Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei der MS?
Wenn wir jetzt überlegen: Es gibt diese akute Baustelle und Ihre Krankengeschichte beginnt ja mit einem akuten Schub mit einer akuten Baustelle. Wir versuchen dann einfach, diese Baustelle so schnell wie möglich abzuräumen. Das passiert mit Kortison . Im akuten Schub geben wir also Kortison, in Ausnahmefällen auch eine Plasmapherese, einen Blutaustausch. Doch das ist jetzt nur der erste Teil dessen, was wir machen müssen. Langfristig müssen wir natürlich verhindern, dass neue Baustellen entstehen. Und das ist die immunmodulierende Therapie, die langfristige Therapie, die verhindern soll, dass neue Baustellen entstehen oder dass Sie uns einen neuen Stau melden. Da gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Und da hat es in den letzten 20, 30 Jahren einen unglaublichen Fortschritt in der Behandlung der Multiplen Sklerose gegeben. Das ist ein Vorteil für uns Ärzte, aber auch für Sie, weil wir wirklich genau auf Ihre Gewohnheiten oder auf Ihren speziellen Fall eingehen können. Wir haben derzeit Spritzen als Therapien. Wir haben Tabletten als Therapien, und wir haben Infusionen als Therapien. Wir haben eine wirklich große Breite an verschiedenen Therapiemöglichkeiten, bei denen wir gemeinsam mit Ihnen versuchen, die richtige Wahl zu treffen.
Welche Therapieform ist die richtige für mich?
Jetzt werden Sie sich natürlich fragen: Was ist denn eigentlich die richtige Therapie für mich? Müssen alle Patienten die gleiche, gleich starke Therapie bekommen? Oder wie erfolgt eigentlich die Auswahl? Hier unterscheiden wir zwischen einer Basistherapie und einer Eskalationstherapie. Basistherapie bedeutet, dass wir versuchen, Sie mit einer milden bis moderaten Wirksamkeit zu behandeln, um zu schauen, ob das ausreicht. Wenn es nicht ausreicht, können wir eine Eskalationstherapie machen. In den letzten Jahren hat es eigentlich einen Switch gegeben. Die Pyramide von der Basis- bis zur Eskalationstherapie wurde auf den Kopf gestellt. Momentan ist es so, dass häufig schon mit einer sehr stark wirksamen Eskalationstherapie begonnen wird, um so gut wie möglich neue Läsionen zu verhindern. Denn diese Läsionen können, wie wir schon vorher gesagt und im Autobahnnetz gesehen haben, natürlich zu Verzögerungen führen. Und diese Verzögerungen spüren Sie, und der Neurologe sieht sie dann. Diese Verzögerungen führen zu Symptomen. Das sind genau die Symptome, die viele Patienten spüren. Für die Symptome gibt es die symptomatische Therapie. Eine Spastik bedeutet zum Beispiel, dass ein Muskel steif ist und die Muskelspannung immer zu hoch ist. Mit der symptomatischen Therapie versuchen wir, Ihren Alltag zu verbessern. Wir versuchen, diese Krankheitslast, die Spannung in den Beinen, aber auch Schmerzen und zum Beispiel eine Unsicherheit beim Gehen so gut wie möglich zu verhindern. Das wäre die symptomatische Therapie.
Warum ist nicht jede Therapieform für jeden Patienten geeignet?
Kommen wir noch einmal zurück zu den immunmodulatorischen Therapien, mit denen neue Baustellen verhindert werden sollen. Jede dieser Therapien hat einen unterschiedlichen Wirkansatz, und diese Wirkansätze sind für uns, aber auch für Sie, relativ wichtig zu verstehen. Denn all diese verschiedenen Wirkansätze haben unterschiedliche Nebenwirkungen, und auf diese Nebenwirkungen müssen wir achten. Deswegen gilt: Auch wenn wir sagen, dass eine Eskalationstherapie etwas Gutes ist, sollte man nicht bei allen Patienten damit beginnen. Vielmehr sollten wir aufgrund der möglichen Nebenwirkungen, des dahinterstehenden Wirkmechanismus und Ihrer individuellen Eigenheiten die richtige Wahl treffen. Was sind zum Beispiel Eigenheiten? Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die vor allem junge Frauen betrifft. Bei jungen Frauen kann natürlich irgendwann auch ein Schwangerschaftswunsch eine Rolle spielen. Und nicht alle Medikamente sind zum Beispiel für eine Schwangerschaft geeignet. Auf diese Eigenheiten, auf diese persönlichen Bedürfnisse und auf das jeweilige Patientenprofil können und sollten wir unsere Therapie abstimmen.
Welche unterschiedlichen Wirkprinzipien und Verabreichungsformen gibt es?
Gehen wir noch einmal zurück zu den verschiedensten Therapien. Wie schon gesagt, es gibt Therapien in Spritzenform. Es gibt Therapien in Tablettenform und Therapien als Infusionen. Dahinter stehen unterschiedliche Prinzipien. Verschiedenste Tabletten, die wir geben, sind zum Beispiel Medikamente, die versuchen, die weißen Blutkörperchen im Lymphknoten zu halten. Anders gesagt: Wir haben vorher die Autoimmunerkrankung mit einer korrupten Polizei verglichen. Wenn die weißen Blutkörperchen jetzt im Lymphknoten gehalten werden, bedeutet das, dass wir versuchen, diese Polizisten in der Polizeistation zu halten. Wenn sie in der Polizeistation sind, können sie auf der Straße keinen Schaden verursachen. Das wäre eine Therapiemöglichkeit. Nebenwirkungen ergeben sich daraus natürlich. Denn wenn ich jetzt weniger Polizisten auf der Straße habe, bin ich bis zu einem gewissen Grad infektanfälliger. Aber bei Infekten werden diese Türen wieder geöffnet, und ein Teil dieser Polizisten kann wieder heraus. Das wäre eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass ich versuche, die Polizei insgesamt zu reduzieren. Wir wissen, dass ein Teil der Polizisten korrupt ist. Am besten wäre es, genau die korrupten Polizisten herauszuholen. Das kann ich momentan nicht. Aber wenn ich versuche, die Polizisten insgesamt zu reduzieren, bedeutet das, dass die vorhandenen Polizisten mehr Arbeit machen müssen. Interessanterweise ist es so: Wenn sie mehr Arbeit machen müssen, kommen sie auf weniger blöde Ideen und sind weniger korrupt. Das ist eine Möglichkeit. Aber wiederum ist eine gewisse Infektanfälligkeit gegeben, wenn ich weniger Polizisten habe. Dafür stehen ebenfalls meist Tabletten zur Verfügung. Eine andere Möglichkeit ist, dass ich versuche, das Immunsystem vollkommen neu aufzusetzen. Wie mache ich das? Indem ich versuche, die Polizei zu entlassen. Die Polizisten sollen aber wiederkommen, denn wenn ich keine Polizisten habe, habe ich ein gewisses Problem. Und wie mache ich das? Indem ich in der Polizeischule einen neuen Lehrplan einführe. Und was passiert dann? Die Polizisten sollen versuchen, weniger korrupt zu sein. Das sind verschiedenste Möglichkeiten. Eine weitere Möglichkeit ist: Wir wissen, dass das Immunsystem sehr breit ist. Es gibt ja nicht nur die Polizisten, wenn man es ein bisschen vereinfacht sagt, sondern zum Beispiel auch die Gendarmerie. Jetzt wissen wir, dass bei der Multiplen Sklerose, vereinfacht gesagt, vor allem die Polizei ein gewisses Problem ist. Jetzt könnte ich natürlich versuchen, alle Polizisten zu entlassen. Die Gendarmerie lasse ich vollkommen in Ruhe. Das bedeutet natürlich wiederum, dass ich ein bisschen infektanfälliger bin, weil ich weniger Polizisten, also insgesamt weniger Sicherheitskräfte, auf der Straße habe. Aber ich habe noch die Gendarmerie, und auch die Gendarmerie kann immer noch die wichtigsten Verbrecher jagen. Ich habe noch eine andere, sehr spannende Möglichkeit: Diese korrupten Polizisten müssen ins Gehirn oder, mehr oder weniger, in die Bank, sozusagen ins Rechenzentrum. Und da könnte ich wirklich die Tür verschließen. Dann können keine korrupten Polizisten mehr in das Rechenzentrum, ins Gehirn. Ich habe nur ein gewisses Problem: Es können auch keine guten Polizisten hinein. Und Sie sehen schon: Immer wieder versuche ich, die Polizei, die Sicherheitskräfte, ein bisschen zu reduzieren. Und da liegt auch eines unserer Probleme: Wir könnten Infekte bekommen. Deswegen ist es ganz wichtig für Sie, aber natürlich auch für uns. Denn es bringt mir nichts, wenn ich den besten Vorschlag für Sie habe, Sie davon aber Nebenwirkungen haben. Deswegen möchte ich natürlich, dass das alles für Sie und für mich sehr gut funktioniert. Und deswegen ist es wichtig, dass Sie in regelmäßigem Kontakt sind, dass wir die Sicherheitskräfte wirklich überwachen und prüfen, wie infektanfällig Sie sind. Wenn ich da Auffälligkeiten oder mögliche Nebenwirkungen sehe, können wir das Wirkprinzip beziehungsweise die Therapie dementsprechend ändern.
Hier geht es zum Video-Interview: „Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose“