7. Multiple Sklerose behandeln – Alle Fragen

Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronische Entzündung des Nervensystems mit unterschiedlichen Verlaufsformen. Dabei greift das eigene Immunsystem fälschlicherweise Teile der Nerven an, wodurch schubförmig unterschiedliche Symptome auftreten. Ziel der MS-Therapie ist es, Krankheitsaktivität möglichst früh zu verringern, das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen und Folgen der MS möglichst gering zu halten. In dieser Schulung erfahren Sie mehr über die Behandlungsmöglichkeiten der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose.

Gerade nach der Diagnose Multiple Sklerose tauchen oft viele Fragen auf:

  • Was passiert bei MS im Körper?
  • Welche MS-Therapien gibt es?
  • Wann sollte eine Behandlung beginnen?
  • Welche Therapie passt zu mir?
  • Was kann ich selbst tun, um gut mit der Erkrankung zu leben?

Sie erfahren, warum eine frühe Therapie wichtig sein kann, welche Formen der MS-Behandlung es gibt und weshalb die Therapie immer zu Ihrem Leben, Ihren Bedürfnissen und Ihrer persönlichen Situation passen sollte. Außerdem bekommen Sie praktische Tipps, wie Sie gut mit Ihrem Behandlungsteam zusammenarbeiten und Ihre Lebensqualität stärken können.

Einleitung durch Prof. Dr. Paulus Rommer

Mein Name ist Paulus Rommer. Ich bin Neurologe an der Medizinischen Universität in Wien im AKH und ich behandle Patienten mit Multipler Sklerose und anderen neuroimmunologischen Erkrankungen. Der Zweck dieser Schulung ist, einen Überblick über die Grundlagen der Multiplen Sklerose und auch die Therapiemöglichkeiten zu geben

Hier geht es zur Einleitung des Kurses: „Multiple Sklerose behandeln“

Multiple Sklerose früh behandeln

Was passiert bei Multipler Sklerose im Körper?

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung. Was bedeutet das? Ich versuche es mit einer Analogie. Normalerweise richtet sich das Immunsystem gegen einen mehr oder weniger pathogenen Fremdkörper. Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Mit anderen Worten vereinfacht dargestellt. Es ist wie das Polizeisystem in einem Staat. Die Polizisten sind dafür da, dass sie Verbrecher jagen. Wenn die Polizei aber korrupt wird, schadet sie dem eigenen Staat. Und genau so etwas Ähnliches passiert im Körper bei einer Multiplen Sklerose: Der eigene Körper richtet sich gewissermaßen gegen sich selbst. Bei der Multiplen Sklerose richtet sich der eigene Körper gegen das Nervensystem, gegen die Nervenfasern, vor allem gegen das Myelin . Was ist Myelin? Wenn wir ein Kabel nehmen, gibt es da den Kupferdraht. Das ist ein Teil des Nerven, das Axon . Rund um den Kupferdraht ist eine Isolierschicht. Diese Isolierschicht ist das Myelin. Genau dort greift das Immunsystem bei der Multiplen Sklerose an, und wenn es zu Angriffen kommt, kommt es an verschiedensten Stellen im Gehirn zu Veränderungen. Diese Herde werden sklerotisch, Gewebe wird abgebaut, und man sieht Narbengewebe. Das ist eigentlich das, was bei der Multiplen Sklerose im Körper passiert.

Warum können Schübe und Entzündungen bleibende Schäden hinterlassen?

Wenn es jetzt immer wieder zu diesen Angriffen kommt, dann kann man sich natürlich vorstellen, dass diese Kabel irgendwann nicht mehr richtig funktionieren. Und wenn diese Kabel nicht mehr richtig funktionieren, dann kennen wir das alle von unseren Fernsehern. Wenn es einen Kurzschluss gegeben hat, dann funktioniert die Überleitung einfach nicht mehr. Und wenn diese Überleitung nicht mehr funktioniert, dann kann es zu bleibenden Schäden kommen. So ein Angriff wird bei der multiplen Sklerose als Schub bezeichnet. Ich verwende auch immer eine Analogie, wie man sich das noch besser vorstellen kann. Das Gehirn, das Nervengewebe ist wie eine Autobahn aufgebaut. Und wenn jetzt irgendwo eine Baustelle auftritt, dann kommt man von A nicht mehr nach B. Irgendwann wird diese Autobahn natürlich wieder frei werden. Aber wenn es überall zu diesen Unfällen, zu diesen Baustellen kommt, dann kann man sich schon vorstellen, dass die Autobahn nicht mehr richtig funktioniert. Und wir brauchen deutlich länger, um zum Beispiel von Wien nach Linz zu kommen. Wenn jetzt manche Autobahnabschnitte sogar gesperrt sind, kommt die Antwort zwar irgendwann, aber man muss einen großen Umweg fahren. Und genau das passiert, vereinfacht gesagt, bei der Multiplen Sklerose.

Wie kann eine frühe Therapie Behinderung und Krankheitsfortschritt hinauszögern?

Wenn wir jetzt überlegen, wenn es immer wieder zu diesen Angriffen kommt, wenn wir immer wieder sehen, dass es auf den verschiedensten Autobahnen in Österreich zu Baustellen kommt, dann ist es natürlich sinnvoll, dass man versucht, so früh wie möglich neue Baustellen zu verhindern. Wenn erst beginne, wenn schon auf jeder Autobahn Baustellen sind, dann habe ich ja schon einen deutlichen Schaden. Dann bedeutet das ja schon, dass ich von A nach B und auch nach C deutlich länger brauche. Wenn ich aber relativ früh beginne, schon nach den ersten Baustellen, dann verhindere ich die nächsten Baustellen. So kann man sich das ungefähr vorstellen, dass eine frühe Therapie bei der Multiplen Sklerose langfristig einen deutlichen Vorteil bringt. Wenn wir uns diese Baustellen überlegen: Die sieht man auf der Autobahn, und die ASFINAG kann sie natürlich feststellen. So etwas Ähnliches können wir auch in der Neurologie, in der Klinik, machen, indem wir MRTs durchführen. Mit den MRTs kann ich diese Baustellen feststellen. Und wenn ich schon früh beginne, dann versuche ich einfach, neue MRT-Läsionen, also neue Baustellen, zu verhindern. Neben diesen Baustellen, die im MRT , also von der ASFINAG, festgestellt werden, gibt es natürlich auch den Staumelder. Der Staumelder sind Sie. Der Staumelder berichtet dem Arzt, dass irgendetwas passiert ist. Das sind die sogenannten Schübe. Die Schübe berichtet der Patient; der Arzt versucht, sie zu objektivieren. Die MRTs – in der Analogie die ASFINAG – hängen natürlich damit zusammen, sind aber noch ein zusätzliches Werkzeug.

Hier geht es zum Video-Interview: „Multiple Sklerose früh behandeln“

Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei der MS?

Wenn wir jetzt überlegen: Es gibt diese akute Baustelle und Ihre Krankengeschichte beginnt ja mit einem akuten Schub mit einer akuten Baustelle. Wir versuchen dann einfach, diese Baustelle so schnell wie möglich abzuräumen. Das passiert mit Kortison . Im akuten Schub geben wir also Kortison, in Ausnahmefällen auch eine Plasmapherese, einen Blutaustausch. Doch das ist jetzt nur der erste Teil dessen, was wir machen müssen. Langfristig müssen wir natürlich verhindern, dass neue Baustellen entstehen. Und das ist die immunmodulierende Therapie, die langfristige Therapie, die verhindern soll, dass neue Baustellen entstehen oder dass Sie uns einen neuen Stau melden. Da gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Und da hat es in den letzten 20, 30 Jahren einen unglaublichen Fortschritt in der Behandlung der Multiplen Sklerose gegeben. Das ist ein Vorteil für uns Ärzte, aber auch für Sie, weil wir wirklich genau auf Ihre Gewohnheiten oder auf Ihren speziellen Fall eingehen können. Wir haben derzeit Spritzen als Therapien. Wir haben Tabletten als Therapien, und wir haben Infusionen als Therapien. Wir haben eine wirklich große Breite an verschiedenen Therapiemöglichkeiten, bei denen wir gemeinsam mit Ihnen versuchen, die richtige Wahl zu treffen.

Welche Therapieform ist die richtige für mich?

Jetzt werden Sie sich natürlich fragen: Was ist denn eigentlich die richtige Therapie für mich? Müssen alle Patienten die gleiche, gleich starke Therapie bekommen? Oder wie erfolgt eigentlich die Auswahl? Hier unterscheiden wir zwischen einer Basistherapie und einer Eskalationstherapie. Basistherapie bedeutet, dass wir versuchen, Sie mit einer milden bis moderaten Wirksamkeit zu behandeln, um zu schauen, ob das ausreicht. Wenn es nicht ausreicht, können wir eine Eskalationstherapie machen. In den letzten Jahren hat es eigentlich einen Switch gegeben. Die Pyramide von der Basis- bis zur Eskalationstherapie wurde auf den Kopf gestellt. Momentan ist es so, dass häufig schon mit einer sehr stark wirksamen Eskalationstherapie begonnen wird, um so gut wie möglich neue Läsionen zu verhindern. Denn diese Läsionen können, wie wir schon vorher gesagt und im Autobahnnetz gesehen haben, natürlich zu Verzögerungen führen. Und diese Verzögerungen spüren Sie, und der Neurologe sieht sie dann. Diese Verzögerungen führen zu Symptomen. Das sind genau die Symptome, die viele Patienten spüren. Für die Symptome gibt es die symptomatische Therapie. Eine Spastik bedeutet zum Beispiel, dass ein Muskel steif ist und die Muskelspannung immer zu hoch ist. Mit der symptomatischen Therapie versuchen wir, Ihren Alltag zu verbessern. Wir versuchen, diese Krankheitslast, die Spannung in den Beinen, aber auch Schmerzen und zum Beispiel eine Unsicherheit beim Gehen so gut wie möglich zu verhindern. Das wäre die symptomatische Therapie.

Warum ist nicht jede Therapieform für jeden Patienten geeignet?

Kommen wir noch einmal zurück zu den immunmodulatorischen Therapien, mit denen neue Baustellen verhindert werden sollen. Jede dieser Therapien hat einen unterschiedlichen Wirkansatz, und diese Wirkansätze sind für uns, aber auch für Sie, relativ wichtig zu verstehen. Denn all diese verschiedenen Wirkansätze haben unterschiedliche Nebenwirkungen, und auf diese Nebenwirkungen müssen wir achten. Deswegen gilt: Auch wenn wir sagen, dass eine Eskalationstherapie etwas Gutes ist, sollte man nicht bei allen Patienten damit beginnen. Vielmehr sollten wir aufgrund der möglichen Nebenwirkungen, des dahinterstehenden Wirkmechanismus und Ihrer individuellen Eigenheiten die richtige Wahl treffen. Was sind zum Beispiel Eigenheiten? Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die vor allem junge Frauen betrifft. Bei jungen Frauen kann natürlich irgendwann auch ein Schwangerschaftswunsch eine Rolle spielen. Und nicht alle Medikamente sind zum Beispiel für eine Schwangerschaft geeignet. Auf diese Eigenheiten, auf diese persönlichen Bedürfnisse und auf das jeweilige Patientenprofil können und sollten wir unsere Therapie abstimmen.

Welche unterschiedlichen Wirkprinzipien und Verabreichungsformen gibt es?

Gehen wir noch einmal zurück zu den verschiedensten Therapien. Wie schon gesagt, es gibt Therapien in Spritzenform. Es gibt Therapien in Tablettenform und Therapien als Infusionen. Dahinter stehen unterschiedliche Prinzipien. Verschiedenste Tabletten, die wir geben, sind zum Beispiel Medikamente, die versuchen, die weißen Blutkörperchen im Lymphknoten zu halten. Anders gesagt: Wir haben vorher die Autoimmunerkrankung mit einer korrupten Polizei verglichen. Wenn die weißen Blutkörperchen jetzt im Lymphknoten gehalten werden, bedeutet das, dass wir versuchen, diese Polizisten in der Polizeistation zu halten. Wenn sie in der Polizeistation sind, können sie auf der Straße keinen Schaden verursachen. Das wäre eine Therapiemöglichkeit. Nebenwirkungen ergeben sich daraus natürlich. Denn wenn ich jetzt weniger Polizisten auf der Straße habe, bin ich bis zu einem gewissen Grad infektanfälliger. Aber bei Infekten werden diese Türen wieder geöffnet, und ein Teil dieser Polizisten kann wieder heraus. Das wäre eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass ich versuche, die Polizei insgesamt zu reduzieren. Wir wissen, dass ein Teil der Polizisten korrupt ist. Am besten wäre es, genau die korrupten Polizisten herauszuholen. Das kann ich momentan nicht. Aber wenn ich versuche, die Polizisten insgesamt zu reduzieren, bedeutet das, dass die vorhandenen Polizisten mehr Arbeit machen müssen. Interessanterweise ist es so: Wenn sie mehr Arbeit machen müssen, kommen sie auf weniger blöde Ideen und sind weniger korrupt. Das ist eine Möglichkeit. Aber wiederum ist eine gewisse Infektanfälligkeit gegeben, wenn ich weniger Polizisten habe. Dafür stehen ebenfalls meist Tabletten zur Verfügung. Eine andere Möglichkeit ist, dass ich versuche, das Immunsystem vollkommen neu aufzusetzen. Wie mache ich das? Indem ich versuche, die Polizei zu entlassen. Die Polizisten sollen aber wiederkommen, denn wenn ich keine Polizisten habe, habe ich ein gewisses Problem. Und wie mache ich das? Indem ich in der Polizeischule einen neuen Lehrplan einführe. Und was passiert dann? Die Polizisten sollen versuchen, weniger korrupt zu sein. Das sind verschiedenste Möglichkeiten. Eine weitere Möglichkeit ist: Wir wissen, dass das Immunsystem sehr breit ist. Es gibt ja nicht nur die Polizisten, wenn man es ein bisschen vereinfacht sagt, sondern zum Beispiel auch die Gendarmerie. Jetzt wissen wir, dass bei der Multiplen Sklerose, vereinfacht gesagt, vor allem die Polizei ein gewisses Problem ist. Jetzt könnte ich natürlich versuchen, alle Polizisten zu entlassen. Die Gendarmerie lasse ich vollkommen in Ruhe. Das bedeutet natürlich wiederum, dass ich ein bisschen infektanfälliger bin, weil ich weniger Polizisten, also insgesamt weniger Sicherheitskräfte, auf der Straße habe. Aber ich habe noch die Gendarmerie, und auch die Gendarmerie kann immer noch die wichtigsten Verbrecher jagen. Ich habe noch eine andere, sehr spannende Möglichkeit: Diese korrupten Polizisten müssen ins Gehirn oder, mehr oder weniger, in die Bank, sozusagen ins Rechenzentrum. Und da könnte ich wirklich die Tür verschließen. Dann können keine korrupten Polizisten mehr in das Rechenzentrum, ins Gehirn. Ich habe nur ein gewisses Problem: Es können auch keine guten Polizisten hinein. Und Sie sehen schon: Immer wieder versuche ich, die Polizei, die Sicherheitskräfte, ein bisschen zu reduzieren. Und da liegt auch eines unserer Probleme: Wir könnten Infekte bekommen. Deswegen ist es ganz wichtig für Sie, aber natürlich auch für uns. Denn es bringt mir nichts, wenn ich den besten Vorschlag für Sie habe, Sie davon aber Nebenwirkungen haben. Deswegen möchte ich natürlich, dass das alles für Sie und für mich sehr gut funktioniert. Und deswegen ist es wichtig, dass Sie in regelmäßigem Kontakt sind, dass wir die Sicherheitskräfte wirklich überwachen und prüfen, wie infektanfällig Sie sind. Wenn ich da Auffälligkeiten oder mögliche Nebenwirkungen sehe, können wir das Wirkprinzip beziehungsweise die Therapie dementsprechend ändern.

Hier geht es zum Video-Interview: „Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose“

Therapieentscheidungen bei MS

Wie schnell nach der Diagnose sollte die Therapie beginnen und warum?

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wenn Sie die Diagnose einer Multiplen Sklerose erhalten haben, hat sich Ihr Leben ja vollkommen auf den Kopf gestellt. Wir müssen mit Ihnen versuchen, aus dieser Krise herauszukommen. Und einer der wichtigsten Punkte ist, dass wir neue Baustellen verhindern. Wenn die Diagnose gesichert ist und ich weiß, dass es zu neuen Baustellen im Gehirn kommen kann, ist es deswegen auch sehr vernünftig, sehr früh mit einer Therapie zu beginnen. Denn je länger ich warte, desto länger besteht das Risiko. Ich weiß nicht, wann die nächste Baustelle kommt. Ich weiß nicht, wann der nächste Schub kommt. Deswegen sollte ich das Risiko wirklich minimieren und so schnell wie möglich mit der Therapie beginnen.

Wie wird entschieden, welche Therapie für mich geeignet ist?

Die nächste Frage, die sich dann stellt: Was ist jetzt die richtige Therapie für mich? Da gibt es wiederum verschiedenste Faktoren, die ich als Arzt mit Ihnen bedenken muss. Einer dieser Faktoren ist: Wie lange haben Sie die Erkrankung? Wie viele Schübe sind schon aufgetreten? Oder stehen Sie wirklich noch am Beginn? Eine andere Sache, die für mich eine ganz große Rolle spielt, ist die ASFINAG, also das MRT. Wenn ich im MRT schon sehr viele Baustellen sehe, dann bedeutet das, dass hier schon einiges passiert ist und einige Baustellen in der Vergangenheit aufgetreten sind, auch wenn Sie das zum Beispiel nicht gemerkt haben. Es kann immer wieder vorkommen, dass man nicht alle Baustellen bemerkt. Wie kann man sich das wieder vorstellen? Wenn ich von Wien nach Linz fahre und die Westautobahn gesperrt ist, dann merke ich das. Wenn ich aber immer von Wien nach Linz fahre und die Autobahn frei ist, dann merke ich nicht, ob auf einer Straße im Burgenland etwas passiert ist. Somit können auch im Hintergrund immer wieder Läsionen auftreten, die Sie möglicherweise nicht bemerken. Deswegen ist die ASFINAG von großer Bedeutung. Je mehr Baustellen ich habe, desto mehr ist in der Vergangenheit passiert. Dann ist die nächste Frage: Wie ausgeprägt war eigentlich diese Baustelle? Haben Sie davon eine residuale Symptomatik? Haben Sie also davon immer noch Probleme, oder hat sich das sehr gut zurückgebildet? Je mehr Baustellen es gibt und je größer sie sind beziehungsweise je mehr Einfluss sie haben, desto wichtiger ist es für mich, eine stärkere Therapie zu wählen. Die nächste Sache ist das, was ich schon kurz angedeutet habe: Wenn mir eine junge Patientin sagt: „Die Schwangerschaft ist mir wichtig, ich möchte schwanger werden“, dann ist es für den Arzt wichtig, das zu wissen, weil er manche Therapien nicht geben sollte, die mit einer Schwangerschaft nicht vereinbar sind. Hier ist es aber sehr wichtig zu betonen: Wenn eine MS-Patientin zu mir kommt und von einem Schwangerschaftswunsch spricht, steht dem nichts entgegen. Wichtig ist: Die Träume und Wünsche von MS-Patienten sollen in Erfüllung gehen. Und wir sind da, um Ihnen zu ermöglichen, dass diese Träume und Wünsche auch wirklich in Erfüllung gehen können. Aber auch wenn das wirklich etwas Privates zwischen Mann und Frau ist, sollten Sie in diesem Fall mit dem Arzt darüber sprechen, ob ein Schwangerschaftswunsch gerade jetzt umgesetzt oder möglicherweise kurz aufgeschoben werden sollte. Weitere Dinge, die von Bedeutung sind: Wie ist der Lebensstil? Soll ich jeden Tag eine Tablette nehmen, oder reise ich in der Weltgeschichte herum? Dann sollte ich natürlich etwas anderes auswählen. Was ich noch bedenken sollte, ist: Habe ich schon irgendwelche Nebenwirkungen oder Auffälligkeiten im Immunsystem, bei denen ich möglicherweise das Immunsystem noch stärker belaste? Das sind viele Kleinigkeiten, die man bedenken sollte.

Was sollte ich vor Therapiebeginn beachten?

Deswegen ist es auch wichtig, dass man vor Therapiebeginn viele Dinge miteinander bespricht, zum Beispiel einen Schwangerschaftswunsch, aber auch den Impfstatus, wie wir schon besprochen haben. Das Immunsystem wird durch alle unsere Therapien mehr oder minder verändert. Manche Therapien verändern es stärker, manche weniger. Umso wichtiger ist es, dass ich einen ausreichenden Infektionsschutz, also einen entsprechenden Impfstatus, habe. Für manche Therapien sind bestimmte Impfungen wichtiger, für andere Therapien sind wiederum andere Impfungen wichtiger. Aber auch dieser Impfstatus ist ganz besonders wichtig. Er dient dazu, dass wir Spezialkräfte im Körper haben, die auf spezifische Verbrecher, also auf spezifische Viren oder Bakterien, genau reagieren können.

Hier geht es zum Video-Interview: „Therapieentscheidungen bei MS“

Während der Therapie der Multiplen Sklerose

Was sollte ich während der Therapie beachten?

Eine Frage, die immer wieder kommt und auch sehr vernünftig ist: Was soll ich eigentlich während der Therapie beachten? Worauf soll ich jetzt wirklich Acht geben? Oder was sollte ich dem Arzt melden? Eine der wichtigsten Sachen, auf die Sie achten sollten, ist, dass Sie die Therapie wirklich regelmäßig einnehmen. Es bringt mir nichts, wenn ich die beste Therapie für Sie verschrieben habe, die Therapie aber nicht ankommt, da Sie sie nicht einnehmen. Wenn Sie mit einer Therapie aufgrund von Nebenwirkungen nicht klarkommen, etwa mit Infekten, Hautveränderungen oder Magenproblemen, dann sollten Sie uns das sagen. Nicht, weil wir Sie im Stich lassen wollen, sondern damit wir schauen, wie wir mit diesen Problemen umgehen können. Eine der wichtigsten Sachen ist das Therapieziel, das wir haben sollten. Das Therapieziel ist aus meiner Sicht, dass keine neuen Baustellen dazukommen. Es ist wichtig, dass kein neuer Stau gemeldet wird. Was Sie sich nicht erwarten dürfen, ist, dass Sie mit einer Therapie plötzlich gesund werden. Bei den Baustellen auf der Autobahn ist es relativ einfach. Nach einer gewissen Zeit kann die ASFINAG veranlassen, dass neuer Asphalt aufgetragen wird. Ich habe leider keine neuen Nerven. Deswegen müssen wir die Nerven, die wir haben, umso mehr schützen. Das Ziel muss sein, dass nichts Neues dazukommt und dass Sie stabil bleiben. Natürlich kann es zu Verbesserungen kommen, was wichtig ist. Denn je mehr Reserven ich habe, je mehr ich mache, umso mehr Umwege kann ich im Netzwerk aufbauen, und umso mehr können Sie auf verschiedenste Dinge zurückgreifen. Da können Sie sich auch wieder verbessern. Auch manche Symptome, die Sie gehabt haben, können besser werden. Doch das Ziel muss Stabilität sein. Wie kann ich das überprüfen? Wie bei der Autobahn: Es gibt den Staumelder. Das sind Sie. Der Staumelder kommt zu mir und erklärt mir: Das und das ist passiert. Ich mache den neurologischen Status und sage: „Ja, das ist etwas Neues. Das ist nichts Neues.“ Das Zweite ist die ASFINAG. Die ASFINAG schaut nach, ob neue Baustellen da sind. Das ist das MRT. Und mit diesen Befunden kommen Sie zum Arzt. Und der Arzt? In diesem Fall bin ich mehr oder weniger der Verkehrsminister und muss sagen: Okay, die Autobahn schaut super aus, es funktioniert wirklich gut. Sollen wir etwas ändern oder nicht? Und dann muss der Arzt mit Ihnen besprechen: Sind wir auf dem richtigen Weg, oder sollten wir etwas ändern? Wie kann ich diese Stabilität feststellen? Durch Schübe, den Staumelder, das MRT, die ASFINAG, aber auch insgesamt: Wie fühle ich mich? Werde ich langsamer? Fühle ich mich in meinem Körper zunehmend unwohler? Passiert irgendetwas Neues? Fällt mir das Gehen schwerer? Das müssen wir alles beachten.

Wie lange dauert die Behandlung und warum sollte ich meine Therapie nicht eigenständig pausieren oder absetzen?

Wie lange sollte ich die Therapie machen? Das ist eine sehr gute Frage. Momentan gehen wir wirklich davon aus, dass die Therapie lange dauert. Das bedeutet: Wenn wir eine Therapie starten, ist das Therapieende nicht abzusehen. Ich möchte wirklich erreichen, dass Sie bis zur Pension arbeiten können und arbeitsfähig sind. Ein Schub kann auch im höheren Alter immer wieder auftreten. Wenn Nebenwirkungen auftreten, muss ich sie beurteilen und dementsprechend reagieren. Aber bitte beachten Sie: Eine Therapie ist auf Dauer vorgesehen. Die genaue Jahreszahl kann ich Ihnen nicht sagen. Eine einmal gestartete Therapie ist über Jahre fortzusetzen. Das bedeutet auch: Bitte setzen Sie eine Therapie nicht selbstständig ab. Wenn Sie eine Therapie selbstständig und ohne Rücksprache mit uns absetzen, wissen wir nicht, was passiert. Ein Wunsch nach einem Therapieende sollte mit uns besprochen werden. Es gibt erste Studien, die Hinweise geben, ob und wann man ein Therapieende erwägen kann. Momentan gibt es wirklich keine generelle Übereinkunft darüber, ob und wann die Therapie beendet werden sollte.

Wann ist ein Therapiewechsel sinnvoll und was sollte ich dabei beachten?

Wann kommt eigentlich ein Therapiewechsel infrage? Da gibt es theoretisch zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist, dass die Therapie nicht wirksam genug ist: Es gibt einen neuen Stau oder neue Baustellen. Genau das muss man ins Auge fassen und entscheiden: Ist das wirklich eine Indikation? Ist die Wirkung ausreichend? Ein Grund für einen Therapiewechsel ist also eine unzureichende Wirksamkeit. Die andere Möglichkeit, eine Therapie zu wechseln, besteht, wenn Nebenwirkungen auftreten: wenn ich Bauchschmerzen habe, die einfach nicht mehr erträglich sind, wenn ich irgendwelche Infektionen habe, die ich nicht in den Griff bekomme, oder bei Spritzen Hautveränderungen auftreten, die nicht zurückgehen. Das ist genau der Punkt, an dem wir auch einen Therapiewechsel ins Auge fassen sollten. Also: unzureichende Wirksamkeit oder Nebenwirkungen. Ein dritter Punkt kommt noch kurz ins Spiel. Dieser dritte Punkt ist ein Schwangerschaftswunsch. Immer wenn eine Schwangerschaft geplant ist oder ein entsprechender Patientenwunsch besteht, muss ich überlegen: Sind das die richtigen Therapien für eine Schwangerschaft oder nicht? Wichtig in diesem Zusammenhang ist: Wenn Sie wirklich planen, schwanger zu werden, besprechen Sie dies bitte mit dem Arzt. Und wenn Sie schwanger sind, informieren Sie bitte auch wirklich den Arzt. Ich weiß, das geht nur die Frau und den Mann etwas an. In diesem Fall geht es aber wirklich um Sie und auch um das Ungeborene.

Warum sind regelmäßige Kontrollen bei Neurologen wichtig und warum?

Wenn wir jetzt gehört haben, was eigentlich das Ziel ist – Schubfreiheit, „Staufreiheit“ und MRT-Freiheit –, dann ist es umso wichtiger, dass Sie wirklich regelmäßig zu den Kontrollen kommen. Kontrollen sind dazu da, dass wir diese Befunde und Ihr Befinden noch einmal in den Blick nehmen. Es geht um Sie. Zweitens: Wenn wir Therapien geben, durch die die Polizei verändert wird, ist es ganz wichtig zu schauen, ob wir irgendwo ein Risiko für vermehrte Infektionen haben. Deswegen sind Kontrollen aus zwei Gründen wichtig: Erstens, um wirklich zu überprüfen: Habe ich die richtige Therapie für Sie? Ist die Therapie wirksam? Und zweitens: Habe ich irgendwelche Nebenwirkungen? Wenn die Therapie nicht ausreichend wirksam ist, Infektionen oder Nebenwirkungen auftreten oder kein ausreichender Schutz besteht, ist es umso wichtiger, dass wir eine gemeinsame Entscheidung treffen und einen Therapie-Switch, einen Therapiewechsel, machen. Und wie ich Ihnen schon vorher hoffentlich erklären konnte, haben wir unterschiedliche Wirkmechanismen. Deswegen halten Sie bitte die Kontrollen wirklich ein. Die regelmäßige Therapieeinnahme, aber auch regelmäßige Kontrollen sind wichtig für Ihren Krankheitsverlauf und auch für Ihr Befinden.

Hier geht es zum Video-Interview: „Während der Therapie der Multiplen Sklerose“

Unterstützende Maßnahmen während der Therapie

Wie sieht eine ganzheitliche MS-Behandlung aus und was kann ich selbst dazu beitragen?

Jetzt haben wir sehr viel darüber gesprochen, welche Therapiemöglichkeiten es gibt. Doch in meiner täglichen Praxis höre ich sehr häufig die Frage: Was kann ich eigentlich dazu beitragen? Sie können unglaublich viel dazu beitragen. Das Erste ist: Beschäftigen Sie sich mit dieser Erkrankung. Sie müssen sich ohnehin damit beschäftigen. Aber was ich damit meine, ist: Sie sollten Spezialist für Ihre Erkrankung sein. Sie sollten Ihren Körper kennenlernen. Sie sollten wissen, was in Ihrem Körper passiert und was das Medikament macht. Also sollten Sie ein informierter Patient sein. Das Zweite, ganz wichtig: Verfolgen Sie Ihre Ziele. Was ich damit meine: Seien Sie aktiv im Leben. Versuchen Sie wirklich, das Leben so weit wie möglich zu genießen. Denn wenn Sie das machen, machen Sie automatisch sehr viel. Sie werden reisen und neue Eindrücke bekommen. Sie werden sich viel bewegen. Das sind wirklich wichtige Dinge, die Sie selbst beitragen können. Alles, was Sie tun, baut Reserven auf. Wenn Sie dann in einem fortgeschrittenen Stadium sind, können wir mit Physiotherapie wirklich viel erreichen. Mit Ergotherapie können wir unglaublich viel erreichen. All das hat natürlich Auswirkungen auf Ihr Leben, auf Ihren Lebensstil und auch auf die Psyche. Wenn Sie mit dieser Erkrankung wirklich Probleme haben und zu Beginn sehr viele Fragen auftauchen, sprechen Sie mit Leuten darüber. Fragen Sie Ihren Arzt. Wichtig ist: Wenn Sie irgendetwas belastet, werden Sie den Arzt nicht sofort um Mitternacht erreichen können. Nehmen Sie sich einen Zettel, schreiben Sie es auf und legen Sie ihn ins Nachtkästchen. Das Problem ist zwar nicht verschwunden, aber Sie werden sich darum kümmern. Und beim nächsten Arztbesuch nehmen Sie den Zettel heraus und besprechen Ihre Fragen mit dem Arzt. Es gibt auch psychologische Betreuung. Besonders hervorzuheben sind hier die MS-Gesellschaften der verschiedenen Bundesländer, in Wien insbesondere die dortige MS-Gesellschaft. Sie bieten Sozialberatung und auch psychologische Betreuung an. Wichtig ist, dass Sie sich nicht zurückziehen. Die MS ist leider ein Teil Ihres Lebens geworden. Doch das Leben ist lebenswert, denn wir haben in den letzten 30 Jahren so viel erreicht, dass wir wirklich von Schubfreiheit sprechen und neue MRT-Läsionen verhindern können. Wir haben erreicht, dass Sie hoffentlich ein unbeschwertes Leben führen können. Aber Sie sollten wissen, dass Sie eine Erkrankung haben. Sie sollten wissen, dass jemand für Sie zuständig ist. Sie sollten auch wissen, dass Sie von Zeit zu Zeit zu Ihrem Arzt gehen müssen. Und wenn Probleme auftreten, sollten Sie zusätzlich einen Termin vereinbaren. Wann sind diese Probleme? Was sind solche Triggerpunkte, bei denen ich wirklich den Arzt aufsuchen sollte? Zu Beginn ist es vor allem das, was Sie beunruhigt. Ich kann es jetzt nicht genau auf irgendetwas festlegen, doch zu Beginn ist es wahrscheinlich häufiger als später. Wie vorher gesagt: Sie werden der Experte für Ihre Erkrankung. Sie werden wissen, dass es manchmal nur kurze Beschwerden gibt, die nicht auf einen neuen Stau hinweisen. Später, wenn Sie Ihren Körper kennen, können es beispielsweise Veränderungen sein, etwa dass das Sehen oder das Gehen schlechter geworden ist. Jetzt habe ich kurz von sehr kurzfristigen Symptomen gesprochen. Ich sehe das ganz häufig in der Klinik. Wir sprechen von einem Stau, von einem Schub, wenn die Symptome mindestens 24 Stunden anhalten, neu sind oder sich ein altes Symptom verschlimmert hat. Das ist meistens nicht das Problem. Die Patienten kommen, wenn diese Dinge auftreten. Doch häufig gibt es kurzfristige Probleme, die eine Stunde oder nur wenige Minuten andauern. Das sind keine offiziellen Schübe, aber möglicherweise Mini-Staus. Was ich damit sagen möchte: Wenn ich eine Baustelle habe, die abgeräumt ist, bleibt ein kleiner Hubbel. Wenn jetzt alles sehr ruhig ist, etwa am Samstag um Mitternacht, dann fahre ich über diesen Hubbel hinweg, ohne Probleme. Wenn aber viel Verkehr ist, wenn das Wetter nicht hundertprozentig passt oder in den Sommer- und Ferienmonaten Urlaubsstress herrscht, dann bremst einer vor diesem Hubbel mit dem Auto ab. Dann bremsen Sie ab, und dann bremst einer hinter Ihnen ab. Obwohl keine neue Baustelle aufgetreten ist, kommt es zu einem kleinen Stau. Und das sind diese kurzfristigen Symptome, die Sie wieder spüren können. Das bedeutet aber nicht, dass ein neuer Stau oder eine neue Baustelle aufgetreten ist, sondern dass Faktoren wie Stress, Fieber, Überlastung oder Ähnliches plötzlich zu einem kleinen Rückstau führen. Und das können Sie auch in Ihrem Leben haben. Wenn Sie das aber haben, dann habe ich Ihnen, glaube ich, schon fast die Antwort gegeben: Achten Sie einfach darauf. Achten Sie darauf, dass der Stress weniger wird. Achten Sie mehr auf Ihren Körper. Was wir eigentlich wollen, ist eine ganzheitliche Behandlung: Ich möchte nicht nur verhindern, dass ein Schub kommt, sondern auch, dass es Ihnen gut geht. Und Sie können unglaublich viel dazu beitragen, dass es Ihnen gut geht.

Was hilft bei häufigen Beschwerden wie Fatigue , Spastik oder Schmerzen?

Eines der Symptome, die wir schon kurz angesprochen haben, ist Fatigue, also eine ausgeprägte Müdigkeit. Was hilft dagegen? Ich habe leider kein Medikament, das diese Fatigue vollständig zurückgehen lässt. Doch was wirklich hilft, ist regelmäßige Bewegung, regelmäßige sportliche Betätigung. Da bauen Sie sich Reserven auf. Als ich als Jugendlicher mit dem Fußballspielen begonnen habe, ging es am Anfang wirklich darum, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Doch nach einer gewissen Zeit habe ich mich deutlich fitter gefühlt. Und so ähnlich ist es bei Ihnen auch. Wichtig ist, dass Sie sich bitte nicht überlasten, sondern wirklich langsam vorgehen. Gehen Sie das alles langsam an. Bei Schmerzen ist es natürlich so, dass wir verschiedenste Hilfsmittel einsetzen können. Woher kommen diese Schmerzen? Manche Patienten sitzen leider im Rollstuhl, und es kann zu Druckstellen kommen. Da muss ich auf diese Druckstellen achten. Manche Patienten haben natürlich eine Spastik, eine Muskelanspannung. Diese Muskelanspannung kann an sich schon zu Schmerzen führen. Da kann ich aber Medikamente geben, die diese Spannung wirklich lindern. Es hat in der letzten Zeit sehr viele neue Möglichkeiten gegeben, die symptomatische Therapie zu verbessern: medikamentös, in Kombination mit unterschiedlichen Medikamenten, aber auch durch Physiotherapie und Hilfsmittel. Ganz wichtig: Es gibt auch die erektile Dysfunktion. Auch hier gibt es Möglichkeiten, wie wir mit dieser erektilen Dysfunktion besser umgehen können. Es hat sich in der letzten Zeit wirklich viel verändert. Häufig ist es so, dass der Arzt seinen Blick nur auf die Baustelle und auf den Stau richtet. Bitte sprechen Sie Ihren Arzt an, wenn Sie Schmerzen, Spastik oder andere Probleme haben, und fragen Sie, welche Möglichkeiten es gibt. Es gibt mehr, als Sie sich vorstellen können. Und leider werden diese symptomatischen Therapien immer noch zu wenig eingesetzt. Bitte sprechen Sie Ihren Arzt darauf an!

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es bei psychischer Belastung durch MS?

Es kann natürlich auch zu einer psychischen Belastung kommen, erstens durch die Diagnose. Zweitens durch die verschiedensten Dinge, mit denen Sie konfrontiert sind: dass Sie regelmäßig zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen müssen und dass Sie von Medikamenten unter Anführungszeichen abhängig sind. Das sind Sie aber nicht. Sie sind wirklich Herr Ihrer eigenen Dinge und Sinne. Es können psychische Belastungen auftreten, weil man sich Sorgen macht. Wie geht es weiter? Werde ich im Rollstuhl landen? Was ist mit meinem Partner? Wird mein Partner immer zu mir stehen? Was ist mit der Familie? Kann ich meine Familie weiter ernähren, oder falle ich zur Last? Wichtig ist, dass diese Sorgen wirklich kommuniziert werden, einerseits durchaus mit dem Arzt, aber auch mit Freunden und innerhalb der Familie. Auch hier gibt es psychologische Betreuung über die verschiedensten Selbsthilfegruppen. Wichtig ist der Austausch mit anderen Betroffenen. Wie sehen das andere Betroffene? Momentan gibt es wirklich viele Betreuungsangebote über die MS-Gesellschaften und über Selbsthilfegruppen. Und da würde ich Sie bitten, diese in Anspruch zu nehmen. Mit Ihren Problemen sollten Sie nicht allein gelassen werden. Häufig hilft es schon, über diese Probleme zu sprechen, sie zu verbalisieren und auszusprechen, sodass man sich auch einmal den Frust von der Seele reden darf.

Hier geht es zum Video-Interview: „Unterstützende Maßnahmen während der Therapie“

Meine Nachricht an Sie

Ich hoffe, dass Sie meine Einführungen zu den verschiedensten Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose geschätzt und gut zugehört haben. Bevor ich jetzt aufhöre, möchte ich Ihnen noch etwas mitgeben. Und das ist aus meiner Sicht wirklich wichtig: Wünsche und Träume werden durch eine Erkrankung nicht verändert. Und bitte versuchen Sie alles, damit Ihre Wünsche und Träume in Erfüllung gehen. Die Multiple Sklerose ist weder das Ende Ihres Lebens noch das Ende Ihrer Wünsche und Träume. Gemeinsam müssen wir versuchen, dass Ihre Wünsche und Träume in Erfüllung gehen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Meine Nachricht an Sie“

Geprüft Prof. Dr. Rommer: Stand?? | Quellen und Bildnachweis
Autoimmunerkrankung
Störung des Immunsystems, bei der es durch Fehlsteuerung gesunde Gewebe und Zellen im Körper angreift.  Das kann zu Entzündungen und Schäden in verschiedenen Organen und Geweben führen.
Axon
Fortsatz einer Nervenzelle, der Signale zu anderen Nervenzellen, Muskeln oder Organen wie ein Kabel weiterleitet.
Ergotherapie
Therapieform zur Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und Alltagsbewältigung.
Fatigue
Häufige Begleiterkrankung von schweren Krankheiten, die mit anhaltender Müdigkeit, Kraftlosigkeit und fehlendem Antrieb einhergeht. 
Kortison
Kortison ist ein körpereigenes Hormon. Für therapeutische Zwecke wird es meist in höheren Konzentrationen verwendet und wirkt dann vor allem entzündungshemmend. 
Läsionen
Gewebeschädigungen in einem begrenzten Bereich. Diese kann durch verschiedenste Verletzungen oder Erkrankungen hervorgerufen werden.
Lymphknoten
Bestandteil des Immunsystems, reinigt und filtert die Lymphe aus den Lymphbahnen. Befinden sich an verschiedenen Regionen im Körper, zum Beispiel am Hals und in der Achselregion.
MRT
(Magnetresonanztomografie, auch Kernspintomografie)
Bildgebendes Verfahren, das sich besonders zur Darstellung von Weichteilen wie Muskeln oder Fettgewebe eignet. Magnetfelder lösen in den verschiedenen Geweben unterschiedliche Signale aus. Diese werden zu Bildern umgewandelt. Die Untersuchung ist schmerzlos und hat keine Strahlenbelastung.
Myelin
Myelin bezeichnet eine schützende Isolierschicht um Nervenleitungen. Sie hilft, dass Signale schnell und zuverlässig weitergeleitet werden.
Physiotherapie
Therapieform zur Verbesserung von Beweglichkeit und Kraft durch gezielte Übungen.
Spastik
Medizinischer Fachausdruck für Muskelverkrampfungen. Diese treten häufig nach einer Querschnittslähmung auf.