4. Verlauf der Multiplen Sklerose positiv beeinflussen

Was ist eine verlaufsmodifizierende Therapie?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Krankheit, die sich über Jahre bis Jahrzehnte ziehen kann. Die verlaufsmodifizierende Therapie besteht in der langfristigen Gabe von sogenannten Immun-Therapeutika und ist die wichtigste Grundlage. Grundsätzlich können zwei mögliche Verläufe der MS unterschieden werden:

  • MS mit Schüben: diese Form ist am häufigsten und ist gekennzeichnet durch ein plötzliches Auftreten von Symptomen. Nach Abklingen eines solchen Schubs folgt ein Zeitraum, in dem keine neuen Beschwerden auftreten. Die während des Schubs aufgetretenen Beschwerden können sich ganz oder teilweise zurückbilden. Dieses Intervall kann unterschiedlich lang sein.
  • MS mit progredienter Symptomatik: progredient meint eine fortlaufend langsame Verschlechterung der Symptomatik. Ohne eine entsprechende Therapie gibt es keine beschwerdefreien Intervalle.

In Abhängigkeit von der vorliegenden Form und der Krankheitsaktivität wird die verlaufsmodifizierende Therapie ausgewählt. Gemeinsames Ziel ist jedoch, dass das Auftreten neuer Symptome verhindert wird und vorhandene Symptome verbessert werden.

Welche Arten der verlaufsmodifizierenden Therapie gibt es?

Immunmodulation ist die Beeinflussung des Immunsystems. Das Immunsystem kann vereinfacht in zwei verschiedene Richtungen beeinflusst werden: das Immunsystem kann verstärkt werden (Immunstimulation) oder umgekehrt abgeschwächt und sogar unterdrückt werden (Immunsuppression). Eine Immunsuppression wird immer dann zur Therapie eingesetzt, wenn eine Immunantwort Schäden im eigenen Körper erzeugt. Also auch bei Autoimmunerkrankungen wie der MS, bei der die Immunantwort gegen eigene Körperzellen gerichtet ist.

Immunsuppressiva können unspezifisch sein, das heißt alle Bestandteile des Immunsystems unterdrücken, oder aber gezielt einzelne Bestandteile des Immunsystems hemmen. Die Leistungsfähigkeit der Immunzellen wird dauerhaft erniedrigt. Dadurch ist der Körper anfälliger für Infektionen durch Viren, Bakterien oder Krankheitserreger. Sobald die Therapie beendet wird, kann das Immunsystem erneut das Nervensystem angreifen. Damit die schädlichen Bestandteile dauerhaft unterdrückt werden, ist eine regelmäßige Medikamenteneinnahme notwendig.

Eine recht neue Entwicklung der medikamentösen Therapie betrifft die Immunrekonstitution. Das Prinzip basiert auf einer Änderung der Zellzusammensetzung des Immunsystems. Zunächst werden die Zellen, die die MS verursachen, stark vermindert. Unter Rekonstitution versteht man den darauffolgenden Zeitraum, in dem sich die Zellen erholen. In dieser Zeit bilden sich vor allem gesunde Immunzellen, die die eigenen Körperzellen nicht angreifen. Das bedeutet, dass keine durchgehende Immunsuppression, sondern eine einmalige oder wiederholte Kurztherapie erfolgt.

Da die verabreichten Medikamente langfristig wirksam sind, werden die Zyklen in größeren Abständen von ca. ein bis zwei Jahren wiederholt. Auf diese Weise kann in einigen Fällen eine Beschwerdefreiheit bis über 10 Jahre bewirkt werden, was aktuell nahe an einer Heilung beurteilt wird.

Was ist das Ziel der verlaufsmodifizierenden Therapie?

Die verlaufsmodifizierende Therapie kann die MS zwar nicht heilen, aber sie beeinflusst den Verlauf günstig.

  • Beim schubförmigen Verlauf soll das Auftreten von Schüben und neurologische Verschlechterungen verhindert werden. Dies gelingt bei dem größten Teil der Betroffenen.
  • Beim progredienten Verlauf soll das zunehmende Fortschreiten der MS verzögert werden. Ohne eine Therapie kommt es zu einer Verschlechterung der neurologischen Funktionen, sodass zum Beispiel das Gehen erschwert sein kann. Ziel ist es daher, die Lebensqualität lange zu erhalten.

In welchen Situationen im Alltag sollte ich aufpassen?

Die Diagnose Multiple Sklerose heißt nicht, dass Sie Ihren Alltag komplett umstellen müssen. Das wichtigste ist, dass Sie Neuerungen im Alltag gut für sich annehmen können und kontinuierlich umsetzen. Besonders wichtig sollte Ihnen sein auf sich selbst und das eigene Befinden noch mehr zu achten und Ihre Bedürfnisse entsprechend anzupassen. Eine realistische Einschätzung Ihrer eigenen Grenzen wird hilfreich sein Ihren Alltag positiv zu gestalten.

Wann bekomme ich die verlaufsmodifizierende Therapie?

Zunächst muss die Diagnose für eine MS sichergestellt sein. Sobald alles Weitere bezüglich Prognose und Krankheitsverlauf mit Ihnen besprochen wurde, werden die verschiedenen Therapiemöglichkeiten vorgestellt.

Die Auswahl der richtigen Therapie erfolgt nach individuellen Faktoren und ausreichender Bedenkzeit. Besprechen Sie mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt alle möglichen Optionen mit ihren Vor- und Nachteilen. Es sollte keine voreilige Entscheidung getroffen werden, sondern die bestmögliche Therapie ausgewählt werden.

Kann ich die MS-Therapie auch pausieren?

Dies ist stark abhängig vom Verlauf der Erkrankung und der Art der Therapie. Grundsätzlich ist es besser, wenn die Therapie fortläuft. Es gibt allerdings neue Erkenntnisse, die zeigen, dass die Intervalltherapie bei einem stabilen Zustand und höherem Lebensalter (ca. 50—60 Jahre) in manchen Fällen auch pausiert werden kann. „Stabil“ bedeutet, dass der Zustand seit mindestens 5 Jahren auf dem gleichen Niveau liegt und keine Krankheitsaktivität auftrat.

Die verlaufsmodifizierende Therapie ist eine vorbeugende Therapie. Wenn die Medikamente plötzlich abgesetzt werden, geht diese Schutzfunktion verloren. Besprechen Sie eine gewünschte Pause der Medikamenteneinnahme deshalb unbedingt mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt. Es ist möglich, dass die Krankheitsaktivität dadurch wieder zunimmt und negative Effekte auftreten.

Entscheiden Sie sich für eine Behandlungspause, sollten anschließend engmaschige Kontrolluntersuchungen erfolgen.

Geprüft Priv. Doz. Dr. Gabriel Bsteh: Stand Dezember 2022 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.