Transkript

Begrüßung

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte Sie ganz herzlich bei den virtuellen Patiententagen begrüßen und freue mich sehr, dass ich heute über ein Thema sprechen darf, das mir als Psychotherapeutin auch sehr am Herzen liegt, und zwar über das Thema „Umgang mit Einsamkeitsgefühlen in Zeiten der Corona-Pandemie“. Bevor ich beginne, darf ich mich vielleicht selbst kurz vorstellen: Mein Name ist Birgit Hladschik-Kermer. Ich bin die Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie an der Medizinischen Universität in Wien, und ich bin eben von meiner Ausbildung her Psychologin, Supervisorin und Psychotherapeutin und als Psychotherapeutin auch schon seit 25 Jahren in freier Praxis tätig. Und ich erlebe seit Beginn der Pandemie auch durch die Kontakte mit meinen Patientinnen in der Ordination, dass das Thema Einsamkeit und der Umgang damit ein sehr großes geworden ist. Wir leben jetzt schon seit vielen Monaten in einem Zustand von großer Verunsicherung. Es ist wie eine latente Bedrohung, die über uns schwebt. Und wir sind dazu angehalten, uns von anderen Menschen möglichst fern zu halten, um uns zu schützen. Das Problem ist nur, dass wir soziale Wesen sind und dass soziale Interaktionen, soziale Verbundenheit für uns quasi wie ein Schutzmantel fungieren. Soziale Verbundenheit stärkt das Immunsystem. Das tut eben nicht nur unserer Psyche gut, sondern auch unserem Körper und senkt auch das Erkrankungsrisiko. Und umso wichtiger ist es, dass wir versuchen Möglichkeiten zu finden, um diesem Gefühl der Einsamkeit etwas entgegenwirken zu können. Und ich möchte jetzt mit meinem Vortrag starten.

Einsamkeit in Zeiten von Corona

Und zwar: Der Titel wäre: „Einsamkeit in Zeiten von Corona“. Und ich glaube, dass das Wichtigste ist: Was können wir trotz der verordneten sozialen Isolation dagegen auch tun?

Definitionen

Lassen Sie mich zuerst bitte ein paar Begriffe definieren:

Was bedeutet z.B. Alleinsein? Alleinsein heißt einfach nur, dass man räumlich von anderen Menschen getrennt ist. Aber das ist ein Zustand, der nicht unbedingt negativ wahrgenommen wird. Gerade in unserer Zeit, wo wir üblicherweise ja sehr viel unterwegs sind, sehr viel Kontakt haben zu anderen Menschen, wo sehr viel Interaktion stattfindet, im öffentlichen Raum auch,brauchen wir das ganz notwendig, dass wir uns auch einmal auf uns allein zurückziehen können, dass wir einfach mal Ruhe haben, dass wir uns erholen können oder uns einfach Dingen widmen, die wir alleine machen können und uns auch mal erholen können davon, ständig mit anderen Menschen interagieren zu müssen. Im Moment haben wir aber dieses Thema weniger.
Im Moment befinden sich viele in einem Zustand der sozialen Isolation. Das heißt, soziale Kontakte fehlen weitgehend oder gänzlich. Gerade wenn man jetzt zum Beispiel zu einer Risikogruppe gehört und eben hier jetzt im Moment ganz besonders aufpassen muss und sich schützen muss, gelingt das eben häufig nur, indem man soziale Kontakte weitestgehend vermeidet. Und ich meine „soziale Kontakte“, also reale soziale Kontakte.
Und was dann eben entstehen kann, ist ein Gefühl von Einsamkeit. Einsamkeit ist ein Gefühl Das ist kein Zustand, das ist ein Gefühl. Und es ist ein Gefühl, das wir eher negativ erleben. Und das kann eben entstehen, wenn man alleine ist oder eben das Gefühl hat, sozial isoliert zu sein. Es ist natürlich ganz unterschiedlich, ab wann sich jemand einsam fühlt. Wie gesagt, manche Menschen finden es durchaus angenehm, jetzt auch mehr Zeit für sich zu haben, nicht rausgehen zu müssen, eben weniger soziale Interaktionen zu haben. Andere Menschen haben eben stärker dann das Gefühl, auch einsam zu sein.

Welche Vorteile kann es haben, alleine zu sein?

Bevor wir zur Einsamkeit zurückgehen, möchte ich noch ein paar Worte sagen zum Alleinsein und auch vor allem zu denpositiven Auswirkungen, die das Alleinsein, wenn ich mich aber nicht einsam fühle dabei, auch haben kann. Ich zitiere aus einer Studie aus dem Jahr 2014. Und die haben eben herausgefunden,

dass Menschen, die alleine leben, auch eine große Wahrscheinlichkeit haben, psychisch zu wachsen und sich zu entwickeln,
dass allein lebende Menschen häufig Wert auf sinnstiftende Berufe legen
und häufig auch sehr gut vernetzt sind mit ihren Eltern, Geschwistern, Nachbarn oder auch Kollegen.

Das erklärt sich eh von selbst: Wenn ich alleine lebe, habe ich natürlich viel mehr Motivation oder vielleicht auch Bedarf, aktiv auf andere Menschen zuzugehen. Also alleinstehende Menschen lernen dadurch, dass sie alleine sind, dass sie eben auch aktiv sich um soziale Kontakte kümmern müssen und tun das auch. Hingegen wenn man vielleicht jetzt in einer Partnerschaft lebt, eine Familie hat und Menschen sowieso immer da sind, hat man jetzt nicht so das Bedürfnis und natürlich auch vielleicht nicht so den Bedarf, sich um andere Kontakte noch mehr zu bemühen.

Allein lebende Menschen legen meistens mehr Wert doch auf Selbstbestimmung. Sie leben, wenn sie selbstgewollt alleine leben, tun sie das ja auch, weil sie einfach ihren Tagesablauf selber bestimmen möchten.
Und dadurch entsteht natürlich auch eine große Eigenständigkeit. Wenn ich alleine lebe, dann muss ich mich natürlich auch um alle Belange des Alltags auch alleine kümmern. Ich habe dann keinen Partner, der vielleicht gewisse Aufgaben übernimmt. Das macht mich auch eigenständig. Das macht mich auch sehr kompetent.
Und die Wahrscheinlichkeit, dann unter negativen Emotionen zu leiden, wenn Sie dann alleine sind, ist ein bisschen geringer.
Und für manche ist eben auch zumindestens das phasenweise Alleinsein eine große Chance, sich auch selbst zu entfalten.

Was macht Einsamkeit mit uns? I

Aber was macht jetzt Einsamkeit mit uns? Und wie spielt das jetzt möglicherweise auch mit einer Erkrankung zusammen?

Ganz allgemein gesagt: Einsamkeit als negatives Gefühl erzeugt Stress. Und zwar erzeugt sie einen sogenannten negativen Stress. Das schwächt unser Immunsystem. Das lässt uns aber auch unsere Umwelt als gefährlicher wahrnehmen, als sie tatsächlich ist.
Und wir nehmen auch Negatives stärker wahr. Wir befinden uns in einem Zustand negativer Emotionen. Und wenn wir generell schon eher negativ gestimmt sind, dann nehmen wir das, was an negativen Informationen aus der Umwelt kommt, noch viel stärker wahr. Und wir nehmen das, was eigentlich positiv ist, das was gut funktioniert, vielleicht weniger stark wahr.
Wir können oft Emotionen und Gedanken weniger gut kontrollieren, und es fällt uns auch manchmal schwer, für uns selbst zu sorgen, wenn wir uns einsam fühlen. Wir denken dann: „Ja, für mich alleine macht es doch gar keinen Sinn.“ Oder: „Warum soll ich mich denn jetzt heute schön anziehen? Ich bin ja sowieso alleine.“ Oder: „Warum soll ich mir denn jetzt was zum Essen kochen? Es genügt ja auch ein Brot. Für mich alleine zahlt sich das nicht aus.“
Durch Stress werden eben Hormone freigesetzt, und diese Hormone führen auch dazu, dass der Blutdruck erhöht wird, dass wir anfälliger für Entzündungen werden können. Und es kann auch sein, dass der Schlaf weniger erholsam ist.
Und auf der emotionalen und der psychischen Ebene entsteht dann auch ein Kreislauf. Das heißt: Durch Einsamkeit, durch diesen Stress nehmen wir die Umwelt negativer wahr. Wir werden pessimistischer. Wir treten natürlich dann, wenn wir die Umwelt negativer wahrnehmen, auch unseren Mitmenschen gegenüber negativer auf. Wir denken uns vielleicht: „Die interessieren sich sowieso nicht für mich. Die haben alle was zu tun. Die kümmern sich vielleicht eh nicht um mich. Denen ist das vielleicht, egal wie es mir geht.“ Und ich bin dann gar nicht motiviert, dass ich von mir aus Kontakt zu anderen suche. Also ich erhöhe die Distanz zu anderen Menschen, und dann dreht sich die Spirale leider in eine negative Richtung abwärts.

Was macht Einsamkeit mit uns? II

Und Einsamkeit kann wirklich einen ähnlich starken Einfluss auf die Morbidität, also auf die Sterblichkeit haben, wie Rauchen, Übergewicht und hoher Blutdruck. Also es ist nicht zu vernachlässigen. Das ist jetzt nicht nur so ein Gefühl, und das ist jetzt halt im Moment unangenehm, sondern langfristig sind die Folgen wirklich wichtig zu beachten.
Und diese Folgen sind eben unabhängig von anderen Risikofaktoren.

Also, das ist, finde ich, schon sehr wichtig, dass man es weiß.

Was macht Einsamkeit mit uns? III

Soziale Verbundenheit hingegen heilt. Also wenn wir uns anderen Menschen nahe fühlen, wenn wir das Gefühl haben, Teil einer Gruppe zu sein, wenn wir das Gefühl haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist wie ein Baugerüst, das uns stärkt.
Das stärkt unser Immunsystem. Da gibt es viele Daten mittlerweile darüber, wie soziale Verbundenheit auch das Immunsystem stärkt. Es hebt aber auch unseren Selbstwert. Wenn ich wo dazugehöre, wenn ich Teil von einer Gemeinschaft bin, dann hebt es meinen Selbstwert.Dann fühle ich mich selber auch wichtiger. Ich bin optimistischer, und das reduziert Stress und natürlich auch das Erkrankungsrisiko.

Was macht Einsamkeit mit uns? IV

Die Uni Wien hat in der Zeit des ersten Lockdowns eine Studie durchgeführt, und die konnten nachweisen, dass Personen, die mehr soziale Kontakte haben, und das jetzt eigentlich unabhängig davon, ob diese sozialen Kontakte online oder persönlich waren, sich weniger durch die Pandemie gestresst fühlten und sich auch weniger müde und erschöpft fühlten als Menschen, die das nicht hatten. Also wir haben jetzt schon Daten, die zeigen, wie sich die soziale Isolation auswirkt, aber auch wie heilsam soziale Kontakte sind.

Was kann ich tun, wenn ich mich einsam fühle?

Was kann jetzt jeder Einzelne, was kann ich jetzt tun, wenn ich mich einsam fühle?

Ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass ich mir das selbereingestehe, dass ich mir eingestehe, dass ich mich einsam fühle. Dass ich nicht versuche, es zu verbergen. Dass ich nicht, falls Bekannte, Freunde anrufen, so tue, als wäre alles in Ordnung und es geht mir eh gut. Nein, es ist wichtig, dass wir zu unseren Gefühlen stehen und dass wir uns dafür auch nicht schämen müssen. Es ist ganz normal, dass wir uns in dieser jetzigen Zeit einsam fühlen, weil vieles, was uns sonst stützt, soziale Kontakte, Aktivitäten ist verloren gegangen. Gleichzeitig sind wir ständig mit einem Bedrohungsszenario konfrontiert. Und das wirkt sich eben nicht nur aus auf psychisch labile Menschen oder kranke Menschen. Das betrifft einfach jeden. Und es sind ganz, ganz viele Menschen einsam.
Und es ist wichtig, dass wir uns dasselbe auch eingestehen und dass wir uns bewusst machen, dass es vielen Menschen jetzt so geht und dass Sie damit nicht alleinesind.
Und was dann auch ganz wichtig wäre, ist, dass entweder Hilfsangebote annehmen, aber dass wir auch selberwieder aktiv werden, dass wir in die Aktion kommen.

Möglichkeiten, was man bei Einsamkeit konkret tun kannI

Und wie können wir das machen?

Das Wichtige ist, dass wir alle Möglichkeiten, die wir haben, die uns derzeit zur Verfügung stehen, um mit Menschen in Kontakt zu treten, nutzen. Das kann sein übers Telefon. Das kann sein über Videotelefonie. Das kann aber auch sein über das Chatten. Und es gibt hier auch Untersuchungen, die zeigen, dass diese Möglichkeiten Einsamkeit wirklich reduzieren können.
Was ich Ihnen empfehlen möchte, ist, dass Sie versuchen, regelmäßig mit Freunden, Bekannten, Familie zu telefonieren oder eben auch über Video in Kontakt zu treten und dass man das nicht dem Zufall überlässt. Das ist ganz wichtig, dass man sich hier auch einen gewissen Plan nach, dass man sich ausmacht, dass man genauso wie wir uns vorher im Kaffeehaus verabredet haben, zum Treffen wollen, wie wir vorher vielleicht gemeinsam essen gegangen sind oder Kartenspielen oder zum Sport, dass wir uns jetzt vereinbaren: Wann hören wir uns wieder? Und dass wir uns jetzt auch vereinbaren: Wann sehen wir uns wieder? Eben auch eben über Video. Das wäre ganz, ganz wichtig, weil wir brauchen diese Struktur, und das gibt uns auch Sicherheit, also dass wir möglichst viel von dem, was wir vorher als Struktur im Alltag hatten, jetzt halt leider auf diese Online-Kontakte übertragen.
Ich habe hier auch einige Internetseiten herausgesucht, die Sie anschauen können, wo Sie eben Möglichkeit finden, auch mit Menschen in Kontakt zu treten. Und jetzt im Zuge der Pandemie haben eigentlich alle Organisationen,Psychotherapie-Verband, Psychologen-Verband, oder eben hier auch die Caritas mit dem Plaudernetz Hotlines eingerichtet, wo man einfach anonym und ganz ohne Aufwand mit Menschen ins Gespräch kommen kann. Und die Institutionen haben das deswegen gemacht, weil sie wissen, dass eben viele Menschen betroffen sind und wie wichtig es ist, dass man eben auch soziale Kontakte haben kann. Also ich möchte Sie einladen, sich hier auch wirklich ein bisschen im Internet schlau zu machen, zu schauen oder vielleicht diese Seiten, die ich Ihnen hier jetzt einblende, mal anzuschauen, ob da was dabei ist für Sie.

Möglichkeiten, was man bei Einsamkeit konkret tun kann II

Die virtuelle Kontaktaufnahme, also neben dem Telefon eben jetzt ganz konkret mit Videotelefonie, sei es mit dem Smartphone oder mit dem Laptop oder mit dem Computer, erhöht die Verbundenheit noch einmal mehr, als wenn man quasi nur telefoniert. Viele Menschen haben jetzt vielleicht ein bisschen Sorge, weil sie das bis jetzt noch nie gemacht haben, und haben ein bisschen Scheu, das dann in Anspruch zu nehmen. Ich möchte Sie hier wirklich ermuntern: Lassen Sie sich hier bei diesen Institutionen von anderen helfen oder lassen Sie sich anleiten. Ich denke, es gibt in Ihrem Bekannten-,Freundeskreis sicher Menschen, die Ihnen dabei helfen können oder eben bei den Telefonnummern, die ich Ihnen vorher eingeblendet haben. Sie können auch dort anrufen und um Hilfe bitten, dass man Ihnen hilft, hier diese Videotelefonate auf Ihren Geräten zu installieren oder dass Sie Hilfe können kriegen, wie Sie das machen können.
Es gibt auch viele Online-Foren. Wenn Sie sich jetzt scheuen, z.B. beim Plaudernetz anzurufen und mit jemandem völlig Fremden zu sprechen. Es gibt eben auch Foren im Internet, wo man eben schriftlich sich mit anderen austauschen kann.
Es gibt Facebook-Gruppen.
Und, was es auch gibt, es gibt für Menschen, die vielleicht gern auch spielen: Es gibt sehr, sehr viele Spiele, die man sich herunterladen kann. Oder man kann auch Spiele, altmodische Spiele wie „Mensch ärgere dich nicht“ oder halt alle Brettspiele, die wir so kennen, miteinander über Video durchführen. Einerseits gibt’s ja dafür spezifische Spiele-Apps, oder jeder hat sein eigenes Brett und man stellt damit den Computer daneben mit der Kamerafunktion und nimmt das auf.

Also ich möchte Sie hier einfach ermuntern, diese Möglichkeiten, die wir haben, wirklich zu nutzen und auszuprobieren. Es kann nichts passieren, und manchmal klappt es nicht gleich mit der Verbindung oder sie bricht einmal ab. Aber es ist vielleicht eine Möglichkeit, sich jetzt hier zu informieren und das auch wirklich zu nutzen.

Studienergebnisse

Und es gibt natürlich auch da wieder Studien, eben auch gerade jetzt eine Studie bei älteren Menschen, dass eben mehr ältere, auch ältere Menschen, die Mobiltelefone,das Internet, ganz gezielt nutzen, einfach sich viel mehr Anschluss haben und einfach sich auch viel wohler fühlen.
Und die Face to face-Videotelefonie reduziert eben wirklich nachweislich die Einsamkeit und das Gefühl der sozialen Isolation.
Und wie sagt, das hat man in Studien herausgefunden, dass Probleme bei der Installation und Bedienung häufig eine Barriere ist. Aber da möchte ich Sie wirklich ermuntern: Fragen Sie aktiv um Hilfe. Und ich bin ganz sicher: Familie, Freunde, Bekannte sind froh, wenn Sie helfen können, wenn Sie sie dabei auch unterstützen können.

Was kann man in der Isolation für sich selbst tun?

Was kann ich jetzt noch tun für mich, wenn ich jetzt mehr Zeit alleine zu Hause verbringen muss?

Als allererstes möchte ich Ihnen einfach ganz dringendempfehlen: Machen Sie Pausen vom Konsum, von Nachrichten und sozialen Medien. Im Moment kommen in den Nachrichten fast jeden Tag irgendwelche Zahlen –die Corona-Zahlen steigen, so viele Menschen sind krank, so viele sind gestorben. Es sind sehr viele negative Nachrichten. Und das überfordert unsere eigene Psyche. Es ist wichtig zu informieren. Es ist wichtig zu wissen, was los ist. Es ist wichtig zu wissen, woran man sich halten kann. Aber es ist auch ganz wichtig, bewusst Pause davon zu machen. Ich möchte Ihnen empfehlen, sich einfach für sich auch einen Plan zu machen, zu welchen Zeiten am Tag Sie sich z.B. die Nachrichten anschauen und dann vielleicht auch wirklich wieder ausschalten.
Wenn möglich, wäre es ganz gut, wenn Sie körperlich irgendwie aktiv bleiben. Neben der sozialen Verbundenheit ist Bewegung für unsere Psyche und auch für unseren Körper extrem heilsam. Mit Bewegung können wir ganz aktiv Stress reduzieren. Wir aktivieren unser Immunsystem und wir fühlen uns einfach nachher, währenddessen oder nachher einfach besser. Es hebt ein bisschen die Stimmung. Wenn Sie vielleicht früher, solange das jetzt noch möglich war, regelmäßig in einen Turnverein gegangen sind und ins Fitnesscenter oder mit Freunden gemeinsam Sport betrieben haben und das jetzt nicht möglich ist: Schauen Sie vielleicht, dass Sie, wenn,ich sage jetzt etwas, wenn Sie immer Montag 17 Uhr zum Turnen gegangen sind, versuchen Sie, wenn möglich, jetzt zu Hause montags um 17 Uhr zu turnen. Und wenn Ihnen das zu langweilig ist, einfach alleine: Es gibt ganz viele Möglichkeiten, übers Internet an virtuellen Turnkursen teilzunehmen. Sehr viele Fitnessstudios oder Einrichtungen bieten auch für ihre Kunden jetzt online Möglichkeiten an, mitzumachen. Hier gibt’s dann auch die Möglichkeit sich auszutauschen. Also das glaube ich, wäre eine ganz gute Möglichkeit.
Wichtig, aber ich hab’s vorher gesagt, wenn wir einsam sind, dann tendieren wir auch dazu, eben uns nicht so gesund zu ernähren oder sich nicht so gut um uns zu kümmern. Es wäre gut, wenn wir jetzt grade, jetzt haben wir eh mit vielen Problemen zu kämpfen, dass wir gerade jetzt uns wirklich was Gutes zu essen gönnen und vielleicht es auch zubereiten, jetzt, wo wir mehr Zeit haben dafür.
Versuchen, im Alltag Struktur beizubehalten. Darauf werde ich nachher noch einmal genauer eingehen.
Und ganz wichtig: Nicht zu streng mit sich selber sein. Es ist ganz normal, dass man jetzt während der Pandemie nicht immer gut gelaunt ist. Man kann auch nicht immer positiv sein. Und man kann auch nicht immer produktiv sein. Und es ist auch absolut okay, wenn man Tage hat, wo man einfach mal durchhängt und wo man einfach mal sich nicht aufraffen kann und wo man einfach mal keine Lust hat, etwas zu machen. Das ist ganz normal. Wichtig ist es nur, dass es eben nicht ständig so ist.
Und eben wichtig auch: Den Kontakt zu anderen suchen.Und da wollte ich jetzt noch was sagen: Wenn wir andere anrufen, sich nicht scheuen, jetzt sich vielleicht auch gerade die Zeit, auch mal Menschen wieder zu kontaktieren mit denen, die man schon länger nicht mehr gehört hat, die man schon länger nicht mehr gesehen hat. Ich bin ganz sicher, diese Menschen freuen sich sehr, und denen geht es möglicherweise genauso wie Ihnen. Und die sind sehr freudig, wenn sie von Ihnen etwas hören. Also wirklich aktiv auch Kontakt suchen mit Menschen, wo man vielleicht aufgrund der Lebenssituation jetzt länger auch keine Zeit hatte oder es sich nicht ergeben hat, dass man sich gesehen hat.

Wie kann man sich in Zeiten der Quarantäne eine Struktur schaffen?

Ich komme jetzt noch einmal zur Struktur. Also wie kann man sich auch in der Quarantäne eine Struktur schaffen?

Also grundsätzlich ist Struktur einfach ganz wichtig, weil Struktur uns immer Sicherheit gibt. Wenn etwas jeden Tag gleich ist, dann gibt uns das Ruhe und Sicherheit. Und das ist gerade jetzt in dieser unsicheren Zeit sehr, sehr wichtig für uns.
Wenn Sie Lust haben, würde ich Sie gerne einladen, wirklich einen Zeitplan für den Tag zu erstellen, wo Sie sagen: Da stehe ich ungefähr auf. Dann mach ich mir ein Frühstück. Dann schaue ich mir vielleicht die Nachrichten an, oder ich habe einen Telefontermin, oder ich habe ein Videogespräch mit dieser oder jener Bekannten oder Familienmitglied. Dann Mittagessen. Vielleicht am Nachmittag gibt es eine Sporteinheit, die ich geplant habe. Versuchen wirklich, sich hinzusetzenund einen Plan zu machen für jeden Tag.
Und was sehr hilft, ist, dass man auch jetzt, wenn man in Quarantäne ist, versucht, die Routinen, die man vorher hatte, möglichst beizubehalten. Also wenn es geht: Zu der Zeit, wo man sonst aufgestanden ist, auch jetzt aufstehen. Zu der Zeit, wo man Mittaggegessen hat, sich auch jetzt ein Mittagessen zu machen. Oder zu der Zeit, wo man sonst vielleicht mit jemanden Abendessen gegangen ist, sich vielleicht zu einem virtuellen Abendessen treffen, dass sich jeder etwas kocht und dass man dann per Videotelefonie miteinander dieses Abendessen genießt und sich auch über den Tag austauscht. Oder eben, was ich vorher schon gesagt habe, dass man, wenn man immer zu einer bestimmten Tageszeit einen bestimmten Tag Sport gemacht hat, dass man das auch jetzt in der Quarantäne weiter beibehält.

Was kann man für andere tun, die allein sind, die man aber nicht besuchen kann?

Was kann man jetzt tun für andere Menschen, die alleine sind und die man nicht besuchen kann.

Auch hier ganz wichtig: Es ist jetzt einfach im Moment wichtig, dass wir aufeinander aufpassen und versuchen, füreinander da zu sein. Und hier geht es darum, Hilfe und Gespräche anbieten. Viele Menschen wollen andere nicht belasten und rühren sich nicht und wollen nicht sagen, dass sie einsam sind oder dass es ihnen nicht gut geht. Ich glaube, es ist einfach sehr, sehr hilfreich, wenn man davon sich aus selber mal anruft und fragt: „Wie geht’s? Wie kommst du zurecht? Was machst du?“ Vielleicht von sich selber auch was erzählen.
Wie gesagt, ich habe vorher aufgezählt: Es gibt viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben, auch ohne sich zu besuchen. Neben Telefonaten, Videoanrufen, gemeinsam Spiele spielen finde ich auch sehr schön, wenn man vielleicht wieder die Post aktiviert: Eine kleine Postkarte schreiben, einen Brief oder mal ein Päckchen verschicken, das ist etwas, was extrem viel Freude macht, etwas, wozu wir sonst überhaupt oft keine Zeit mehr haben im Alltag. Jetzt ergibt sich vielleicht die Gelegenheit, dass man sich mal hinsetzt und einen Brief schreibt und vielleicht ein kleines Geschenk oder etwas dazu legt. Das macht sehr viel Freude und das erzeugt ein sehr starkes Gefühl von sozialer Verbundenheit.

Abschluss

Damit wäre ich mit meinem Vortrag zu Ende. Ich hoffe, dass Sie ein paar dieser Tipps vielleicht für sich umsetzen können, dass sie Ihnen helfen. Zum Schluss wollte ich einfach noch einmal betonen und Sie ermuntern:

Bleiben Sie in Kontakt mit anderen Menschen. Versuchen Sie, die Möglichkeiten, die wir jetzt aktuell haben, zu nutzen.
Versuchen Sie, mit sich selbst großzügig und milde zu sein. Sind Sie nicht streng mit sich.
Und scheuen Sie nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie sie brauchen.

Vielen herzlichen Dank!

Quellen

Und hier blende ich Ihnen noch die Quellen von den Studien ein, die ich Ihnen zitiert habe.

Ihre Fragen

Und im Anschluss möchte ich jetzt gerne noch die Fragen beantworten, die Sie gestellt haben.

Frage 1: Viel Zeit ohne wirkliche Aufgabe

Die erste Frage war: Durch die häusliche Isolation verbringe ich sehr viel Zeit ohne wirkliche Aufgabe, was mich immer sehr herunterzieht. Was kann ich machen, damit es besser wird? Das verstehe ich gut. Wir alle sind gewohnt, dass wir immer etwas zu tun haben, und Aufgaben zu erfüllen, das ist auch etwas, was uns im Leben oft Sinn gibt. Oder wir fühlen uns gebraucht. Wir haben das Gefühl: Wir tun etwas Sinnvolles. Und wenn wir das nicht tun können, dann kann sich das auch ziemlich auf unsere Stimmung drücken. Was können Sie machen, damit es besser wird? Es gibt vielleicht viele Dinge, die Sie jetzt zu Hause nicht machen können. Aber vielleicht gibt es auch Dinge, die Sie gerade jetzt machen können. Sachen, für die Sie vielleicht während des Berufslebens keine Zeit hatten oder die Sie eben, wenn Sie im Berufsleben sind, nicht machen konnten.

Vielleicht gibt es etwas, was Sie immer schon gerne mal ausprobieren wollten. Vielleicht eine ganz neue Tätigkeit– Malen oder Schreiben.
Oder vielleicht gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, die sich freuen würden über Ihren Anruf.
Oder es gibt ganz viele Initiativen eben auch, wo man sich jetzt engagieren kann. Eben ich denke jetzt an das Plaudernetz.
Geben Sie sich die Chance, und vielleicht fällt Ihnen etwas ein, was gerade jetzt möglich ist und was Sie machen können.

Und das andere, was ich noch sagen wollte, ist: Es ist wirklich völlig okay, wenn man einfach auch mal nichts macht. Wir müssen nicht immer produktiv sein. Wir müssen nicht immer etwas leisten. Die Zeit im Moment ist sehr anstrengend. Und es ist wirklich absolut okay und in Ordnung, wenn wir es schaffen, uns gut um uns selber zu kümmern, ohne jetzt noch Zusätzliches zu leisten.

Frage 2: Angehörige möchten meine Hilfe nicht annehmen

Eine Person hat gefragt: Wie kann ich Angehörigen helfen, die meine Hilfe brauchen, aber nicht annehmen wollen. Es ist so, dass die Gesellschaft sich entschieden hat, besonders ältere Menschen derzeit zu schützen, indem wir älteren Menschen besonders sagen, sie mögen sich bitte von anderen isolieren. Ich glaube, es ist aber auch ganz, ganz wichtig, die Autonomie des Menschen zu respektieren. Und wenn Menschen meinen, sie möchten jetzt keine Hilfe haben oder sie meinen, sie kommen damit gut zurecht, dann glaube ich, ist es einfach ganz wichtig, das auch zu respektieren. Ich glaube, was man immer sagen kann und das auch wichtigist, ist dass man sagt: „Ich bin da. Wenn du mich brauchst, bin ich da.“ Und es spricht auch nichts dagegen, sich von Zeit zu Zeit in regelmäßigen Abständen zu melden. Aber es ist für das Selbstwertgefühl für manche Menschen einfach auch sehr wichtig, dass sie ihren Alltag selbst bewältigen können. Und wenn wir ihnen zu viel davon abnehmen, dann schwächen wir sie.

Frage 3: Wie erkenne ich, ob jemand einsam ist?

Woher kann ich wissen, dass Menschen in meiner Umgebung einsam sind?, fragt eine Person. Ich glaube, wir dürften in der aktuellen Zeit ruhig Menschen ansprechen. Wenn ich weiß: Im Haus lebt eine ältere Frau allein oder ein jüngerer Mann oder wer auch immer, oder auch eine Familie mit kleinen Kindern. Ich glaube, es ist absolut angebracht, einfach mal zu fragen: „Wie kommen Sie zurecht? Wie geht es Ihnen mit der Situation?“ Wir sind jetzt im Moment alle im selben Boot. Das heißt: Es ist ganz legitim, jetzt auch zu sagen „Wir haben jetzt im Moment eine schwierige Situation. Ich wollte einfach mal fragen, wie es Ihnen geht. Oder vielleicht brauchen Sie Unterstützung.“ Also trauen Sie sich, andere Menschen anzusprechen, zu fragen oder eben auch anzurufen.

Frage 4: Kontaktverminderung bei Risikopatienten

Eine Dame schreibt, dass sie selber Risikopatientin ist und deswegen ihre ältere Mutter jetzt nicht besuchen kann, und sie fragt: Wie schaffe ich es trotzdem, trotz dieser massiven Kontaktverminderung, dass sie nicht einsam wird? Ich glaube, allein dadurch, dass Sie geschrieben haben, sieht man schon, wie sehr verbunden Sie Ihrer Mutter sind. Und ich glaube, dieses Wissen, da ist jemand, der denkt an mich, der macht sich Gedanken um mich. Ich glaube, das hilft sehr gegen das Gefühl der Einsamkeit. Und es gibt die Möglichkeit eben zu telefonieren, über VideoKontakt zu halten oder möglicherweise auch, ich weiß jetzt nicht, wie Ihre Situation genau ist, sich mit größerem Abstand auch im Freien vielleicht zu treffen. Oder eben auch, wie ich vorher gesagt habe, sich wirklich per Videotelefonie zu verabreden, um gemeinsam über den Tag zu sprechen, um gemeinsam zu plaudern und dabei vielleicht etwas zu essen zu trinken.

Frage 5: Ab welcher Zeit besteht Gefahr der Einsamkeit?

Jemand fragt noch: Ab welcher Zeit besteht denn die Gefahr, dass man einsam ist? Ist das nach mehreren Wochen oder schon nach wenigen Tagen? Wie gesagt, Einsamkeit ist ein ganz subjektives Gefühl. Das kann man jetzt nicht an der Zeit festmachen. Natürlich ist die Gefahr, wenn die soziale Isolation lange andauert, dass immer mehr Menschen sich einsam fühlen. Aber das ist etwas ganz Subjektives, und das können nur Sie für sich entscheiden, ob Sie sich jetzt einsam fühlen. Und wenn Sie das tun, dann möchte ich Sie dringend bitten und ermuntern, dass Sie versuchen, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und dass Sie das auch sagen und dass Sie Hilfe annehmen und Hilfe suchen.

Frage 6

Und eine letzte Frage noch: Meine Partnerin wohnt im Ausland, und wir können uns jetzt wegen der Pandemie nicht sehen und nur eine Fernbeziehung führen. Wie schaffen wir es, dass wir trotzdem Nähe aufrechterhalten? Ich glaube, gerade jetzt, bei jeder Art von Beziehung: Was ja uns zusammenhält, auch in Beziehungen, ist, dass wir uns am gegenseitigen Leben teilhaben lassen. Das macht Beziehung aus, dass wir uns gegenseitig erzählen, was wir machen, was wir denken, wie es uns geht, was wir erlebt haben. Wenn wir jetzt vielleicht zu Hause sind, haben wir das Gefühl, nicht so viel zu erleben. Aber es geht doch viel in uns vor, oder wir haben vielleicht ein Buch gelesen, oder viele sind ja zuhause und arbeiten auch vor dem Computer. Und ich glaube, gerade bei Beziehungen ist wichtig, sich gemeinsame Rituale zu schaffen, also z.B. zu sagen: „Jeden Abend um sieben sitzen wir beide vor dem Video, trinken was, essen was und besprechen unseren Tag“ und lassen den anderen aktiv am Leben des anderen teilnehmen.

Verabschiedung

Ja, damit habe ich, glaube ich, alle Fragen beantwortet, die Sie mir geschickt haben. Und ich möchte Ihnen noch einmal ganz herzlich alles Gute wünschen. Ich würde mich freuen, wenn es Ihnen gelingt oder wenn die eine oder die andere Maßnahme, der eine oder andere Tipp, den ich hier vorgestellt habe, Ihnen auch helfen könnte. Und ja, alles Gute und vielen Dank.

Einsamkeit während / durch die Pandemie

21.11.2020 | 16.10 – 16.40 Uhr

Einsamkeit und soziale Isolation nehmen seit Beginn der Corona-Pandemie zu. Univ. Ass. Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer gibt in ihrem Vortrag hilfreiche Tipps für den Umgang mit Einsamkeit und zeigt Ihnen, wie Sie tägliche Herausforderungen meistern können. Dabei beantwortet sie unter anderem folgende Fragen:

  • Wie wirkt sich Einsamkeit auf Psyche und Körper aus?
  • Was können Betroffenen gegen Einsamkeit tun?
  • Welche Unterstützung können Angehörige bieten?
  • u.v.m.

Vortragende

Univ. Ass. Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer

Psychologin
Univ. Ass. Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer

Univ. Ass. Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer ist Psychotherapeutin, Psychologin, Supervisorin und Leiterin der Abteilung für medizinische Psychologie an der Medizinischen Universität Wien. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte der Universitäten Heidelberg und zahlreichen anderen Bildungseinrichtungen.

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