1. Was sind Schmerzen?

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Welche Funktion hat Schmerz?

Schmerz ist eine Sinneswahrnehmung, die uns das ganze Leben begleitet. Schmerz ist eine ganz wichtige Sinneswahrnehmung, weil Schmerz führt Sie dazu, wenn irgendwas im Körper nicht stimmt, dass Sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Schmerz ist damit ein wichtiges Warnsignal für unseren Körper. Wenn der Körper einen Schaden nimmt, dann wird es am meisten durch Schmerz kommuniziert.

Schmerz kann aber auch sehr negative Auswirkungen haben. Wenn Schmerz weiterbesteht, die Warnfunktion verloren hat, zum chronischen Schmerz wird, dann kann Schmerz auch das Leben bestimmen, nämlich negativ bestimmen und Sie in Ihrer Lebensqualität massiv beeinträchtigen.

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Welche Rolle spielen Schmerzen in unserer Gesellschaft?

Schmerzen spielen in unserer Gesellschaft wahrscheinlich eine eher unterschätzte Rolle.

Wir wissen in der Zwischenzeit, dass sehr viele Patienten davon stark betroffen sind. Laut einer Gesundheitsbefragungen von Statistik Austria sind wahrscheinlich 20 Prozent aller Österreicher immer wieder von chronischen Schmerzen betroffen. Ganz genaue Zahlen haben wir leider nicht.

Wir können es nur hochrechnen aus anderen Ländern, die das genauer untersuchen. Aber wir können davon ausgehen, dass zumindestens 350.000 Österreicher solche Schmerzen haben, dass sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und sozial betroffen sind.

Dann spricht man nämlich auch von einer Schmerzkrankheit. Und diese Schmerzkrankheit hat auch Auswirkungen. Diese Patienten sind meistens dann nicht mehr arbeitsfähig. Sie sind sehr oft im Krankenstand. Sind Patienten, die frühzeitig in Pension gehen.

Und deswegen sollten wir viel mehr Augenmerk auf die Behandlung von chronischen Schmerzen legen.

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Welche typischen Schmerzerkrankungen gibt es?

  • Die typischen Schmerzerkrankungen, wenn man die Befragungen in Österreich betrachtet, sind vor allem die Erkrankungen des Bewegungsapparates, des Stützapparates, also es betrifft vor allem die Wirbelsäule, es betrifft die Gelenke.
  • Was sonst noch dazukommt, sind natürlich Nervenschmerzen bei Erkrankungen wie Diabetes mellitus
  • oder auch Nervenschmerzen ohne Ursache oder ohne fassbare Ursache.
  • Und relativ häufig treten natürlich auch noch Kopfschmerzen auf.
  • Schmerzen treten auch im Rahmen von Tumorerkrankungen auf. Aber das ist im Vergleich zu den anderen Patienten eine relativ geringe Zahl. Natürlich müssen diese Patienten ganz besonders sorgsam behandelt werden.

Bedeutung von Schmerzen

Fast jeder wird sich an einen Moment erinnern können, in dem sie/er schon einmal Schmerzen empfunden hat. Aber wozu sind diese Schmerzen überhaupt gut? Warum sind sie sogar eine sehr sinnvolle Funktion unseres Körpers, obwohl wir uns diese oft am liebsten wegwünschen würden?

Weshalb empfinden wir Schmerzen?

Der Schmerz erfüllt eine wichtige Warn- und Schutzfunktion, die uns vor größerer Schädigung bewahren soll. Berühren Sie etwa eine heiße Herdplatte, so führt der sofort einsetzende Schmerz dazu, dass Sie Ihre Hand möglichst rasch wieder aus dem gefährlich heißen Bereich entfernen werden und so gröbere Verbrennungen Ihrer Haut verhindern. Auch bei unfallbedingten Verletzungen schützt uns der Schmerz davor, verletzte Bereiche zu sehr zu beanspruchen, um so den Heilungsprozess nicht zu stören oder zu verlangsamen. Unter bestimmten Umständen kann der Schmerz jedoch dauerhaft bestehen bleiben, seine nützlichen Eigenschaften verlieren und sich zu einer eigenen Krankheit entwickeln.

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Welche Ursachen für Schmerzen gibt es?

Schmerzen können durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden:

  • Prinzipiell jede Zerstörung von Gewebe oder jeder Schaden am Gewebe erregt Schmerzrezeptoren. Das kann sein in der Haut, in der Muskulatur, im Knochen. Es kann tiefer in den Eingeweiden sein. Das ist aber der Schmerz, der eigentlich für uns notwendig ist, der physiologische Schmerz.
  • Es gibt aber dann auch Schmerzzustände, zum Beispiel bei chronischen Entzündungen, die werden zwar auch über Schmerzrezeptoren vermittelt. Nur durch die Entzündungsreaktion, zum Beispiel bei rheumatologischen Erkrankungen, kann es so weit gehen, dass jede Bewegung Schmerzen verursacht. Also eine normale Bewegung verursacht Schmerzen. Das sind die chronischen Entzündungsschmerzen.
  • Ein ganz wichtiger Punkt sind die Nervenschmerzen. Da werden nicht die Schmerzrezeptoren aktiviert, sondern da ist in der Regel die Schmerzleitung geschädigt, also die Nerven, die den Schmerz von den Schmerzrezeptoren zum Gehirn, zum Zentralnervensystem weiterleiten. Das kommt zum Beispiel vor bei Diabetes mellitus oder auch nach Chemotherapien, wenn die Nerven durch diese Substanzen geschädigt sind.
  • Und eine ganz eher außergewöhnliche Schmerzform sind die sogenannten dysfunktionalen Schmerzen. Dysfunktionale Schmerzen entstehen dadurch, dass die körpereigene Schmerzhemmung gestört ist und die Schmerzverarbeitung im Gehirn, im Zentralnervensystem, auch gestört ist oder verstärkt ist. Das beste Beispiel für diese Form von Schmerzen ist die Fibromyalgie.

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Was ist der Unterschied zwischen akutem und chronischem Schmerz?

Schmerzen kann man natürlich auch nach der Dauer einteilen.

  • Es gibt akute Schmerzen,
  • es gibt chronische Schmerzen.

Der akute Schmerz ist prinzipiell der notwendige Schmerz, also der, der ein Warnsignal an unser Gehirn schickt, dass im Körper etwas nicht stimmt.

Der chronische Schmerz ist ein Schmerz, der dann aus so einem akuten Schmerz entstehen kann. In der Regel deswegen, weil der akute Schmerz nicht ausreichend behandelt wurde.

Also der akute Schmerz ist der sinnvolle Schmerz mit der Warnfunktion, der chronische Schmerz ist in der Regel immer ein sinnloser Schmerz.

Der akute Schmerz korreliert auch immer sehr, sehr gut mit der Gewebeschädigung. Beim chronischen Schmerz ist das ein bisschen schwieriger, der wird von den Patienten in der Regel eher diffus beschrieben. Er kann meistens nicht so genau lokalisiert werden.

Akuter Schmerz, wenn irgendwo ein Schaden entstanden ist, die Patienten können genau sagen, wo es wehtut. Beim chronischen Schmerz ist es oft eine ganze Körperregion, und dieser chronische Schmerz hat noch dazu die Angewohnheit, sich irgendwie weiter auszubreiten. Es kann sogar eine ganze Körperhälfte dann betroffen werden, obwohl eine Ursache irgendwo einmal vielleicht nur in einer Extremität gelegen ist.

Weiters kann man diese beiden Schmerzarten unterscheiden mit den Co-Symptomen: Akuter Schmerz, weil er besonders stark wehtut, z.B. wenn sich jemand den Arm bricht, kann Angst verursachen. Das betrifft vor allem Kinder. Erwachsene haben, in der Regel zumindest, die Einsicht, dass das eine Verletzung ist. Das kann man wieder reparieren, ruhigstellen oder operieren, und das wird wieder gut, und der Schmerz wird vorbeigehen.

Bei den chronischen Schmerzen kommen andere Symptome dazu. Die Patienten haben Depressionen, sind depressiv, verstimmt, es kommt zu Angststörungen. Es kommt zum Libidoverlust, zum Beispiel. Die Patienten vereinsamen. Und was nicht unterschätzt werden soll: Chronische Schmerzen können Patienten sogar so stark beeinträchtigen, dass diese Patienten einen Selbstmordversuch unternehmen. Der chronische Schmerz gehört eigentlich zu den häufigsten Ursachen für Selbstmordversuche.

Und wenn man das Ganze zusammenfassen will, dann ist der akute Schmerz ein Symptom einer Erkrankung, und der chronische Schmerz ist eigentlich eine eigene Krankheitsentität. Das heißt, es ist ein eigenes Krankheitsbild.

[04:13]

Was ist der Unterschied zwischen somatischem und viszeralem Schmerz?

Wenn man somatischen von viszeralem Schmerz unterscheiden möchte, ist es wichtig, dass den somatischen Schmerz betrifft eher die Oberfläche des Körpers, also z.B. die Haut, dann weiter die Muskulatur. Und dazu gehören eigentlich auch noch die Knochen, zum somatischen Schmerz. Die Haut ist am meisten exponiert gegen Einflüsse von der Umwelt. Deswegen gibt es in der Haut besonders dicht diese Schmerzrezeptoren. Aus diesem Grund können Patienten den Schmerz auch genauer lokalisieren, wenn es die oberflächlichen Strukturen betrifft.

In den Eingeweiden, in den Viszera, viszeraler Schmerz, also Magen, Darm oder auch Lunge, sind diese Schmerzrezeptoren deutlich seltener. Das führt dazu, dass Patienten den Schmerz dort nicht so genau lokalisieren können. Die Patienten geben eher diffuse Schmerzen an. Das ist meistens so ein leichter Druckschmerz. Nur wenn es dann zu Verschlüssen, z.B. von Hohlorganen kommt, wie die Gallenblase oder die Niere, so kolikartige Schmerzen, das werden dann ganz, ganz extreme Schmerzen.

Ursachen von Schmerzen

Die Ursachen von Schmerzen sind vielfältig. Fast jeder Bereich unseres Körpers kann davon betroffen sein. Dabei sind manche Orte häufiger Ursprung von Schmerzen als andere.

Welche Teile unseres Körpers sind am häufigsten von Schmerzen betroffen?

Eine Befragung unter chronischen SchmerzpatienInnen kam zu dem Ergebnis, dass chronische Schmerzen am häufigsten im Bereich des Rückens und der Knie angesiedelt sind. Darauf folgen Kopf, Beine und Gelenke als die Orte, an denen die meisten Betroffenen Schmerzen angeben. Außerdem wurden Schulter, Hüfte, Nacken und Hand als schmerzhafte Bereiche aufgezählt.
Dies zeigt, dass Schmerzen in der Bevölkerung weit verbreitet sind und an vielen Stellen des Körpers auftreten. Sie sehen also, dass Sie mit großer Wahrscheinlichkeit mit Ihren Schmerzen nicht die/der einzige Betroffene sind.

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Was ist ein nozizeptiver Schmerz?

Ein nozizeptiver Schmerz ist ein Schmerz, der durch sogenannte Nozizeptoren, das sind die Schmerzrezeptoren, vermittelt wird. Diese Nozizeptoren, Schmerzrezeptoren, gibt es in der Haut, im oberflächlichen Gewebe – sehr dicht, in den Eingeweiden, in den Viszera – eher weniger dicht.

Die Nozizeption, die Schmerzwahrnehmung, erfolgt eben über Schmerzrezeptoren und wird dann mittels Nerven an das zentrale Nervensystem weitergeleitet und dort wahrgenommen.

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Was ist ein neuropathischer Schmerz?

Im Gegensatz zum nozizeptiven Schmerz entstehen neuropathische Schmerzen durch die Schädigung von schmerzleitenden Fasern.

  • Die Ursache dafür können sein; Erkrankungen wie Diabetes mellitus.
  • Es kann sein; Infektionen wie zum Beispiel eine Gürtelrose.
  • Es kann sein; durch Medikamente wie zum Beispiel durch Chemotherapeutika im Rahmen einer Tumorerkrankung.
  • Oder es kann auch durch eine traumatische Schädigung, also wenn durch ein Trauma, durch eine Verletzung, ein Nerv geschädigt wird.

Also es entsteht nicht durch die Erregung von Schmerzrezeptoren, sondern durch eine Verletzung oder Irritation der schmerzleitenden Fasern.

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Was ist ein psychosomatischer Schmerz?

Manchmal spricht man auch vom psychosomatischen Schmerz. Das heißt, die Psyche ist ursächlich für die Entstehung von Schmerzen verantwortlich zu machen.

Meistens ist sehr wohl ein Schmerz da, der durch irgendeinen körperlichen Schaden hervorgerufen wird, wird aber massiv durch die Psyche verstärkt.

Also ein rein psychosomatischer Schmerz kommt zwar vor, ist aber eher selten.

Allerdings beeinflusst die Psyche die Stärke des Schmerzes bei einigen Patienten sehr.

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Was ist ein dysfunktionaler Schmerz?

Von dysfunktionalen Schmerzen spricht man am ehesten, wenn die körpereigene Schmerzhemmung schlecht ausgebildet ist – der Körper versucht sich selbst vor Schmerzen zu schützen – bzw. die Schmerzverarbeitung im Gehirn verstärkt bzw. gestört ist. Das heißt, im somatischen Gewebe findet man kaum Ursachen, und trotzdem beschreiben die Patienten massive Schmerzen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Fibromyalgie.

Welche Schmerzarten gibt es?

Nicht jeder Schmerz ist gleich. Je nach Ursprung und Ursache werden verschiedene Schmerzarten unterschieden. Im Folgenden finden Sie eine Auflistung der häufigsten Schmerzerkrankungen und ihrer Zuteilungen zu den Schmerzarten.

Zuteilung der häufigsten Schmerzerkrankungen nach Schmerzarten

  • Rückenschmerzen
    Die typischen Rückenschmerzen zählen zu den nozizeptiven Schmerzen, (genauer: somatischen Tiefenschmerzen). Rückenschmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben.
  • Bandscheibenvorfall
    Aufgrund der Auswirkungen eines Bandscheibenvorfalls auf das Rückenmark werden vor allem neuropathische Schmerzen ausgelöst.
  • Tumorschmerzen
    Es kann einerseits der Tumor selbst, aber auch die Tumorbehandlung zu Schmerzen führen. Je nach betroffenem Gewebe löst ein Tumor nozizeptive Schmerzen (z.B. Knochen, Muskulatur, innere Organe) oder neuropathische Schmerzen (Nervengewebe) aus.
  • Chronisches Schmerzsyndrom
    Die Bezeichnung chronisches Schmerzsyndrom ist der medizinische Überbegriff für chronische Schmerzzustände des Körpers. Dazu zählen beispielsweise Tumorschmerzen, Fibromyalgie, chronische Kopfschmerzen oder chronische Gelenksschmerzen wie bei rheumatoider Arthritis.
  • Fibromyalgie
    Das Wort Fibromyalgie bedeutet wörtlich übersetzt „Faser-Muskel-Schmerz“. Sie zählt zu den dysfunktionalen Schmerzen. Bei dieser Erkrankung ist meist die körpereigene Schmerzhemmung schlecht ausgebildet oder die Schmerzwahrnehmung im Gehirn gestört.
  • Kopfschmerzen
    Kopfschmerzen können eine Vielzahl an akuten und chronischen Formen annehmen und können nozizeptive (somatische Tiefenschmerzen) oder neuropathische Schmerzen sein (z.B. bei Multipler Sklerose oder nach Schlaganfällen).
  • Arthrose
    Arthrose bezeichnet als medizinischer Fachbegriffe eine Gelenksabnützung und verursacht nozizeptive somatische Tiefenschmerzen.
  • Rheumatoide Arthritis
    Die Rheumatoide Arthritis ist eine entzündliche Gelenkserkrankung. Die daraus resultierenden Schmerzen werden zu den nozizeptiven somatischen Tiefenschmerzen gezählt. Nähere Informationen zur rheumatoiden Arthritis erhalten Sie in unserem Kurs Rheumatoide Arthritis verstehen.

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  • Glossar Hier finden Sie begleitend zur Online-Kursreihe "Schmerzen erfolgreich bewältigen" alle wichtigen Begriffe gesammelt.

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Geprüft OA Dr. Wolfgang Jaksch: Stand Oktober 2020 | Quellen und Bildnachweis

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