1. Was sind Nervenschmerzen?

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Bei Nervenschmerzen treten häufig Fragen bei PatientInnen und Angehörigen auf wie: Was ist eine Neuropathie? Woher kommen Nervenschmerzen? Kann man Nervenschmerzen bei einer Gürtelrose bekommen? Was ist eine Polyneuropathie? Was kann die Nervenschmerzen schlimmer machen? OÄ Dr.in Gabriele Grögl teilt ihre Antworten zum Thema:

Wie ist ein Nerv aufgebaut und wie funktioniert er?

Nerven sind anatomische Strukturen, die

  • der Erregungsleitung
  • und dem Informationsaustausch

dienen.

Aufgebaut sind Nerven aus einer Vielzahl von einzelnen Nervenfasern, die gebündelt werden und von Bindegewebe umgeben sind.

Das Nervensystem liefert Informationen, wie etwas aussieht, wie etwas riecht, wie etwas schmeckt. Es verarbeitet diese Information und reagiert auf diese Informationen.

Was ist das periphere Nervensystem und was ist das zentrale Nervensystem?

  • Zum zentralen Nervensystem zählt man alle Nervenstrukturen, die im Gehirn beziehungsweise im Rückenmark lokalisiert sind.
  • Das periphere Nervensystem umfasst sämtliche nervale Strukturen, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen,

wobei diese Unterteilung eine rein topografische ist, denn diese beiden Systeme kann man funktionell nicht voneinander trennen. Sie arbeiten zusammen, und die Strukturen des peripheren Nervensystems verbinden das zentrale Nervensystem mit seinen Erfolgsorganen wie beispielsweise die Muskulatur und die Eingeweide.

Was passiert mit dem Nerv bei Nervenschmerz?

Der Nervenschmerz, der sogenannte neuropathische Schmerz, ist definiert als ein Schmerz, der auftritt im Rahmen einer Erkrankung oder Läsion von Nervenstrukturen. Hierbei kommt es zu Prozessen, die die Erregbarkeit des Nerven massiv steigern können. Der Nerv entwickelt eine Spontanaktivität, das heißt, diese gesteigerte Erregbarkeit kann spontan auftreten oder auch manchmal durch verschiedene Faktoren getriggert werden.

Denken Sie daran beispielsweise: Patienten mit einer Trigeminusneuralgie geben an, dass ihre Schmerzen auftreten, wenn sie sprechen, wenn sie essen, wenn sie sich die Zähne putzen. Das sind sogenannte Triggerfaktoren, die dazu führen, dass der Nerv eine gesteigerte Erregbarkeit aufweist und dann als Schmerzinformation diese Erregbarkeit weitergibt.

Nervenschmerz – Grundlagen

Nervenschmerzen entstehen durch Schädigung von Nervengewebe. In der medizinischen Fachsprache werden Nervenschmerzen als „neuropathische Schmerzen“ bezeichnet. Übersetzt bedeutet das so viel wie „Krankheit der Nerven“ (aus dem Griechischen: Neuro = Nerv, pathos = Krankheit). 

Wie unterscheiden sich Nervenschmerzen von anderen Schmerzarten?

Wenn Sie sich in den Finger schneiden, empfinden Sie einen kurzen, stechenden Schmerz. Dieser oberflächliche Schmerz entsteht durch die Schädigung des Gewebes. Im Gegensatz dazu treten Nervenschmerzen bei Erkrankungen, Schädigungen oder Verletzungen von Nerven auf. Daraus entwickelt sich eine deutliche Steigerung der Erregbarkeit der Nerven, die für das Auftreten des Nervenschmerzes verantwortlich sind. Typischerweise werden Nervenschmerzen als kribbelnd, brennend, einschießend und elektrisierend im Bereich des betroffenen Nervens empfunden. Nervenschmerzen haben unterschiedliche Ursachen und treten oft zum Beispiel nach Herpes Zoster (Gürtelrose), bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder in Zusammenhang mit Krebserkrankungen auf.

Warum es so wehtut, wenn man sich den Ellenbogen stößt

Vermutlich ist Ihnen das auch schon einmal passiert – Sie stoßen sich leicht den Ellenbogen und ein kribbelnder Schmerz zuckt vom Ellenbogen bis zur Fingerspitze Ihres kleinen Fingers. Das hängt damit zusammen, dass Sie durch den Stoß nicht nur die Haut, sondern auch einen oberflächlich laufenden Nerv getroffen haben. Dieser verläuft genau dort, wo Sie den kribbelnden Schmerz nach dem Ellenbogenstoß spüren. Da der Nerv durch den Stoß irritiert wird, ist auch dieser Schmerz eine Art Nervenschmerz, der in solchen Fällen allerdings nach kurzer Zeit aufhört.

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Was sind die häufigsten Nervenschmerzformen?

Ich werde jetzt versuchen, Ihnen die häufigsten Nervenschmerzformen aufzuzählen.

  • Am häufigsten ist zweifelsohne sind Nervenschmerzen im Rahmen eines Herpes Zoster bzw. nach einer Herpes-Zoster-Infektion die sogenannten Post-Zoster-Neuralgien.
  • Dann haben wir die Trigeminus-Neuralgien,
  • Nervenschmerzen, die im Rahmen von Diabetes mellitus auftreten,
  • Nervenschmerzen bei alkoholkranken Personen,
  • bei Personen, die Tumorerkrankungen haben.
  • Es gibt Nervenschmerzen, die auftreten können im Rahmen von medikamentösen Therapien. Das heißt: Medikamente selbst können Nervenschmerzen auslösen.
  • Es kann nach Bestrahlungen zu Nervenschmerzen kommen.
  • Es ist möglich, dass es zu Nervenschmerzen kommt nach Hirninfarkten, nach Hirnblutungen im Rahmen von Tumorerkrankungen des Gehirns.
  • Es ist möglich, dass es zu Nervenschmerzen kommt bei genetisch bedingten Erkrankungen. Da treten Mutationen in bestimmten Natrium-Kanälen auf.

Ich hoffe, dass ich jetzt die häufigsten erwähnt habe.

Was versteht man unter einer Mono- und Polyneuropathie?

Wie bereits erwähnt, bedeutete Neuropathie die Erkrankung von Nervenstrukturen.

  • Diese Erkrankung kann einen einzelnen Nerv betreffen. Dann spricht man von einer Mono-Neuropathie.
  • Betrifft die Erkrankung mehrere Nerven, dann spricht man natürlich von einer Poly-Neuropathie. Die Polyneuropathie ist beispielsweise typisch für Nervenschmerzen im Rahmen von Alkoholerkrankungen und ganz typisch für Nervenschmerzen, die im Rahmen von Diabetes mellitus auftreten.

Welche Nervenschmerzformen lassen sich heilen?

Das ist eine sehr schwierig zu beantwortende Frage, denn im Prinzip lassen sich nur Nervenschmerzformen heilen, wo die Ursache beseitigbar ist, bevor es zu bleibenden Schäden kommt.

  • Beispielsweise nach Herpes-Zoster-Infektionen kann es durchaus dazu kommen, dass nach einer gewissen Latenz der Nervenschmerz tatsächlich nicht mehr vorhanden ist.
  • In vielen anderen Fällen ist es leider so, dass nur eine Symptomlinderung durch die entsprechende, meist medikamentöse Therapie erfolgen kann.

Formen von Nervenschmerzen

Nervenschmerzen lassen sich, nach der Anzahl der betroffenen Nerven, in zwei Formen einteilen:

  • Mononeuropathie

    Betrifft der Nervenschmerz nur einen Nerv, wird das als Mononeuropathie bezeichnet. Dies kann zum Beispiel durch Einengung des Nervengewebes entstehen.

  • Polyneuropathie

    Sind mehrere Nerven betroffen, spricht man von Polyneuropathie. Häufig treten Polyneuropathien in Zusammenhang mit Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Alkoholkrankheit oder Krebserkrankungen auf.

Warum besteht für Menschen mit einer Polyneuropathie ein erhöhtes Verletzungsrisiko im Alltag?

Eine Polyneuropathie kann sich durch Missempfindungen, aber auch durch ein eingeschränktes Gefühl für Schmerzen zeigen. Oft sind die Nerven der Füße und Beine betroffen. Da die Nerven Berührungen zum Teil nicht mehr weiterleiten, spüren Sie beispielsweise einen scheuernden Schuh weniger oder haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten.

Wie kann man sich schützen?

Es ist grundsätzlich wichtig, Verletzungen vorzubeugen und rechtzeitig zu behandeln. Auf folgende Punkte sollten Sie im Alltag aufmerksam werden:

Verletzungen vorbeugen:

  • Tragen Sie passendes Schuhwerk. Ihre Schuhe sollten fest, aber nicht zu eng sitzen und Ihre Zehen ca. 1,5 Zentimeter Platz zur Schuhspitze haben.
  • Pflegen Sie Ihre Füße indem Sie:
    • diese täglich mit lauwarmem Wasser waschen und vorsichtig abtrocknen
    • sie mit Fußcremes pflegen
    • Ihre Zehennägel regelmäßig schneiden
  • Vermeiden Sie Stolperfallen in Ihrer Wohnung. Montieren Sie unterstützende Griffe oder Geländer in Flur und Bad.

Verletzungen entdecken:

  • Kontrollieren Sie einmal täglich Ihre Füße inklusive Fersen und Fußsohlen. Ein Handspiegel hilft Ihnen, Verletzungen zu entdecken. Achten Sie auf:
    • Rötungen, Druckstellen, Blasen oder kleine Einrisse
    • Blut oder Feuchtigkeit von Verletzungen in Ihren Socken
  • Gehen Sie zur medizinischen Fußpflege. Fragen Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt, ob eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse möglich ist.
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Wer ist besonders gefährdet an Nervenschmerzen zu erkranken?

Besonders gefährdet sind Menschen,

  • die einen Diabetes mellitus haben,
  • die unter Alkoholismus leiden,
  • die unter Durchblutungsstörungen leiden,
  • Patienten, die übergewichtig sind.

Warum? – Weil diese Patienten erstens wieder dazu neigen, einen Diabetes mellitus zu bekommen, und weil es bei diesen Patienten zu einer Überbelastung der Wirbelsäule kommt und es daher gehäuft zu Bandscheibenvorfällen oder Erkrankungen der Wirbelsäule kommt, die mit Nervenschmerzen einhergehen können.

Weiter sind Patienten gefährdet, die erblich bedingte Erkrankungen haben. Auch da kann es gehäuft zum Auftreten von Nervenschmerzen kommen.

Welche erblichen Faktoren können Nervenschmerzen begünstigen?

Wir wissen, dass es im Rahmen von bestimmten erblichen, genetisch bedingten Erkrankungen zum Auftreten von Nervenschmerzen kommen kann.

  • Das ist beispielsweise die Amyloidose,
  • das ist beispielsweise der Morbus Fabry
  • oder der Morbus Charcot-Marie-Tooth, und zwar vom Typ 2B und 5,
  • und, wie gesagt, bei genetisch bedingten Mutationen der Natriumkanäle 1.7, 1.8 und 1.9.

Welche Faktoren (wie z.B. Stress) können das Schmerzempfinden beeinflussen?

Das ist eine sehr, sehr wichtige Frage, die man auch immer mit dem Patienten genau besprechen muss, da es sehr wichtig ist, dass der Patient weiß, wann es beispielsweise sogar zu einem verstärkten Schmerzempfinden kommen kann.

Hier sind Faktoren wie

  • Depression,
  • Schlafstörungen,
  • Angst

im Vordergrund stehend.

Was bedeutet das? – Das bedeutet, dass natürlich diese Faktoren auch mitbehandelt werden müssen.

  • Patienten, die eine Depression haben, müssen die Depression mitbehandelt bekommen.
  • Schlafstörungen müssen versucht werden, in den Griff zu bekommen,
  • ebenso Ängste.

Auf der anderen Seite gibt es glücklicherweise auch Faktoren, die einen positiven Einfluss auf die Schmerzempfindung haben.

  • Das ist alles, was mit positiven Emotionen verbunden ist
  • und vor allem Ablenkung.

Das wissen die meisten Patienten genau und sagen das auch im Gespräch, dass, wenn sie unterwegs sind mit Freunden, mit dem Hund, wenn sie etwas Angenehmes machen, beispielsweise Theaterbesuche und dergleichen, dass es ihnen besser geht, weil der Schmerz nicht im Vordergrund steht.

Risikofaktoren von Nervenschmerzen

Häufig tragen Übergewicht, Diabetes oder Alkoholkrankheit zur Entstehung von Nervenschmerzen bei. Es gibt auch genetische Erkrankungen, die von Nervenschmerzen begleitet werden. Einige psychische Faktoren können sich auf Ihre Schmerzempfindung verstärkend oder mildernd auswirken.

Mögliche verstärkende Faktoren der Schmerzempfindung

Beim Umgang mit Nervenschmerzen kann es Ihnen helfen zu wissen, welche negativen Faktoren Ihre Empfindung beeinflussen können. Die folgenden Fragen können Ihnen dabei helfen.

Schlafstörungen:

  • Ist Ihr Schlaf nicht erholsam?
  • Erwachen Sie früh?
  • Fühlen Sie sich tagsüber müde?

Depressionen:

  • Fühlen Sie sich täglich antriebslos und traurig?
  • Haben Sie das Interesse an Unternehmungen und Hobbys verloren, die Ihnen normalerweise Freude bereiten?

Angstzustände:

  • Sind Sie häufig nervös und unruhig?
  • Leiden Sie unter plötzlichem Zittern, Schwitzen oder Herzrasen?

Wenn Sie einige dieser Fragen mit „ja“ beantwortet haben oder vermuten, dass diese Faktoren eine Rolle für Ihre Schmerzen spielen, besprechen Sie Ihre Bedenken mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Verstärkende Faktoren können mitbehandelt und Ihre Schmerzen so gezielter gelindert werden.

Mögliche mildernde Faktoren der Schmerzempfindung

Beim Umgang mit Nervenschmerzen kann es Ihnen helfen zu wissen, welche positiven Faktoren Ihre Empfindung beeinflussen können. Die folgenden Fragen können Ihnen dabei helfen.

Positive Emotionen:

  • Was bereitet Ihnen Freude? Vielleicht lesen Sie gern ein gutes Buch oder gehen in der Natur spazieren.

Ablenkung:

  • Wann konnten Sie zuletzt alles um sich herum vergessen? Rufen Sie eine Freundin/einen Freund an oder treffen Sie sich für einen Theater- oder Kinobesuch.

Achten Sie gezielt darauf, was Ihnen Freude bereitet und Ihre Schmerzen lindert. Es kann hilfreich sein, Situationen oder Aktivitäten zu notieren, die Ihnen gut getan haben.

Downloads

  • Glossar Hier finden Sie begleitend zur Online-Kursreihe "Schmerzen erfolgreich bewältigen" alle wichtigen Begriffe gesammelt.

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Geprüft: Dr. Gabriele Grögl: Stand November 2020 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

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