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Kurs Bewegung und Sport bei Angina pectoris: Lektion 1 von 7

Gründe für Bewegung für mein Herz

Unter welchen Voraussetzungen darf ich als Angina pectoris-PatientIn Sport betreiben? Und wie können Bewegung und Sport die Symptomatik bei Angina pectoris lindern und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen und verbessern? Antworten auf diese Fragen erhalten Sie in dieser Lektion.

Video Transkript

Warum ist Bewegung bei PatientInnen mit Koronarer Herzerkrankung wichtig?

Sportliche Betätigung oder körperliche Aktivität ist grundsätzlich für alle Menschen wichtig. Neben den hier im Schaubild gezeigten positiven Effekten können vor allem Krankheiten unter Kontrolle gehalten werden — Diabetes mellitus, Bluthochdruck. Aber auch die muskuläre Situation kann gestärkt werden. Die Ausdauer kann gestärkt werden. Man kann so Stürze und Verletzungen vermeiden, verbesserte Lebensqualität. Und das trifft natürlich insbesondere Patienten, die unter einer koronaren Herzerkrankung leiden, da diese natürlich von ihrer Herzfunktion eh schon eingeschränkt sind und dadurch von stabilisierenden Maßnahmen, und da ist der Sport eine ganz essenzielle Maßnahme, besonders profitieren.

Welche Auswirkungen hat Sport auf mein Herz?

Durch regelmäßigen Sport wird das Herz trainiert, die Herzleistung nimmt zu, die Herzkraft nimmt zu, und Sie werden auch sehen im Laufe Ihrer sportlichen Betätigung und Ihres Trainings, dass die Herzfrequenz, also der Pulsschlag abnimmt.

Ähnliches können Sie auch erreichen, indem Sie zum Beispiel Betablocker einnehmen. Auch diese haben einen herzschützenden Effekt, nur dass Sie, wenn Sie diesen Effekt durch sportliche Betätigung erreichen, keine medikamentösen Nebenwirkungen haben.

Daneben unterstützt die sportliche Betätigung die Verhinderung von Krankheiten, die Reduktion des Körperfetts und auch eine Reduktion des Fettgewebes im Herzen.

Welche Auswirkungen hat meine Herzleistung auf meine Fähigkeit Sport zu treiben?

Um überhaupt Sport treiben zu können, benötige ich eine gewisse Herzleistung. Das Problem ist dabei bei Patienten, die an einer Herzerkrankung, insbesondere einer koronaren Herzerkrankung leiden, dass diese dadurch limitiert sind, dadurch weniger Sport machen können und dann in einen Teufelskreis geraten. Das heißt: Das Herz ist schwach, Sie machen keinen Sport, das Herz wird noch schwächer.

Das Ziel einer gezielten sportlichen Betätigung ist, dass man das Herz wieder langsam und geordnet in Schwung bringt, um eben diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Was geschieht mit dem Körper und vor allem dem Herzen, wenn wir uns nicht bewegen?

Für alle Organsysteme im Körper gilt: „form follows function“, was heißt: Ein Organ wird immer nur so gut ausgebildet sein von seiner Funktionalität, wie es der Körper tatsächlich erfordert. Bei Patienten, die sich nie sportlich betätigen, wird auch die Herz-Kreislauf-Leistung, so kann man sagen, etwas heruntergefahren. Tatsächlich gilt dann insbesondere bei Patienten, die herzkrank sind, nicht nur „form follows function“, sondern tatsächlich „Wer rastet, der rostet“. Das heißt: Ein krankes Herz, das nicht mehr sportlich körperlich gefordert wird, reduziert weiter seine Funktion. Und dadurch ist die langfristige Leistungsfähigkeit in der Zukunft mehr und mehr eingeschränkt.

Durch ein gezieltes sportliches Training kann eben dieses Verrosten des Herzens verhindert werden und so letztendlich langfristig eine gute Lebensqualität erreicht werden und tatsächlich auch bei Patienten mit Angina pectoris und koronarer Herzerkrankung die Lebenserwartung verlängert werden.

Was bedeutet Atherosklerose und wie kann Bewegung entgegenwirken?

Atherosklerose ist die Verkalkung von arteriellen Blutgefäßen. Diese kommt dadurch zustande, dass sich lokal Cholesterin einlagert und lokale Entzündungsprozesse die Gefäßwand weiter schädigen.

Durch sportliche Betätigung können wir die zugrunde liegenden Risikofaktoren kontrollieren. Das heißt:

  • Wir können den Blutdruck reduzieren,
  • wir können eine möglicherweise bestehende Zuckerkrankheit besser kontrollieren,
  • und wir können das Übergewicht reduzieren.

Ein besonderer Vorteil von Sport ist, dass er uns in der Einhaltung eines guten Tag-Nacht-Rhythmus‘ unterstützt. Das heißt: Sport verbessert die Möglichkeit, nachts einzuschlafen, nachts durchschlafen und ermöglicht so eine Entspannung der Gefäße zur Schlafenszeit.

Rezente Daten aus Spanien haben gezeigt, dass insbesondere die nächtlichen Blutdruckabfälle das Gefäßsystem besonders schützen und wir durch regelmäßige Ausübung von Sport diese nächtliche Entspannung induzieren können.

Kann ich durch mehr Bewegung auch eine bereits bestehende Herzerkrankung beeinflussen?

Sport hilft bei Herzerkrankungen praktisch in jeder Krankheitsphase. Bei uns im Reha-Zentrum Münster trainieren wir deshalb natürlich nicht nur gesunde Menschen, sondern insbesondere auch Patienten mit schweren Herzerkrankungen, das heiß: Patienten nach einem Herzinfarkt, Patienten nach einer Herz-Bypass-Operation, nach Klappen-Operationen, aber auch schwerstkranke Patienten zum Beispiel mit Kunstherzen oder Zustand nach Herztransplantation.

Sport kann dabei natürlich eine bestehende Durchblutungsstörung zum Beispiel nicht wieder rückgängig machen. Aber wir können durch körperliche Aktivität das Fortschreiten dieser Erkrankungen deutlich bremsen.

Sport hilft uns deswegen dabei, die Erkrankung und die Leistungseinschränkungen durch die Herzerkrankung gut unter Kontrolle zu halten.

Stimmt es, dass der Körper natürliche Bypässe bilden kann und dass Bewegung das fördert?

Der Körper ist natürlich in der Lage, neue Gefäße zu bilden. Durch regelmäßiges Training auch bei Durchblutungsstörungen insbesondere im Bein weiß man heute, dass das ein Mechanismus ist, der sehr gut auch bis zu einer Beschwerdefreiheit im Muskel sozusagen führen kann. Das ist allerdings ein Prozess, der mindestens mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre dauert.

Vom Mechanismus her ist es so, dass bei einer Unterversorgung eines Muskels Botenstoffe ausgeschüttet werden. Diese Botenstoffe verursachen oder bringen die Gefäßstruktur dazu, neue Gefäße zu bilden und so wieder eine Durchblutung, die ausreichend ist für den Muskel, herzustellen.

Bei Durchblutungsstörungen im Bein funktioniert das folgendermaßen: Man trainiert die Muskulatur bis in den Schmerz hinein, weil man weiß, dass durch Auslösung dieses Ischämi-Schmerzes, dieser Unterdurchblutung diese Botenstoffausschüttung verstärkt stattfindet.

Beim Herz ist allerdings ein Unterschied: Wir möchten das Herz nicht bis in den Schmerzbereich trainieren, weil das schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen kann. Nichtsdestotrotz empfehlen wir allen Patienten mit einer Durchblutungsstörung am Herzmuskel ein regelmäßiges sportliches Training. Allerdings immer nur in einem Bereich, wo der Patient oder die Patientin weitgehend beschwerdefrei sind.

Wer kann mich dabei unterstützen, wenn ich mehr Bewegung machen will?

Grundsätzlich sollten sich Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung vor Beginn einer sportlichen Tätigkeit einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Das gewährleistet eine möglichst große Sicherheit, wenn ich wieder anfange, das Herz-Kreislauf-System verstärkt zu benutzen.

Gut ist auch, wenn ich zumindest in der Anfangsphase eine physiotherapeutische Begleitung verwende oder wenn ich mich gleich in eine strukturierte Rehabilitation begebe, um letztendlich geordnet wieder ein gutes Leistungsniveau erreichen zu können.

 

Auf den Punkt gebracht

Gründe für Bewegung für mein Herz

Regelmäßige sportliche Betätigung

  • verbessert die Lebensqualität
  • erhöht die Lebenserwartung

auch bei PatientInnen mit koronarer Herzerkrankung.

Die Voraussetzungen für Sport bei Angina pectoris

Sportliche Aktivität ist bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus medizinischer Sicht sinnvoll. Bevor Sie mit dem Training beginnen können, wird Ihr Behandlungsteam in der Regel versuchen zu erreichen, dass Sie auch unter Belastung keine Angina pectoris-Beschwerden haben. Dafür stehen Ihren ÄrztInnen folgende Maßnahmen zur Verfügung:

Trotz dieser Therapiemöglichkeiten kann nicht immer erreicht werden, dass die Angina pectoris-Symptome ganz verschwinden. Falls Sie nicht beschwerdefrei sind, klicken Sie auf die auf Sie zutreffende Aussage um zu erfahren, was Sie vor dem Trainingsbeginn beachten sollten:

Seit neuestem treten bei mir hin und wieder Angina pectoris-Symptome auf

Sind die Angina pectoris-Beschwerden bei Ihnen neu aufgetretenen, so handelt es sich dabei um eine sogenannte instabile Angina pectoris, die Sie unmittelbar ärztlich abklären lassen sollten. In der Zwischenzeit sollten Sie keinen Sport ausüben.

Meine Angina pectoris konnte durch die Behandlung stabilisiert werden, aber die Symptome sind nicht ganz verschwunden

Bleiben bei Ihnen trotz Therapie Angina pectoris-Beschwerden bestehen, die sich aber in letzter Zeit nicht verschlechtert haben, handelt es sich um eine stabile Angina pectoris. Bevor Sie mit dem Training beginnen, ist unbedingt eine ärztliche Trainingsfreigabe und Trainingsplanung erforderlich.

Meine Angina pectoris-Symptome haben sich in letzter Zeit verstärkt oder treten häufiger auf

Haben sich Ihre Angina pectoris-Beschwerden verschlechtert, so handelt es sich um eine sogenannte instabile Angina pectoris, die Sie unmittelbar ärztlich abklären lassen sollten. Bis dahin sollten Sie keinen Sport ausüben.

Der Zusammenhang zwischen Angina pectoris und Sport

Wenn Sie eine koronare Herzerkrankung haben bedeutet das also nicht, dass Sie Ihren Körper nicht mehr belasten dürfen – ganz im Gegenteil!

Bewegung ist für den gesamten Körper gesundheitsfördernd. Das gilt auch wenn die Herzkranzgefäße erkrankt sind. Studien belegen: Bewegung und Sport können neben den typischen Beschwerden der Angina pectoris auch das Risiko reduzieren, zukünftig weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erleiden. Regelmäßiges körperliches Training kann alle Fitnessparameter verbessern, die für die Gesundheit unseres Herz-Kreislauf-Systems wichtig sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Leistungsfähigkeit des Herzens um 10-25% verbessern lässt – je nach Intensität und Dauer des Trainingsprogramms. Anders als oft angenommen, zeigt bereits ein Mindestmaß an körperlicher Aktivität positive Effekte auf unsere Gesundheit.

Die positiven Auswirkungen von Sport auf die Gesundheit und das Herz

Regelmäßige körperliche Betätigung hat zahlreiche positive Effekte auf unsere Gesundheit und ist besonders hilfreich zur Vorbeugung und Behandlung von Durchblutungsstörungen des Herzens.

Zu den positiven Auswirkungen zählen unter anderem:

  • Illustration GewichtsreduktionGewichtsreduktion
  • Illustration Senkung des BlutdrucksSenkung des Blutdrucks
  • Illustration Senkung des BlutzuckerspiegelsSenkung des Blutzuckerspiegels
  • >Illustration bessere Stimmungbessere Stimmung
  • Illustration bessere Schlafqualitätbessere Schlafqualität
  • Illustration höhere Lebenserwartunghöhere Lebenserwartung
  • Illustration bessere Sauerstoffversorgung des Körpersbessere Sauerstoffversorgung des Körpers
  • Illustration gekräftigtes Herzgekräftigtes Herz
  • Illustration gestärkte Gefäßfunktiongestärkte Gefäßfunktion

Empfohlene Stunden Sport pro Woche

Sie müssen nicht gleich SpitzensportlerIn werden. Schon kleine Bewegungseinheiten haben große Vorteile für die Gesundheit. Die WHO (World Health Organization) empfiehlt zweieinhalb bis fünf Stunden sportliche Betätigung pro Woche. Mit einem täglich 30-minütigen Spaziergang erfüllen Sie dieses Pensum zwar noch nicht, das wäre aber zumindest ein Anfang.

Sportstunden pro Woche

Herzsportgruppen – gemeinsam zum Ziel

Selbsthilfegruppen, beziehungsweise Herzsportgruppen, können Sie bei der Durchführung des Trainings unterstützen. Herzsportgruppen bieten einige Vorteile: Sport in der Gemeinschaft fördert die eigene Motivation, es macht mehr Spaß mit anderen und man fühlt sich unter der Anleitung von speziell ausgebildeten ÜbungsleiterInnen sicherer. In Gruppen trainieren Sie gemeinsam auf ein Ziel hin – Ihre Lebensqualität zu verbessern. Informieren Sie sich bei Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, denn: „Gemeinsam sind wir stärker!“

Wussten Sie schon,

dass ein trainiertes Herz im Vergleich zu einem untrainierten Herz täglich etwa 14.400 Herzschläge einsparen kann?

Geprüft Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Johannes Brenner: Juli 2020 | AT-RAN-15-03-2020

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Dieser Kurs ist Teil der Kursreihe „Leben mit Angina pectoris“

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Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

Bildnachweise: Yacobchuk, SasinP, Green Ocean, K.phonlamai, HalfPoint, Orus, anatolir, VectorMine, MarShot, Vikivector, Wild_rabbit, Macrovector, O_Dio_Mio, lembergvector | Bigstock