6. Beschwerden bei Multipler Sklerose behandeln

Welche Beschwerden treten häufig bei MS auf und an wen kann ich mich bei diesen wenden?

Bei einer Multiplen Sklerose (MS) fällt das Beschwerdebild je nach PatientIn unterschiedlich aus. Deshalb wird die MS auch als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bezeichnet. Die Beschwerden hängen von den betroffenen Strukturen des Nervensystems ab. Wenden Sie sich deshalb am besten an Ihre Neurologin/Ihren Neurologen. Besonders häufige MS-Symptome sind Gefühlsstörungen der Haut (Sensibilitätsstörungen), Sehstörungen, Lähmungserscheinungen der Arme und Beine und Koordinationsstörungen.

Die sogenannten „stillen“ MS-Symptome sind oft schwieriger zu diagnostizieren:

  • Fatigue: beschreibt eine erhebliche anhaltende Schwäche und schnellere Erschöpfbarkeit sowohl körperlich als auch geistig
  • Kognitive Störungen: Störungen der Gedächtnisleistung, verminderte Aufmerksamkeit, geringere Verarbeitungsgeschwindigkeit, beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis, Konzentrationsprobleme
  • Weitere Begleiterscheinungen: depressive Verstimmung, Antriebslosigkeit, Angststörungen

Wie kann Fatigue behandelt werden?

Die Fatigue, also eine erhöhte Erschöpfbarkeit, ist ein unterschätztes Symptom der MS. Dabei tritt sie recht häufig auf und kann sehr einschränkend sein. Die Fatigue unterscheidet sich deutlich von der Müdigkeit, die von gesunden Menschen angegeben wird. Die zunehmende Schwäche kann im Tagesverlauf stärker werden oder ein dauerhaft vorhandenes Müdigkeitsgefühl bewirken. Das kann sich sowohl auf die körperliche als auch geistige Leistungsfähigkeit auswirken. Es gibt sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Strategien, um der Fatigue entgegenzuwirken:

  • Tagesplanung erstellen:
    • Planen Sie Ihren Tag und beobachten Sie die Fatigue
    • Legen Sie fest, welche Erledigungen und Termine vorrangig sind und mehr Energie verbrauchen
    • Planen Sie, besonders vor wichtigen Ereignissen, Pausen ein
  • Medikamentöser Therapieversuch: unterschiedliche Optionen, die wenige Nebenwirkungen haben, aber nicht immer wirken. Die Therapie kann daher im Einzelfall erwogen werden, der Therapieerfolg sollte nach ca. 2 Wochen überprüft werden.

Was kann ich zusätzlich bei Fatigue machen?

Bei Wärme können sich Beschwerden, wie die Fatigue, weiter verschlechtern (“Uhthoff-Phänomen”). Die Kühlung des Körpers kann den Beschwerden entgegenwirken.  Hilfreich sind kalte Getränke oder kalte Duschen. Auch das Nutzen von kalten Nackenrollen oder der Klimaanlage kann Ihre Beschwerden lindern.

Außerdem hilft ein regelmäßiger Schlafrhythmus. Wenn Sie untertags zu müde werden, können Sie auch ein “Powernap” von maximal 30 Minuten einlegen.

Wenn es möglich ist, machen Sie Ausdauersport wie Radfahren oder Schwimmen. Fangen Sie langsam an und achten Sie auf Ihre Belastungsgrenze.

Welche Schmerzen können bei MS auftreten und wie werden sie behandelt?

Verschiedene Symptome können Schmerzen verursachen. Je nach Ursache, gibt es daher unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten:

  • Bei einer Spastik können Steifigkeit und Muskelkrämpfe entstehen, die Schmerzen verursachen. Es gibt einige Therapieoptionen, wie beispielsweise regelmäßige Physiotherapie und auch Medikamente, die die Beschwerden einer Spastik lindern.
  • Sogenannte neuropathische Schmerzen treten erst in späten Stadien der MS auf. Sie entstehen durch Veränderungen der Gefühlsversorgung durch direkte Schädigung von Nerven. Dadurch treten Missempfindungen wie Brennen, Kribbeln, Ameisenlaufen oder unangenehme Wärmeempfindungen auf.
  • Auch Blasenentleerungsstörungen können bei MS auftreten. Eine Blasenschwäche mit Inkontinenz macht in der Regel keine Schmerzen. Der Aufstau von Urin kann zu Blasenschmerzen führen. Dafür gibt es einige Medikamente, die die Blasenfunktion verbessern.
  • Ein muskuläres Ungleichgewicht kann zu Einschränkungen der Beweglichkeit führen. Dadurch können Gelenk- und Muskelschmerzen auftreten, die die Belastbarkeit vermindern. Zur Verbesserung der Gehfähigkeit gibt es verschiedene medikamentöse Therapien, Physio- und Ergotherapie.

Wie können Sehstörungen behandelt werden?

Sehstörungen treten typischerweise einseitig, schubförmig und rasch auf. Werden sie durch eine Entzündung des Sehnervs hervorgerufen, bilden sie sich meist nach Abklingen des Schubs wieder zurück. Im akuten Schub kann die Entzündung mit Kortison behandelt werden. Manchmal bleiben Störungen wie verschwommenes, dunkleres oder weniger scharfes Sehen zurück. Dafür gibt es derzeit noch keine ausreichend wirksamen Medikamente.

Mittels visueller Rehabilitation kann eine vollständige Wiederherstellung in einigen Fällen erreicht werden. Dabei wird das Sehvermögen durch Hilfsmittel (zum Beispiel spezielle Brillengläser) und gezieltes Sehtraining verbessert.

Das Sehen von Doppelbildern entsteht durch eine Störung der Koordination der Augenmuskeln. Dabei sind die Nerven, die die Augenmuskeln kontrollieren entzündet. Im akuten Schub kann die Gabe von Kortison auch hier helfen. Eine Rehabilitation ist nach Abklingen des Schubs ebenfalls möglich. Wichtig ist, dass die richtige Diagnose der Sehstörung vorliegt.

Wie kann verkrampfte Muskulatur behandelt werden?

Eine Spastik beschreibt eine dauerhaft ungewollte erhöhte Grundspannung der Muskulatur. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die verkrampfte Muskulatur zu behandeln. Mit gezielter Physiotherapie, bei der die Muskulatur gedehnt und aktiv bewegt wird, können Bewegungsmuster beibehalten werden. Dabei können einige Medikamente in Form von Tabletten oder Nasenspray unterstützend wirken. In besonders schweren Fällen sind auch Behandlungen mit Botox möglich. Der Therapieerfolg sollte regelmäßig kontrolliert werden.

Geprüft Priv. Doz. Dr. Gabriel Bsteh: Stand Dezember 2022 | Quellen und Bildnachweis

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