. Das gibt aber dem Patienten und der Patientin dann eine schlechte Position, weil sie dann nicht die Möglichkeit haben, hier nachzufragen und vielleicht auch nachzustoßen bei der Krankenkasse, weil es durchaus bei der Krankenkasse im Einzelfall dann immer wieder Freiräume gibt.

Das heißt: Mein Ratschlag und mein Tipp für Sie ist, dass Sie, wenn Sie die Behandlungs-Entscheidungen mit dem Arzt besprechen, durchaus aktiv nachfragen, ob es hier auch noch andere Behandlungsmethoden und die Behandlungsalternativen gibt und warum der Arzt zu dem Schluss kommt, dass nur die eine jetzt die richtige ist für mich.

[02:45]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Werden meine Lebensumstände bei der Therapiewahl auch berücksichtigt?

Ihre Lebensumstände sind sehr wichtig bei der Therapiewahl. Sie werden aber nur dann berücksichtigt, wenn die ÄrztInnen das wissen. Das heißt, wenn Sie wichtige Begleiterkrankungen oder besondere Lebensumstände haben, sagen Sie das. Machen Sie keine Kompromisse. Schonen Sie weniger weder Ihre Umwelt, auch nicht Ihre ÄrztInnen. Es ist wichtig, dass wir es wissen. Weil, wenn ich es weiß, kann ich darauf Rücksicht nehmen. Wenn ich es nicht weiß, kann ich es nicht berücksichtigen. Wenn Sie ganz wichtige Ereignisse haben, eine Hochzeit, eine Familienfeier, dann werden wir versuchen, das zu berücksichtigen. Sagen Sie das ruhig, was Ihnen wichtig ist. Was soll passieren? Im schlimmsten Fall sage ich: „Nein, bitte machen Sie das nicht. Bleiben Sie bei dem Therapieplan.“ Aber vielleicht kann das auch sein: „Kein Problem. Wir verschieben das um drei Tage nach hinten.“ Wenn es möglich ist und wenn es nicht zu Ihrem Schaden ist, dann werde ich Ihnen das sicher vorschlagen. Wenn es möglich ist, möglicherweise aber bei Ihnen Schaden macht, dann ist es aber auch Ihre Entscheidung. Sie entscheiden mit. Wir machen das gemeinsam.

Wie wird entschieden?

Die Entscheidung ist gewiss nicht einfach, da sich Therapien in den Nebenwirkungen und ihrer Wirksamkeit unterscheiden. Ihre Ärztin/Ihr Arzt berät sich in der Regel mit anderen KrebsspezialistInnen und bespricht Ihren Fall in einem sogenannten Tumorboard. In diesem Gremium beraten SpezialistInnen gemeinsam darüber, welche Therapie sie Ihnen empfehlen werden. Die finale Entscheidung für oder gegen eine Therapie liegt letztendlich bei Ihnen.

Wer ist Teil des Tumorboards?

Ein Tumorboard setzt sich aus FachärztInnen, die an der Behandlung Ihrer Erkrankung beteiligt sind, zusammen. Dieser Kreis von ExpertInnen berät im Rahmen von Konferenzen über das für Sie individuell bestmögliche diagnostische und therapeutische Vorgehen.

Dem Tumorboard gehören an:

  • In der Regel besteht das Tumorboard aus OnkologInnen, RöntgenologInnen und FachärztInnen für Strahlentherapie. Auch FachärztInnen aus der Pathologie/Histologie sind Teil des Tumorboards – diese ExpertInnen untersuchen die Gewebeproben, die aus dem Körper entnommen wurden.
  • Je nachdem, um welche Krebserkrankung es sich handelt, werden ÄrztInnen aus dem entsprechenden Fachgebiet, zum Beispiel Gynäkologie, Urologie, Chirurgie, Dermatologie oder Lungenheilkunde inkludiert.
  • Es kann auch notwendig sein, dass PsychoonkologInnen, Pflegepersonen, SozialarbeiterInnen oder andere ExpertInnen beigezogen werden.

Wer ist Teil meines onkologischen Behandlungsteams?

Sie werden im Laufe Ihrer Krebstherapie mit vielen Menschen aus dem Gesundheitswesen zu tun haben. Neben Ihrer behandelnden Onkologin/Ihrem behandelnden Onkologen sind das andere ÄrztInnen, die zum Beispiel beratend hinzugezogen werden oder eine bestimmte Therapie betreuen. Hinzu kommen je nach individueller Situation Pflegekräfte, PsychoonkologInnen und SozialarbeiterInnen. All diese Menschen bilden Ihr onkologisches Behandlungsteam, das versucht, Sie hinsichtlich sämtlicher Notwendigkeiten rund um Ihre Erkrankung zu unterstützen.

Sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam!

Sie möchten während einer Therapiephase bei wichtigen Lebensereignissen wie zum Beispiel bei einer Hochzeit dabei sein? Sie müssen regelmäßig zu einer Schmerzbehandlung für eine chronische Erkrankung? Auf solche Lebensumstände und Wünsche kann Ihre Onkologin/Ihr Onkologe durchaus Rücksicht nehmen und den Therapieplan anpassen – sofern sie/ er davon weiß. Sprechen Sie daher offen mit Ihren betreuenden ÄrztInnen.

Transkript

[00:00]

Dr. Gerald Bachinger

Welches Mitsprechrecht habe ich als PatientIn vor und während der Therapie-Entscheidung?

Die Mitspracherechte für Sie als Patientin und als Patient sind in Österreich sehr stark ausgebaut. Letztendlich ist es so, dass gegen Ihren Willen oder gegen Ihre Entscheidung keine Therapie durchgeführt werden darf. Das geht zurück auf das bereits erwähnte Selbstbestimmungsrecht, auf die Patientenautonomie, auf die Möglichkeit, dass ich über meinen eigenen Körper auch selbst entscheide. Wobei mit einer kleinen Einschränkung, muss ich dazusagen, dass dieses Selbstbestimmungsrecht kein aktives, forderndes Recht ist in Hinblick auf eine bestimmte Behandlung, also nicht das Recht auf eine Wunschtherapie. Es ist aber ein volles Recht, dass alles, was fachlich medizinisch vorgeschlagen wird vom Arzt, von Ihnen auch abgelehnt werden kann. Das heißt: Man kann unter bestimmten Voraussetzungen schon auch etwas fordern, wenn es bestimmte Behandlungsalternativen gibt, und da ist dieses Recht, seine Wünsche einzubringen, durchaus vorhanden.

Umgekehrt kann ich als Patientin, als Patient wirklich alles ablehnen, auch wenn es aus Sicht der Fachleute vernünftig ist. Das heißt, ich habe von der Rechtsordnung her als Patientin und als Patient die Möglichkeit, dass ich auch medizinisch unvernünftige Entscheidungen treffe, wenn ich in meinem Lebensumfeld und in meiner Lebensqualität das als die richtige Entscheidung ansehe.

[01:30]

Dr. Gerald Bachinger

Darf/Soll ich vor der Therapie-Entscheidung eine Zweitmeinung einholen?

Das Recht, Zweitmeinungen einzuholen, ist aus meiner Sicht ein neues, sehr interessantes Recht für Sie als Patientin, als Patient. Dieses Recht hat aber in der Rechtsordnung bei uns und auch in der Patienten-Charta noch keinen Niederschlag gefunden. Es gibt sehr wohl einige Kassen, und da sollten Sie sich eben vorher informieren, die hier durchaus großzügig sind und, wenn man das eine oder andere Argument bringt, durchaus bereit sind, eine Zweitmeinung auch einzuholen und auch für Sie zu finanzieren. Das ist ja der wesentliche Punkt.

Wir haben in den letzten Jahren in Österreich, und das ist eh aus Deutschland auch rübergekommen, durchaus eine Entwicklung, dass sich Einrichtungen für Patienten als Service zur Verfügung stellen, wo solche Zweitmeinungen eingeholt werden können. Also wenn ich jetzt vor einer schwierigen Operation stehe, wo ich von einer Einrichtung, von einem Arzt eine bestimmte Beratung und ein bestimmtes Behandlungsregime als Vorschlag bekommen habe, dann ist es durchaus interessant, sich an solche Plattformen und Einrichtungen zu wenden, dort die Unterlagen vorzulegen und eine Zweitmeinung zu bekommen.

Wenn Sie das selbst finanzieren können, dann ist es ohnedies kein Problem. Wenn Sie es nicht selbst finanzieren können, dann sollten Sie eben vorher mit der Kasse darüber reden, dass Sie vielleicht zumindest einen Zuschuss bekommen.

[03:10]

Dr. Gerald Bachinger

Habe ich einen Rechtsanspruch auf die bestmögliche Therapie?

In Österreich ist aufgrund der Patienten-Charta im niedergelassenen Bereich ein Rechtsanspruch auf eine bestmögliche Behandlung durchaus vorgesehen. Sie haben die Möglichkeit, dass Sie bei der Kasse, wenn Sie anderer Meinung gemeinsam mit Ihrem Arzt sind, als die Kasse es vielleicht ist oder der Chefarzt der Kasse es ist, haben Sie die Möglichkeit, einen Bescheid zu verlangen. Gegen diesen Bescheid kann man dann beim Sozialgericht auch vorgehen. Nachteil ist, dass solche Verfahren relativ lange dauern, also man kann rechnen: Drei bis fünf Jahre ist nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.

Aber immerhin – man muss das wirklich sehr positiv hervorheben: Man hat die Möglichkeit, dass man über verschiedene rechtliche Möglichkeiten hier auch gegen Kassenentscheidungen vorgeht.

Diese Möglichkeit habe ich leider als Patientin, als Patient im stationären Bereich nicht. Das ist eine langjährige Forderung der Patientenanwälte, dass wir hier für die Patientinnen und Patienten auch eine ähnliche Rechtsposition bekommen. Ich hoffe, dass wir jetzt in dieser Regierungsperiode, wo die Patientenrechte auch im Regierungsprogramm drinnen sind, dass wir hier die Möglichkeit bekommen, das in die Patientenrechte einzubringen und auch als Teil der Patientenrechte zu fassen.

[04:30]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Warum kann es hilfreich sein, wenn mich Angehörige zum Arztgespräch begleiten?

Schauen Sie, wenn Sie einen Verdacht haben, dass Sie frühzeitig Ihren Partner, Ihre Partnerin einbinden. Vier Ohren hören mehr als zwei Ohren. Es ist oft schwierig, wenn man begonnen hat, Dinge alleine versuchen zu lösen, sie mit sich alleine auszumachen, den anderen rechtzeitig einzubinden. Oft kann es auch zu Irritationen kommen.

Überlegen Sie einmal, wenn Sie von einer Krankheit konfrontiert sind, Ihren Partner nicht einbinden, was das für Folgen haben kann in der Beziehung. Denken Sie einfach daran: Was ist, wenn mein Partner eine Krankheit hätte, mich nicht einbindet, ich erst später zufällig vielleicht beim Therapiebeginn erfahre, dass er oder sie Krebs haben? Was bedeutet das für Sie? Würden Sie das wollen? Die meisten sagen nein.

Also ich würde vorschlagen, dass es hilfreich ist, Partner, nahe Freunde, Verwandte frühzeitig einzubinden. Sie haben mehr Informationen. Wenn ich selber zum Arzt gehe, bin ich gestresst. Ich vergesse auf die Hälfte der wichtigen Fragen. Ich merke mir nicht alles. Ich merke das, worauf sich mein Fokus, mein Gehirn konzentriert. Und die anderen Dinge entgehen meiner Aufmerksamkeit. Zu zweit oder zu dritt haben Sie aber mehrere sozusagen Lampenkegel, die das Wissen ausleuchten.

Jeder hört einen anderen Teil, und dann kann man zusammen die Informationen noch einmal zusammensetzen zu Hause, ein Team bilden und vorbereitet in das nächste Gespräch gehen.

Wichtig ist: Der ganze Vorgang von der Verdachtsdiagnose zur Abklärung, zum Überbringen der schlechten Nachricht einer Tumorerkrankung ist ein Prozess. Das ist nicht ein einmaliges Ereignis, sondern ist etwas, wo Sie Zeit benötigen, um das zu verarbeiten und das alles in ein Licht zu rücken, wo wir ein Verstehen und Begreifen ermöglichen.

[06:20]

Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger

Welche Informationen sollte ich meiner Ärztin / meinem Arzt mitteilen, damit die bestmögliche Entscheidung getroffen werden kann?

Es ist wichtig, dass Sie möglichst viele Informationen Ihren Ärzten mitteilen, weil sie die bestmögliche Entscheidung unterstützen.

Es ist nur nicht leicht zu finden: Welche Information ist relevant, welche nicht relevant? Das kann man nur im gemeinsamen Gespräch klären. Also seien Sie nicht sozusagen dann verärgert oder gekränkt, wenn ein Arzt und eine Ärztin sagen: „Das Thema ist jetzt vielleicht nicht so relevant, konzentrieren uns lieber auf dieses Thema.“ Es wird eigentlich mit Rücksicht auf die Zeit und auf die Entscheidungsfindung manche Information hintangestellt, die können später vorkommen, und manche Informationen sind jetzt akut wichtig.

Also mir ist jetzt zum Beispiel bei einer Therapie Entscheidung wichtig, dass ich ein Blutbefund habe, dass ich ein Herz-Ultraschallbefund habe, dass ich Informationen über Stoffwechselsituation bekomme, welche Ressourcen Sie zu Hause haben, ob Ihr Mann Sie zur Therapie begleiten kann oder Ihre Frau, wie Sie herkommen, wie Sie nach Hause kommen.

Ihr Beitrag zur bestmöglichen Entscheidung

Die Entscheidung darüber, welche Therapie für Sie die bestmögliche ist, ist komplex. Sie können aber einen großen Beitrag leisten, indem Sie aktiv mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt die für eine Entscheidung wichtigen Punkte besprechen.

Werden Sie bei der Therapieentscheidung aktiv

Je besser Ihre Ärztin/Ihr Arzt Sie und Ihren Fall kennt, umso besser kann sie/er für Sie eine Therapieempfehlung abgeben. Nehmen Sie daher Termine zu Voruntersuchungen wahr und beantworten Sie alle Fragen genau, so dass sich die Ärztin/der Arzt ein umfassendes Bild Ihrer Erkrankung machen kann. Sollten Sie bereits an Krebs erkrankt gewesen sein oder leiden Sie unter einer chronischen Erkrankung, ist es wichtig, dass Sie Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt alle relevanten Unterlagen und Befunde vorlegen.

Sprechen Sie außerdem auch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt über Ihre persönlichen Belange, wie z.B.:

  • Ihr Lebensumfeld
  • Ihre Lebensqualität
  • Ihr Schmerzempfinden

Holen Sie sich Unterstützung durch Angehörige

Familie und FreundInnen können Ihnen während Ihrer Krebstherapie eine wertvolle Stütze sein. Sie können Ihnen auch schon bei der Therapieentscheidung helfen:

Lassen Sie sich zu Arztterminen begleiten

Vier Ohren hören mehr als zwei, vor allem, wenn Sie selbst aufgeregt oder ängstlich sind und sich nicht alles merken können.

Holen Sie sich Unterstützung bei Ihrer Recherche

Seriöse Informationen zu Therapieoptionen zu suchen und zusammenzutragen ist mühsam, geben Sie Rechercheaufgaben an Freunde ab.

Geteilte Erfahrungen können Sie unterstützen

Mitunter haben Freunde und Bekannte bereits selbst Erfahrungen mit bestimmten Therapien gemacht und können Ihnen hilfreiche Tipps geben.

Wägen Sie Ihre Optionen nicht alleine ab

Es kann hilfreich sein, auch die Gedanken anderer dazu zu hören. Besprechen Sie das Für und Wider der einzelnen Therapien mit Ihren Vertrauten.

Wichtige Schutzmaßnahmen für KrebspatientInnen

KrebspatientInnen, deren Immunsystem durch die Erkrankung selbst oder durch die Behandlung geschwächt ist, müssen vor Infektionen besonders geschützt werden. Besonders in Anbetracht der aktuellen Pandemie sollten KrebspatientInnen daher unbedingt auf Hygiene- und allgemeine Schutzmaßnahmen achten. Wichtige Informationen zu Hygieneschutzmaßnahmen und weitere hilfreiche Tipps finden Sie im Kurs Coronavirus und chronische Erkrankungen – unsere Sammlung von Experten-Antworten zu COVID-19 für Menschen mit erhöhtem Risiko.

Beachten Sie außerdem, dass in Anbetracht der aktuellen Lage womöglich Ihre Angehörigen Sie möglicherweise nicht zu Terminen begleiten dürfen. Bitte versuchen Sie außerdem unnötige Arzt- und Spitalbesuche zu reduzieren und schützen Sie sich durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.

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  • Wichtige Fragen nach Ihrer Krebsdiagnose Eine Krebsdiagnose stellt eine enorme Belastungssituation dar. Das Leben verändert sich von heute auf morgen. Viele Dinge sind zu organisieren, die sowohl direkt mit Ihrer Erkrankung als auch mit Ihrem Alltag zu tun haben. Diese Fragen können Sie sich dabei stellen.

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Geprüft Dr. Gerald Bachinger und Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger: Stand Oktober 2020 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.