Transkript

Einleitung

Die nächsten beiden Vorträge beschäftigen sich mit der Hämophilie. Im ersten Vortrag geht es um die Behandlung und Universitätsprofessor Dr. Cihan Ay wird uns einen Überblick geben.

 

Er ist Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie und leitet die Ambulanz für Hämophilie an der Universitätsklinik Wien. Er wird uns die Grundlagen der Hämophilie Behandlung erklären und auf die neuesten Behandlungsmöglichkeiten bis zur Gentherapie eingehen.

Begrüßung (00:50)

Sehr geehrten Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Auf diesen virtuellen Patiententag der seltene Erkrankungen freue ich mich besonders, da die Hämophilie auf dem Programm steht. Die Hämophilie ist eine seltene genetische Erkrankung.

 

Mein Name ist Cihan Ay, ich bin Professor für Hämatologie und Leiter der Hämophilie Ambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin am AKH Wien, der Medizinischen Universität Wien. Ich habe mir vorgenommen, Ihnen die aktuellen Entwicklungen, Behandlungen und die neuen Entwicklungen im Bereich der Hämophilie zusammenzufassen.

Was ist Hämophilie? (1:55)

Die Hämophilie ist eine seltene Erkrankung, eine angeborene Blutgerinnungsstörung, durch den Mangel des Faktor VIII, in diesem Fall sprechen von der Hämophilie A. Bei einem Mangel von Faktor IX sprechen wir von einer Hämophilie B.

 

Es ist eine X-chromosomal rezessiv vererbbare Erkrankungen. Es liegt in den meisten Fällen eine positive Familiengeschichte vor. Allerdings ist es bei der Hämophilie so, dass es auch zu spontanen Mutationen bei Personen kommen kann, die bisher keine Hämophilie hatten. Deshalb wird es die Hämophilie immer geben, sie kommt auch in allen Ethnien vor.

 

Die Inzidenz der Hämophilie A ist etwas höher als die, der Hämophilie B. Bei Hämophilie A gibt es eine Inzidenz von 1 auf 5.000 männliche Geburten, bei der Hämophilie B eine Inzidenz von 1 auf 30.000 männliche Geburten. Es handelt sich um eine angeborene Blutgerinnungsstörung, die zu Blutungen führt, charakteristischerweise in den Weichteilen, Muskeln und Gelenken. Diese führen, wenn sie immer wieder auftreten, zu einer hämophilen Arthropathie. Ein prominentes Beispiel ist der junge Zar mit Hämophilie, der an Gelenkblutungen und versteiften Gelenken leidet.

Schweregrad und Klinik (4:05)

Die Hämophilie wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt, abhängig von der Restaktivität, von der Basisaktivität des jeweiligen Faktors. Denn auch die Restaktivität bestimmt die klinische Blutungsmanifestation. Wir sprechen von einer schweren Hämophilie, wenn es zu einem kompletten Faktorenmangel kommt. Hier treten Spontanblutungen sehr früh auf. Ohne Behandlung führt das zu einer Invalidität. Im Durchschnitt tritt die erste Blutung bei schwerer Hämophilie mit einem bis eineinhalb Jahren auf, wenn die Buben beginnen zu krabbeln.

 

Eine mittelschwere oder moderate Hämophilie liegt vor, wenn die Faktorenaktivität bei 1% bis 5% liegt. Hier haben wir weniger spontane Blutungen, sie können aber trotzdem auftreten, insbesondere nach Trauma und Verletzungen ist das Risiko erhöht.

 

Die leichte oder milde Hämophilie ist definiert als eine Faktor VIII oder IX Aktivität von 5% bis 40%. Die Rate von spontanen Blutungen ist hier sehr gering. Es ist wichtig, dass man darauf achtet, wenn Patienten operiert werden, oder verletzt sind. In diesen Fällen kann es zu schweren Blutungen kommen.

Geschichte der Hämophilie (5:55)

Die Geschichte der Hämophilie Therapie ist geprägt von großen Fortschritten aber leider auch einigen Rückschlägen. In den siebziger Jahren war die erste goldene Ära, wo Behandlungsmöglichkeiten und Faktoren entwickelt wurden, die damals schon eine Prophylaxe und Heimtherapie ermöglicht haben. Das hat dazu geführt, dass die ersten größeren Behandlungszentren, für die Betreuung von Hämophilie Patienten, entstanden sind.

 

In den achtziger Jahren gab es einige Rückschläge dadurch, dass die Faktoren plasmatisch hergestellt wurden. Zu diesem Zeitpunkt kannte man die Erkrankungen Hepatitis und HIV noch nicht. Es kam zur Kontamination dieser Therapien mit HIV und Hepatitis. Es gab jedoch auch einige Weiterentwicklungen, wie die Entwicklung von Virusinaktivierungsverfahren, um sichere plasmatische Präparate zu erzeugen. Es kam auch zur Entwicklung der ersten rekombinanten Faktor VIII Präparate.

 

In den neunziger Jahren haben wir eine zweite goldene Ära erlebt. Es wurden weitere rekombinante Faktorpräparate und Therapien entwickelt, um die Hämophilie und ihre Komplikationen besser in den Griff zu bekommen.

 

Ab den 2000er Jahren gab es eine bis heute anhaltende erfolgreiche Ära, in der die Faktorentherapie dahingehend erweitert wurde, dass die ersten Faktorpräparate mit verlängerter Halbwertszeit entwickelt wurden. Es wurden die ersten nicht-Faktorpräparate entwickelt, die im klinischen Einsatz sind. Mittlerweile ist auch die Gentherapie weit fortgeschritten.

Die klassische/traditionelle Therapie der Hämophilie (8:30)

Die klassische, traditionelle Therapie der Hämophilie ist die Substitutionstherapie, die Faktorersatztherapie. Dabei wird der fehlende Gerinnungsfaktoren zugefügt. Traditionell ist es so, dass wir zwei Gruppen von Faktorpräparaten haben, die Plasmapräparate, die heutzutage durch Sicherheitsschritte abgesichert und effektiv sind und die rekombinanten Präparaten, gentechnisch hergestellte Faktor VIII oder IX Präparate.

 

Traditionell ist es so, dass das Behandlungsregime, der Goldstandard, die Prophylaxe ist. Diese wird mit den Faktorpräparaten bei Hämophilie A jeden dritten Tag, bei Hämophilie B zweimal die Woche gegeben. In vielen Studien wurde gezeigt, dass die Prophylaxe effektiv ist und Blutungen verhindert. Je früher sie begonnen wird, desto besser.

 

Traditionell ist es so, dass es eine Gruppe von Patienten gibt, die keine Prophylaxe, keine regelmäßige Substitution erhalten, sondern eine Bedarfstherapie, wenn Blutungen auftreten oder ein erhöhtes Blutungsrisiko zu erwarten ist. Das ist nach aktuellen Richtlinien nicht mehr zeitgemäß.

 

Hier ist ein Überblick über die vielen verfügbaren Standardpräparate bei der Hämophilie A. Das sind die Faktor VIII Präparate mit einer Standardhalbwertszeit. Die Liste ist nicht komplett, es gibt noch viele weitere Präparate, das ist wichtig, damit wir eine gute Versorgungssicherheit haben.

Klassische Therapie: Heimtherapie (10:30)

Die klassische Therapie der Hämophilie ist die Heimtherapie. Die Betroffenen lernen früh sich die Faktorsubstitutionstherapie selbst intravenös zu applizieren. Es gib regelmäßig Sommercamps für Kinder mit Hämophilie, in denen ihnen dies erstmals beigebracht wird. Man lernt das Stechen, das Auflösen der Präparate und die Applikation. Das gibt den Betroffenen eine große Sicherheit.

 

Wie Sie an den Bildern hier sehen, können viele Hämophilie Patienten mit der Faktorsubstitutionstherapie ein normales Leben führen. Wenn sie suffizient geschützt sind, können sie fast allen Aktivitäten nachgehen.

Prophylaxe bei Patienten mit schwerer Hämophilie (11:35)

Die Prophylaxe bei schwerer Hämophilie hat zum Ziel, Blutungen zu verhindern, vor allem Gelenkblutungen, um die Gesundheit der Gelenke und die körperliche Funktionalität zu erhalten. Die meisten Blutungen bei Hämophilie treten in den Gelenken auf. Stark belastet sind beispielsweise das Sprunggelenk, das Kniegelenk und das Ellenbogengelenk.

 

Bereits eine kleine Blutungen dieser Gelenke lösen einen Prozess der Entzündung und Inflammation aus. Diese führt zu einem Gelenk- und Knorpelschaden, welcher von Schmerzen begleitet ist. Der Umbau der Gelenke beeinflusst die Funktionalität dieser und auch die Lebensqualität.

Studie: Häufigkeit von Gelenkblutungen – Faktor VIII Aktivität (12:30)

Das Blutungsrisiko und die Blutungshäufigkeit hängt stark mit der Faktorenaktivität zusammen. Man sieht, dass Blutungskomplikationen sehr hoch sind, wenn eine schwere Hämophilie und <1% Faktoraktivität VIII vorliegt. Die Rate von Blutungen nimmt ab, wenn die Faktorenaktivität zunimmt.

 

Wir sehen hier, dass es auch bei milder und moderater Hämophilie spontan noch Blutungen auftreten können. Die Prophylaxe ist mittlerweile auch für diese Personen optimiert und darf für diese Gruppe nicht vergessen werden. Wenn diese früh begonnen wird, werden Betroffene kaum Gelenkschäden erleiden.

Prophylaxe in der Hämophilie (13:50)

Beim Konzept der Prophylaxe mit der Faktorsubstitution ist traditionell das Ziel, mit der regelmäßigen Prophylaxe einen Schwellenwert von >1% aufrechtzuerhalten. So werden Patienten mit einer schweren Hämophilen durch die Substitution zu nicht mehr schweren Patienten gemacht.

 

Nach den neuen Richtlinien ist es heutzutage so, dass der Schwellenwert höher angesetzt wird, da trotz der traditionellen Herangehensweise mit der Prophylaxe, bei einem Schwellenwert von über >1%, trotzdem Blutungen aufgetreten sind. Daher peilt man in der Prophylaxe einen Talspiegel mit 3% bis 5% an, beispielsweise mit einem Faktorenpräparat, das jeden dritten Tag verabreicht wird, mit einem Standard oder verlängerten Standardhalbwertszeit Produkt.

Faktorenverlaufsmessung im Plasma (14:45)

Hier sehen Sie, dass die Faktorenaktivität nach der Zugabe steigt, da es intravenös verabreicht wird. Die Halbwertszeit von Faktor VIII ist relativ kurz, deswegen ist eine regelmäßige Substitution erforderlich. So ergeben sich die Spitzen- und Talspiegel.

Rezente Entwicklungen im Bereich der Hämophilie (15:15)

Gerade in den letzten Jahren gab es eine Reihe von Entwicklungen, die diese Erkrankung so spannend machen. Die Entwicklung hat begonnen mit den neuen Faktorenpräparaten, mit verlängerter Halbwertszeit und einer ersten nicht-Faktorentherapie, in Form eines bispezifischen Antikörpers, der die Funktion von Faktor VIII übernimmt.

 

Mittlerweile gibt es auch andere Ansätze, die in Studien getestet werden, die als nicht-Faktortherapien bezeichnet werden. Es wird nämlich nicht der Faktor VIII substituiert, sondern es versucht, den Gerinnungsdefekt der Hämophilie, durch andere Ansätze auszugleichen. An der Spitze steht die Entwicklung der Gentherapie.

Neue Faktorenpräparate (20:20)

Es gibt unterschiedliche Technologien zur Herstellung von Präparaten mit einer verlängerter Halbwertszeit. Beispielsweise eine PEGylierung, eine Fc-Fusion mit einem anderen Protein, dem Fc-Teil eines Antikörpers und mit Albumin, um die Halbwertszeit zu erhöhen oder den rekombinanten Faktor VIII zu modifizieren, sodass dieses Molekül stabiler ist. Das nennt man „single chain“ rekombinanter Faktor VIII.

Halbwertszeit-verlängerte Präparate (16:50)

Was hat man mit den Halbwertszeit verlängerten Produkten bei der Hämophilie erreicht? Bei Hämophilie B hat man eine beachtliche Halbwertszeit Verlängerung des Faktor IX erreicht, um das drei bis fünffach gegenüber dem Standardfaktor IX. Bei Hämophilie A ist die Halbwertszeit Verlängerung bescheiden, mit einer Verlängerung um das 1,5 bis 1,8 fache.

 

In den Studien wurde gezeigt, dass nach Zulassung dieser Präparate die Zahl der Injektionen und Infusionen in der klinischen Praxis eingespart werden konnte. In der Hämophilie B Therapie ist es mit einem verlängerten Halbwertszeit Produkt so, dass die Prophylaxe einmal die Woche oder nur alle zwei Wochen durchführt werden muss. Bei der Hämophilie A muss die Faktor VIII Substitution mit dem verlängerten Halbwertszeit Produkt alle drei bis fünf Tage, manchmal alle sieben Tage gegeben werden.

 

Die neuen Präparaten bieten einen besseren Schutz vor Blutungen, weil auch höhere Talspiegel erreicht und länger über einem Zieltalspiegel verweilt werden kann. Auch eine Reduktion von Gelenkschäden Schmerzen wurden dokumentiert.

Bispezifische Antikörper: Emicizumab (18:15)

Die erste nicht-Faktortherapie, die bereits zugelassen ist und auch eingesetzt wird, ist das Emicizumab. Es handelt sich um einen Antikörper, der die Funktion von Faktor VIII nachahmt, indem er die nötigen Gerinnungsfaktoren, Faktor IX und X zusammenbringt, damit genug Gerinnung stattfinden kann, um vor Blutungen zu schützen.

 

Der Unterschied dieses Faktors zu den Faktorpräparaten ist, dass er subkutan, unter die Haut verabreicht wird. Die Halbwertszeit ist mit vier Wochen relativ lang, sodass man nach einer Aufsättigungsphase sich entweder wöchentlich eine Spritze unter die Haut spritzt oder alle zwei bis vier Wochen. Da gibt es unterschiedliche Prophylaxe Regime.

Emicizumab – Phase III Studien (19:30)

Das Emicizumab ist in verschiedenen Studien untersucht worden, zum einen in Studien, wo Personen einen Antikörper gegen Faktor VIII entwickelt haben. Das ist eine Komplikation der Faktortherapie, wenn der Körper den Faktor nicht kennt. Wenn man diesen extern zuführt, können bis zu 30% der Patienten einen Antikörper dagegen entwickeln, sodass die Therapie ineffektiv wird. Bei diesen Patienten wurde Emicizumab untersucht und hat eine beeindruckende Effektivität gezeigt. Es kam auch zu einem Schutz vor Blutungen, den man zuvor so nicht erreichen konnte.

 

Zum anderen wurde es auch als Prophylaxe bei Erwachsenen und Jugendlichen untersucht. Statt der Faktorenersatztherapie wurde hier die Gabe von Emicizumab zur Prophylaxe gegeben. Es steckt viel Gedankenarbeit in der Entwicklung solcher Studien, die eine neue Therapie mit einer vorangegangenen Faktor VIII Substitution oder Prophylaxe Therapie vergleichen und unterschiedliche Prophylaxe Regimen mit unterschiedlichen Dosierungen testen.

 

Sie sehen in diesen Abbildungen, dass im Vergleich zu keiner Prophylaxe, wenn wir eine Prophylaxe mit Emicizumab machen, die Risiko für Blutungen um 97% sinkt. Das ist hocheffektiv im Vergleich zu keiner Prophylaxe. Auch im Vergleich zu einer vorangegangenen Faktor VIII Prophylaxe, sehen wir eine Risikoreduktion der Blutungen von 68%.

 

Bei dieser Therapie sind kaum schwerwiegende bis keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten. Die einzige Sorge, die man in Kombination mit anderen Gerinnungstherapie hatte, war ein erhöhtes Thromboserisiko und seltene Komplikationen, wie eine thrombotische Mikroangiopathie. Sie sehen hier, dass nach Aufsättigung des Emicizumab keine Spitzen oder Talspiegel vorhanden sind, die Konzentration bleibt konstant, wenn es alle zwei bis vier Wochen verabreicht wird.

Balance der Homöostase (22:40)

Der andere Ansatz, der nicht-Faktorentherapie ist, hat die Inhibitoren, gewisse Faktoren der Gerinnung, die hemmend sind zum Ziel, wie Antithrombin III oder Protein S und C.

 

Wir wissen, dass bei der Hämophilie A der Faktor VIII Mangel besteht. Wenn ein weiterer der Inhibitoren fehlt gibt es ein anderes Problem, nämlich dass die Gerinnung zu stark stattfindet und ein erhöhtes Thromboserisiko, wie beim Antithrombin Mangel entsteht.

Ausgleich der Dysbalance bei Hämophilie (23:15)

Die Idee ist, dass man bei der Hämophilie den Gerinnungsdefekt an Faktor VIII ausgleicht, indem man einen dieser gerinnungshemmenden Proteine hemmt oder deren Expression reduziert. Es gibt unterschiedliche Ansätze, wie Concizumab.

Gentherapie (23:40)

Der letzte Schrei in der Entwicklung der Hämophilie Therapie ist die Gentherapie. Diese war immer eine Zukunftsvision mit dem Ziel die Gerinnungsstörung zu heilen. Es gibt Verfahren, die mittlerweile bei Hämophilie A und B weit fortgeschritten sind und vor der klinischen Zulassung stehen.

 

Das Prinzip der Gentherapie ist folgendes, die genetische Information, die dem Patient mit einer schweren Hämophilie A oder B zur Produktion von Faktor VIII oder IX fehlt, durch einen Mechanismus in den Körper hinein bringt. Diese kommen in die Leberzellen, indem die genetische Information in eine Virushülle verpackt wird. Diese bewegt sich zu den Leberzellen und gibt die genetische Information dort ab. Wenn der Prozess erfolgreich ist, beginnen die Leberzellen beispielsweise Faktor VIII zu produzieren.

Ergebnisse der Gentherapie (25:05)

Hier gibt es eine Reihe von Studien, die in den letzten Jahren in der wichtigsten wissenschaftlichen Fachzeitschrift der Medizin publiziert wurden, im New England Journal of Medicine. Die Gentherapie in der Regel eine einzige Infusion, die am Tag Null verabreicht wird. Es handelt sich um eine Studie, bei der Hämophilie A mit Faktor VIII Aktivität. Man sieht, wie die Faktor VIII Attraktivität ansteigt. Man kommt in Bereiche, wo eine normale Faktor VIII Aktivität vorliegt. Fast bei allen Studienteilnehmern hat das zu einer Erhöhung der Faktor VIII Aktivität geführt.

 

Die Frage, die derzeit noch zu klären ist, ob dieser Effekt der Gentherapie dauerhaft anhält und falls nicht, wie lange er anhält. Bei der Hämophilie B haben wir ähnliche Ergebnisse, man sieht, dass diese Erhöhung der Faktoraktivität VIII bei der schweren Hämophilie VIII dazu führt dass man keine Faktor VIII Substitution mehr braucht. Die Rate von Blutungen fällt auf 0% ab.

Virtueller Kongress: EAHAD 2022 (26:45)

Bei der Hämophilie B gibt es eine Studie, die erst kürzlich auf dem Europäischen Hämophilie Kongress präsentiert. Diese HOPE-B Studien ist die größte Gentherapie Studie bei der Hämophilie B. Es wurden die 18-Monats Daten, die finalen Resultate gezeigt. Es wurde mit einem modifizierten Faktor IX gearbeitet, der eine stärkere Gerinnungsaktivität hat.

 

Man sieht, dass die Faktor IX Aktivität nach sechs Monaten bei 39% und nach achtzehn Monaten bei 37% lag. Die Blutungsrate hat von vier Blutungen pro Jahr auf unter eine Blutung abgenommen. 98% der Teilnehmer dieser Studie mit Hämophilie B, die zuvor auf Prophylaxe waren, haben danach keine Prophylaxe mehr gebraucht.

BIVV001 (28:00)

Bei den neuen Entwicklungen bewegt man sich eher weg von der Faktorensubstitution. Allerdings ist die Faktor VIII Substitution immernoch der Haupttherapieansatz in der Hämophilie. Daher arbeitet man weiter an der Entwicklung neuer Faktor VIII Präparate mit einer längeren Halbwertszeit. Daher gibt es ein Produkt, das BIVV001, das entwickelt wurde und gerade klinisch getestet wird. Die Halbwertszeit wurde nochmal mit neuen Modifikationen des Faktors verlängert, es wurden andere Proteine an den rekombinanten Faktor VIII angehängt, um die Halbwertszeit noch weiter zu verlängern.

Studie: Ergebnisse (28:55)

Man sieht hier nach Gabe des neuen, verlängerten Faktor VIII Halbwertszeit Produkts in diesen Phase I und II Studien, dass nach 5 Tagen noch immer 12% Faktoraktivität vorhanden sind. Nach sieben Tagen sind noch 5% erhalten, wenn diese Einheit von 25 Einheiten pro Kilogramm Körpergewicht verabreicht wird.

 

Sie sehen nach fünf Tagen, bei einem Standard rekombinanten Faktor VIII, dass die Faktoraktivität längst unter 1% Prozent liegt. Wenn man eine höhere Dosis gibt, landet man auch bei höheren Spiegeln.

Studie: Wiederholte Dosierung (29:35)

Wenn man wiederholt diesen Faktor verabreicht, schafft man es nach einer Woche immer wieder auf 10% oder 20% nach 5 Tagen zu sein. Es ist daher eine Möglichkeit, einmal die Woche eine Faktorsubstitution zu machen, wenn das Präparat hier zugelassen wird.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung (30:00)

Zusammenfassend kann man sagen, dass die klassische Therapie der Hämophilie eine Substitutionstherapie mit Faktorkonzentrat ist. Sie ist sicher und effektiv. Das Ziel der Hämophilie ist, dass keine Blutungen mehr auftreten, definiert als „ZERO BLEEDS“ in der wissenschaftlichen Community. Das scheint noch nicht für alle Patienten erreicht zu sein, obwohl wir in unseren Breitengraden keine Einschränkung bezüglich der Therapiemöglichkeiten haben.

 

In den vergangenen Jahren hat es große Fortschritte in der Entwicklung neuer, innovativer Therapien gegeben. Es gibt neue Faktorpräparaten mit verlängerter Halbwertszeit, einen bispezifische Antikörper, der die Faktor VIII Funktion imitiert und Emicizumab, das mittlerweile in der klinischen Anwendung erhältlich ist. Es gibt eine Reihe neuer Hämophilie Therapien, die derzeit noch in der Entwicklung sind und in Zukunft zur Verfügung stehen werden, dazu zählt auch die Gentherapie.

 

Das macht die Sache natürlich spannend, aber gleichzeitig muss man überlegt werden, wie diese Therapien sorgfältig individualisiert eingesetzt werden können. Wenn die Hämophilie Therapie sehr gut wird, kann es leider auch zu schwerwiegenden Nebenwirkungen und Komplikationen kommen, wie erhöhte Thromboserisiken.

Verabschiedung (31:35)

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und möchte zum Abschluss darauf hinweisen, dass es wichtig ist, dass Personen mit solchen seltenen Gerinnungsstörungen, an einem Zentrum behandelt werden.

 

Es gibt bei uns am AKH Wien das „Comprehensive Hämophilia Care“ Zentrum, wo wir die vollständige, notwendige Infrastruktur, die Spezialisten und das Labor haben, um eine umfassende Behandlung und Betreuung der Patienten gewährleisten zu können.

Teilnehmerfragen

1.    Wie wahrscheinlich ist es, dass die Erkrankung in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren komplett geheilt werden kann? (32:10)

Ich habe bereits einen Überblick über die Entwicklungen der Therapiemöglichkeiten gegeben. Ein Ansatz zur Heilung ist die Gentherapie, es hängt jedoch davon ab, wie breit wir diese einsetzen können. Wir wissen noch nicht, ob die Gentherapie auch langfristig ihren Effekt entfaltet. Für einige wird es vermutlich in zehn bis zwanzig Jahren eine Heilung geben, für andere vielleicht nicht, wenn die Gentherapie nicht den gewünschten Effekt bringt.

2.    Bei mir wird regelmäßig der Quick-Wert bestimmt. Was sagt dieser Wert aus und kann man damit die Therapie monitorieren? (33:20)

Der Quick-Wert, die sogenannte Thromboplastinzeit oder Prothrombinzeit ist ein globaler Gerinnungstest neben der aPTT, der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit. Er hat in der Hämophilie und im Monitoring dieser eigentlich keine Bedeutung.

 

Ein globaler Test, der in der Hämophilie eine Bedeutung hat ist die aPTT, diese ist normalerweise pathologisch verlängert. Es ist ein Test, der in der entwickelt wurde, um die Hämophilie zu diagnostizieren. Eine verlängerte aPTT weist auf einen Mangel von Faktor 8 oder 9 hin.

3.    Kann man die Therapie durch Ernährung unterstützen und gibt es Forschungen dazu? (34:25)

Die Hämophilie ist eine genetische Erkrankung. Daher kann man die Therapie nicht durch Ernährung beeinflussen und es gibt auch keine Forschung dazu.

4.    Kommt es bei der Hämophilie A zu einer Entwicklung von Hemmkörpern? Was ist eine Hemmkörperhämophilie als Nebenwirkung der Behandlung? (34:55)

Es ist so, dass wir bei der Substitution von Faktoren Präparaten und der aktuellen Faktorsubstitutionstherapie Komplikationen auftreten können. Wenn eine Faktorentherapie begonnen wird, insbesondere im Kleinkindalter, gibt es das Risiko der Entstehung von Hemmkörpern oder Inhibitoren. Das sind Antikörper, die der Körper gegen den Faktor 8 bildet. Das kann bei bis zu 30% der Personen mit einer Hämophilie, die mit einer Prophylaxe beginnen, auftreten.

 

Bei der Hämophilie A und der Substitution mit Faktor 8 Präparaten ist die Rate von der Entwicklung solcher Hemmkörper höher als bei Hämophilie B. Ein Hemmkörper neutralisiert den Effekt der Faktorensubstitution und es entsteht kein Schutz vor Blutungen.

5.    Gibt es erfolgversprechende Studien zur Gentherapie? (36:30)

Dieser Enthusiasmus ist aktuell, auf Basis der Studienergebnisse berechtigt. Es gibt eine Gentherapie bei Hämophilie A und B, die so fortgeschritten sind, dass sie zur Zulassung beantragt wurden. Wir erwarten in den nächsten ein bis zwei Jahren eine endgültige Antwort, ob solche Therapien in der klinischen Praxis zum Einsatz kommen können.

 

Aktuell gibt es eine Reihe von Gentherapie Studien, eine läuft auch an unserem Zentrum. Dort haben wir die Möglichkeit innerhalb der Studien eine Gentherapie anzubieten und Betroffene mit dieser zu behandeln.

 

Es ist so, dass diese Studien international sehr kompetitiv sind. Wir sind froh, dass wir dabei sind, können aber nur eine beschränkte Anzahl von Patienten mit einer schweren Hämophilie behandeln. Wenn Sie Interesse hätten, an so einer Gentherapie Studie teilzunehmen und eine schwere Hämophilie B haben, können Sie mich gerne kontaktieren.

Verabschiedung (38:00)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Damit sind wir am Ende dieses virtuellen Beitrages zum Patiententag für seltene Erkrankungen 2022. Ich hoffe, Sie haben einen Überblick über die aktuelle Hämophilie Therapie bekommen und gesehen, welche spannenden Entwicklungen in diesem Bereich derzeit laufen und bevorstehen. Falls Sie weitere Fragen haben, können Sie sich gerne persönlich an mich wenden.

Hämophilie - Aktuelle Therapieoptionen und Ausblick

27.02.2021 | 14.00 – 14.30 Uhr

Die Hämophilie ist den meisten Menschen als „Bluterkrankheit“ bekannt. Es handelt sich dabei um eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist. In seinem Vortrag gibt Prof. Dr. Ay einen Überblick über die Grundlagen und Prinzipien der Behandlung dieser Erkrankung. Außerdem geht er im Detail auf aktuellen Entwicklungen rund um Gentherapien, non-Faktor-Therapien und Faktoren mit verlängerter Halbwertszeit ein und beantwortet die zuvor aus dem Publikum eingereichten Fragen.

Vortragender

Univ.-Prof. PD Dr.
Cihan Ay
Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie

Univ.-Prof. Priv.-Doz. Ay ist Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie an der Universitätsklinik für Innerer Medizin I und ist Leiter der Hämophilie-Ambulanz.

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