10. Multiple Sklerose – Geist fit halten – alle Fragen

Neben den körperlichen Beschwerden kann sich die Multiple Sklerose (MS) auch auf Konzentration, Aufmerksamkeit, Orientierung und Gedächtnis auswirken. Allerdings haben Sie viele Möglichkeiten, um diese Fähigkeiten zu stärken. Hier finden Sie die wichtigsten Fragen und Antworten aus dem Kurs “Multiple Sklerose – Geist fit halten” übersichtlich zusammengefasst.

Kognitive Beeinträchtigungen bei MS verstehen

Was versteht man unter möglichen kognitiven Beeinträchtigungen bei MS?

Mögliche kognitive Beeinträchtigungen bei Multipler Sklerose betreffen vorwiegend die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, teils das episodische Gedächtnis, das heißt das Abrufen von gespeicherten Gedächtnisinhalten und oftmals auch die Bewältigung von komplexen Aufgaben, Stichwort Multitasking.

Warum kann es bei Multipler Sklerose zu kognitiven Beeinträchtigungen kommen?

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die das gesamte zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark betrifft. Mit dem Fortschreiten der Gewebeschädigung können auch Verbindungen zwischen Nervenzellen beeinträchtigt werden.

Diese Art von Netzwerkstörung führt dazu, dass komplexere kognitive Fähigkeiten etwas langsamer ablaufen, als man es bei einem gesunden Menschen gewohnt ist. Das muss man dementsprechend behandeln und mit effizienten Therapien können wir verhindern, dass es zu dieser Gewebeschädigung kommt.

Wie kann sich die Multiple Sklerose auf das Gedächtnis, die Kommunikation und Konzentration auswirken?

Die Auswirkungen der Multiplen Sklerose auf Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit oder Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit gestalten sich derart, dass es schwierig sein kann, parallelen Gesprächen zu folgen. Es kann auch beschwerlich werden, verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen, wie beispielsweise zu telefonieren und gleichzeitig etwas für den Haushalt vorzubereiten. Oft ist es für Patienten auch schwer, sich in neuen Umgebungen zurechtzufinden, Stichwort visuospatiale Raumverarbeitungskapazität (räumliche Vorstellungskraft).

Welche anderen Ursachen sollten ausgeschlossen werden?

Andere Ursachen für kognitive Störungen können Veränderungen der Stimmungslage sein, affektive Störungen oder depressive Zustandsbilder, die man jedoch gut behandeln kann. Sie führen dazu, dass unser Arbeitsgedächtnis nur beeinträchtigt funktioniert. Sie können sich das so vorstellen, wie wenn Sie an Ihrem Computer gleichzeitig viele Anwendungen offen hätten. Die Computerleistung ist per se zwar nicht verändert, aber gemindert durch viele Prozesse, die gleichzeitig laufen.

Ein anderer Punkt sind Schlafstörungen, denn die Störung der circadianen Rhythmik (Schlaf-Wach-Rhythmus) und Schlafmangel gehen immer mit einer Veränderung der Kognition einher. Es gibt natürlich auch somatische Zustandsbilder, wie Schilddrüsenfunktionsstörungen oder kardiale Probleme, die ebenfalls dazu führen können, dass Ihr Gehirn zu wenig Substrat, zu wenig Sauerstoff bekommt. Anhand von kognitiven Tests können diese von Teilleistungsstörungen in den einzelnen Bereichen abgegrenzt werden. Es ist die Aufgabe einer entsprechenden psychologischen Testung, diese Dinge voneinander abzugrenzen.

Eine häufige Problematik bei Multipler Sklerose ist die sogenannte Fatigue, eine exzessive Tagesmüdigkeit, die sich jedoch oftmals durch das Einhalten von Pausen sehr gut bewältigen lässt und davon abzugrenzen sind fixierte kognitive Teilleistungsstörungen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Kognitive Beeinträchtigungen bei MS verstehen”

Kognitive Beeinträchtigungen bei MS ansprechen

Warum sollte ich meine Ärztin/meinen Arzt auf kognitive Störungen bei MS ansprechen?

Das Ansprechen von kognitiven Störungen oder subjektiven Problemen gegenüber der Ärztin und dem Arzt ist wichtig, weil diese häufig nicht daran denken. Oftmals umgeht man diese Thematik aus Schutz für beide Seiten, man will den Arzt nicht damit konfrontieren und man möchte sich selbst vielleicht auch nicht eingestehen, dass es in diesen Bereichen Probleme gibt.

Gerade das ist aber wichtig, denn oft haben subjektive Beeinträchtigungen der Kognition andere Gründe, die man gut behandeln kann. Es hilft auch zu wissen, in welchen Bereichen Defizite bestehen, um damit besser umzugehen.

Ich würde Sie dringend bitten, diese Thematik gegenüber Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin anzusprechen, auch wenn es in der Behandlung der Multiplen Sklerose noch viele andere Felder gibt. Gerade kognitive Beeinträchtigungen sind für die Lebensqualität der Betroffenen enorm bedeutsam.

Wie kann ich meiner Ärztin/meinem Arzt verständlich machen, was meine kognitiven Störungen sind?

Sie können diese Probleme ganz einfach in Ihren eigenen Worten darstellen. Viele Betroffene sagen, dass sie Probleme haben, sich zu konzentrieren und dass sie oft das Gefühl haben, sich in einer Art Nebel zu befinden. Der Arzt oder die Ärztin wird Ihre Beschwerden durch Fragen präzisieren und etwas näher abgrenzen können, womit sie es zu tun haben.

Schlussendlich ist die Konsequenz eine umfassende kognitive Testung bei einer Psychologin oder einem Psychologen. Dabei ist wichtig, dass Sie wissen, dass es keine Testsituation ist, vor der Sie sich fürchten müssen. Sie sollten Ihr Gegenüber immer als Partner sehen. Dieser hilft Ihnen, die Probleme besser zu verstehen und auch Ihre Umgebung darauf aufmerksam zu machen, dass es teilweise Herausforderungen gibt, die man gemeinsam gut bewältigen kann.

Was mache ich, wenn ich mich von meiner Ärztin/meinem Arzt nicht verstanden fühle?

Wenn Sie sich von Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt nicht verstanden fühlen, dann gibt es ein großes Problem für beide Seiten, weil der moderne Umgang mit MS-Betroffenen ein partnerschaftliches, partizipatives Verhältnis voraussetzt. Eine Patientin hat es mir gegenüber so formuliert: „Sie möchte gemeinsam mit mir als Team gegen MS kämpfen und auftreten“. Wenn es hier Probleme gibt, dann bitte ich Sie darum, diese anzusprechen.

Wenn das Ganze dann nicht behoben werden kann, handelt es sich oftmals um ein zwischenmenschliches Problem. Ich würde dann raten, die Ärztin oder den Arzt zu wechseln. Sie sollten sich mit Ihren Problemen und Nöten immer gut aufgehoben fühlen und das Gefühl haben, dass Sie alles ansprechen können, was Ihnen auf dem Herzen liegt.

Wie können kognitive Beeinträchtigungen bei MS diagnostiziert werden?

Die Art und Weise kognitive Beeinträchtigungen zu diagnostizieren, setzt immer umfangreiche Testverfahren voraus. Vorweg und auch aus Eigenkritik muss ich anmerken, dass der Arzt oder die Ärztin, die Ihnen gegenüber sitzt, nur schlecht einschätzen kann, ob Sie in diesen Bereichen tatsächlich Probleme haben.

Es gibt entsprechende validierte Kurztests und Screening Tests, zum Beispiel den “Symbol Digit Modalities Test”, bei dem man Symbole Zahlen zuordnet und eine gewisse Anzahl in einer gewissen Zeit erreichen soll. Durch diese Screening Tests kann die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein derartiges Problem aufweisen, aufgezeigt werden. Das sollte gefolgt sein von einer umfangreicheren kognitiven Testung bei einer Neuropsychologin oder einem Neuropsychologen.

Wichtig ist, dass Sie davor keine Angst haben müssen. Es sollte in einer Testatmosphäre ablaufen, die das Maximum aus Ihnen herausholt. Hier geht es nicht darum Sie wie beim Schultest abzuprüfen, sondern vielmehr aufzuzeigen, wo Ihre besonderen Stärken und vielleicht auch geringe Defizite liegen.

Bei der Multiplen Sklerose ist es erfreulicherweise so, dass wir es nur mit Teilleistungsstörungen zu tun haben und nicht mit Demenz. Wir Menschen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Personen, die beispielsweise im Rechnen und der räumlichen Vorstellung stark sind und andere, die wiederum in Sprache und dem sprachlichen Ausdruck stärker sind. Innerhalb dieser Normalverteilung sollten sich auch Ihre Testwerte befinden.

Hier geht es zum Video-Interview: „Kognitive Beeinträchtigungen bei MS ansprechen”

Kognitive Beeinträchtigungen bei MS behandeln

Wie können kognitive Beeinträchtigungen bei Multiple Sklerose behandelt werden?

Die Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen bestehen darin, den Erkrankungsprozess bei MS bestmöglich zu kontrollieren. Mit den sogenannten erkrankungsmodifizierenden Therapien können wir verhindern, dass Gewebeschädigungen, bedingt durch Entzündungsherde, über die Zeit akkumulieren. Außerdem beeinflussen sie den von Natur vorgegebenen Hirnsubstanzverlust, der bei MS beschleunigt abläuft, außer wir therapieren effizient.

Die Konzentrationsstörungen oder Gedächtnisstörungen können natürlich nicht spezifisch mit Medikamenten therapiert werden. Da wäre auch bei Gesunden gefordert, dass es sozusagen kognitive Enhancer, also Stoffe, die die geistige Leistungsfähigkeit steigern, gibt. Sie können das Gehirn aber wie einen Muskel spezifisch trainieren. Unter der Anleitung von versierten Psychologen oder Psychologinnen und in Kenntnis Ihres individuellen Leistungsprofils können Sie so spezifische Bereiche trainieren, beispielsweise die Aufmerksamkeit oder Konzentration und damit Ihre Testwerte verbessern.

Eine andere Strategie besteht darin, dass Sie Kompensationsstrategien entwickeln, beispielsweise wenn Sie Probleme haben, sich viele Gegenstände zu merken. Sie können sich diese aufschreiben, entsprechende Listen generieren oder Ihren Tagesablauf entsprechend gliedern, um Pausen einzuhalten.

Welche Rolle spielt psychologische Betreuung bei kognitiven Beeinträchtigungen durch MS?

Psychologische Betreuung spielt nicht nur bei kognitiven Beeinträchtigungen bei MS eine maßgebende Rolle, sondern insgesamt im Management der Erkrankung. Man weiß mittlerweile aus der Persönlichkeitsliteratur, dass es Persönlichkeitsfaktoren gibt, die den Verlauf der MS positiv beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise eine hohe Extrovertiertheit und aus dem Englischen die “consciousness”, eine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue. Hohe Levels für Neurotizismus, also ein Hang zu ängstlicher oder schlechter Stimmung, haben einen negativen Einfluss.

In anderen Worten kann Ihnen die psychologische Betreuung helfen sogenannte Resilienzfaktoren, also Ihre Anpassungsfähigkeit, zu stärken, vor allem den Blick auf die Situation. Das könnte man mit dem Sprichwort “ Ist das Glas halb voll oder halb leer?” gut beschreiben. Sie könnten natürlich einerseits auf Ihre Testergebnisse blicken und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: “Gott im Himmel, ich hab hier schlechtere Werte, zum Beispiel für Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit”. Andererseits könnten Sie auch sagen: “In sechs von acht Domänen habe ich glücklicherweise kein Problem. Lass uns das, wo ich unter dem Durchschnitt bin verbessern, damit ich im Alltag gut zurechtkomme”.

Natürlich brauchen Sie Unterstützung, ein soziales Umfeld, Freunde, Familie, Weggefährten und den Kontakt mit anderen MS Betroffenen. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid und der Austausch darüber hilft oft ganz wesentlich, um mit Problemen oder Defiziten zurechtzukommen.

Wie kann Physiotherapie meine Hirnleistung bei Multipler Sklerose verbessern?

Die Physiotherapie kann nicht auf direktem Weg Ihre Leistung verbessern, aber generell gilt, was auch für Sport gilt. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen körperlichen Funktionen und Gehirnfunktionen, denn das Gehirn ist keine Insel, sondern will mit Sauerstoff und Blut versorgt werden.

Durch die Physiotherapie, dem Aufrechterhalt von Bewegung, wie sie in den Alltag zu integrieren ist, können oftmals Gehirnareale trainiert werden. Dazu gehören Koordination, Netzwerke und Sensomotorik (Zusammenspiel der Bewegungskontrolle und Sinneswahrnehmung).

Darüber fördern Sie direkt und indirekt Faktoren der sogenannten neuronalen Plastizität. Unser Gehirn hat schätzungsweise neunzig Milliarden Nervenzellen und diese stehen jeweils mit tausenden anderen Nervenzellen in Verbindungen. Es gibt Billionen Verbindungen und diese sind dynamisch, sie ändern sich über die Zeit und hängen auch von Übung ab.

Das bedeutet je besser Sie Ihr Gehirn trainieren, umso besser wird auch Ihre Gehirnleistung. Damit stehen diese beiden Faktoren in Zusammenhang. Jede Art von Gedächtnistraining wirkt umso besser, wenn Sie diese mit Sport, Bewegung oder moderatem Ausdauersport kombinieren. Das haben Studien an Menschen- und Tiermodellen gezeigt.

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Bewegung bei MS unterstützt das Gehirn

Ist es möglich durch Muskelaufbau bei MS die kognitive Leistungsfähigkeit zu unterstützen?

Es ist leider nicht möglich, durch direkten Muskelaufbau die kognitive Leistungsfähigkeit bei MS zu unterstützen. Sie können jedoch über einen verbesserten Trainingszustand und die Verbesserung Ihrer kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit, sprich Belastbarkeit und dem Aufbau von Muskelgewebe, den Stoffwechsel ankurbeln. Das wiederum hilft der Gedächtnisleistung und Ihrem Gehirn.

Ich würde Ihnen vor stupiden Übungen in der Kraftkammer abraten und Ihnen eher empfehlen, komplexe koordinative Tätigkeiten auszuführen. Dazu zählt Körpergewichtstraining, gemeinsame Aktivitäten in der Gruppe und Tanzformen, weil diese Ihre koordinativen Fähigkeiten und die Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns verbessern.

Welche Sportarten sind bei MS besonders geeignet?

Grundlegend ist jeder Sport besser als kein Sport, bei Multipler Sklerose gilt das genauso. Das Paradigma, das lange Zeit gepflegt wurde, dass man sich bei chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems schonen muss, ist völlig überholt.

Sie wissen genau, wo Ihre Leistungsgrenze liegt. Man sollte knapp darunter gehen, sich aber durchaus auch einmal körperlich ausbelasten, sodass man regelrecht ins Schwitzen kommt. Allerdings unter Wahrung der eigenen körperlichen Ressourcen, Sie können dabei auch nichts zerstören oder kaputt machen. Ihr Körper und Ihre Nervenleitbahnen werden Ihnen genau sagen, wenn es zu viel ist. Mit der Erhöhung der Körpertemperatur und der Überanstrengung nimmt die Nervenleitgeschwindigkeit ab und Ihre Symptome können sich verschlechtern, jedoch nur vorübergehend.

Moderater Ausdauersport ist eine gute Möglichkeit. Durchaus auch das Gehen mit Walking Sticks, wenn Sie diese brauchen, um Ihre Koordinationssicherheit zu erlangen. Ich empfehle auch das Tanzen, denn es fordert und fördert Ihr Gehirn. Darüber hinaus ist alles erlaubt, Ballspiele sind sehr gut, um die Koordination zu verbessern. Ein guter Mix aus Ausdauersport, Koordination und Gemeinschaftssport wäre in der Tat wie ein Medikament einzusetzen.

Ein zu hohes Körpergewicht im Sinne einer Fettleibigkeit beeinflusst den Verlauf der Multiplen Sklerose negativ, ebenso der Nikotinkonsum. Alles, was grundlegend gesund ist, verbunden mit einer mediterranen Ernährung und Sport ist gut für Sie, die Erkrankung und die Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns.

Was sollte ich beim Training oder Üben bei Multipler Sklerose beachten?

Bei Trainings und Üben sollten Sie zuerst darauf achten, dass Ihnen die Ausübung Freude bereitet. Das ist der wesentlichste Garant, um diese auch konsequent durchzuführen. Darüber hinaus sollten Sie aufpassen, dass Sie nicht einseitig Routinen einbauen. Sie sollten zum Beispiel nicht mit Ihrer stärkeren Seite forciert üben, sondern auch bewusst die beeinträchtigten Extremitäten in die Übungen mit einbeziehen. Trainieren Sie die Bereiche, in denen Sie Defizite haben. Gleichgewicht und Koordination sollten beispielsweise mit entsprechenden Koordinationstrainings verbessert werden. Wenn ich eine muskuläre Schwäche habe, dann sollten gezielt die Muskeln aufgebaut werden, um Bewegungsmuster wieder zu erlernen.

Bei dem Ganzen darf man nicht vergessen, dass es Spaß machen soll. Es macht auch Sinn Verfahren, wie Achtsamkeitstraining oder autogenes Training durchzuführen, denn damit können Sie das vegetative Nervensystem positiv beeinflussen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Bewegung bei MS unterstützt das Gehirn”

Den Geist im Alltag bei MS fit halten

Was kann ich im Alltag beachten, um besser mit meinen kognitiven Beeinträchtigungen zurechtzukommen?

Der Umgang mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Teilleistungsstörungen im Alltag gelingt Ihnen dann, wenn Sie selbst wissen, wo Sie wirklich Probleme haben. Der erste Schritt ist die Achtsamkeit darüber, was Sie nicht so gut können und die Entwicklung einer gewissen Toleranz demgegenüber.

Darüber hinaus sollten Sie Ihr Umfeld entsprechend informieren, um ein Verständnis zu generieren. Es hat keinen Sinn jemanden, der Probleme damit hat parallel viele Unterhaltungen zu verfolgen, zu ermahnen, dass er sich konzentrieren soll. Es macht mehr Sinn getrennt mit der Person zu sprechen. Es kann Ihnen selbst auch helfen Pausen einzulegen und Reizüberflutung zu vermeiden. Sie können Dinge, die Ihnen wichtig sind auch aufschreiben oder nachfragen, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass man sich vor anderen als dumm herausstellt.

Das ist etwas, was Multiple Sklerose Betroffene häufig angeben und es ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Viele Patienten fühlen sich bloßgestellt oder für dumm verkauft, wenn sie nachfragen oder um Verständnis bitten. Oftmals werden diese Dinge aus Scham gar nicht erst angesprochen. Wir müssen alle gemeinsam noch behutsamer und achtsamer werden und darauf eingehen und verstehen, womit wir es zu tun haben. Wenn wir diese Hürden gemeinsam überwinden, können Betroffene wieder gut am Leben teilnehmen und die Informationen bekommen, die sie gerne hätten.

Sollte ich mein Hirn eher schonen oder bewusst herausfordern und womit gelingt das am besten?

Das Gehirn zu schonen, kann durchaus Sinn machen, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Aufmerksamkeitsschwelle sinkt und Sie überfordert sind. Es ist dann durchaus einmal gut, sich zurückzuziehen. Ansonsten gilt beim Gehirn “Use it or lose it” und eine Forderung im Sinne einer Herausforderung ist für das Gehirn zweifelsohne gut. So kann es neue Problemlösungswege beschreiten und neue Verbindungen aufbauen.

Damit ist nicht gemeint, dass Sie sich in Parallelwelten, wie in das Internet begeben, sich einer augmentierten Realität oder zeitgleich drei Medien aussetzen sollen. Es ist gemeint, dass Sie sich nicht einfach zurückziehen. Das ist nämlich ein Fehler, den viele Multiple Sklerose Betroffene, vorwiegend auch mit kognitiven Leistungsstörungen begehen. Sie nehmen sich selbst aus dem sozialen Gefüge heraus, sie besuchen keine Partys oder gemeinsame Feierlichkeiten mehr, weil Sie Sorge haben, hier nicht bestehen zu können. Damit gehen jedoch wesentliche Funktionen verloren.

Mir ist bewusst, dass es viel an Selbstvertrauen abverlangt, aber es ist besser, sich diesen Herausforderungen zu stellen und auch das Umfeld ein Stück weit dazu zu bewegen, auf einen zuzugehen, als sich in ein Vermeidungsverhalten zu begeben.

Welche Faktoren sollte ich bei Multipler Sklerose vermeiden?

Es gibt Noxen (schädliche Stoffe) für das Gehirn, die allgemein bekannt sind. Wie bei vielem gilt, dass die Dosis das Gift macht. Sehr zurückhaltend sollte man mit Nikotin sein, weil es nicht nur die Gefäße schädigt, sondern auch oxidativen Stress verursacht, was wiederum den Erkrankungsverlauf der Multiplen Sklerose beschleunigen kann.

Vorsicht auch mit ungesunder Ernährung, im Sinne einer „Western Diet“, also Fast Food. Es beinhaltet oftmals Inhaltsstoffe, die zwar die Körpermasse zunehmen lassen, aber die Gehirnmasse schrumpfen lassen. Das ist paradox, aber adipöse Menschen, also fettleibige Personen haben trotz diesem Überangebot an Nahrung einen rascheren Hirnsubstanzverlust als Normalgewichtige.

Der dritte Aspekt, den man beachten sollte, sind Genussmittel wie Cannabis, die oftmals eingenommen werden, weil sie Spastiken lindern können. Cannabis hat einen nachgewiesenen negativen Effekt auf die Hirnfunktionen, es kann auch Psychosen auslösen.

Der vierte häufige Genussfaktor in unseren Breiten, vor allem in Österreich, ist der Alkohol. Es ist ein Zellgift, das in Maßen genossen werden kann und im sozialen Umfeld sicher auch Freude bereiten kann. Grundlegend sollte man es aber wirklich bei kleinen Dosen belassen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Den Geist im Alltag bei MS fit halten”

Umgang mit Gedächtnislücken bei MS

Welche Hilfsmittel können bei Gedächtnislücken helfen?

Hilfsmittel, die bei Gedächtnislücken helfen können, sind zum einen die Mnemotechniken. Dabei steckt man Sachverhalte oder Namen beispielsweise gedanklich in Häuser, in verschiedenen Zimmern. Man kann sie auch mit Reizwörtern, die man sich gut merken kann, verbinden, beispielsweise mit Farben oder Bäumen.

Sie sollten auch eine gewisse Akzeptanz aufbauen. Sollte Ihnen etwas nicht gleich einfallen, können Sie es durchaus ansprechen. Oftmals kommt es dann etwas später wieder zum Vorschein. Die dritte Möglichkeit ist, dass Sie sich Dinge aufschreiben oder Post-its irgendwo platzieren, um sich Informationen oder Abläufe zu merken.

Das kann man spezifischer mithilfe einer Psychologin trainieren. Wichtig ist dabei immer, dass man nicht nur die einzelne Fähigkeit trainiert, sondern auch der Transfer auf alltägliche Situationen gegeben ist. Es hilft, wenn Sie bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt gezielt ansprechen, in welchen Zusammenhängen Sie Probleme haben, damit man Ihnen maßgeschneidert helfen kann.

Wie kann ich meine Umgebung in meinen Tagesablauf anpassen, um mein Gedächtnis zu unterstützen?

Die Anpassung des Tagesablaufs ist etwas, was Sie sich gezielt vornehmen sollten, um Ihre Hirnfunktion zu unterstützen. Die Gliederung des Tagesablaufs und die Vorhersehbarkeit können helfen, auch kurze Pausen einzuhalten. Es gilt hier auch das Verständnis des Arbeitgebers zu erwirken, dabei kann Ihre behandelnde Neurologin oder Ihr Neurologe helfen.

Im Idealszenario läuft es so, wie es mir ein Multiple Sklerose Betroffener einmal geschildert hat. Er hat seinem Vorgesetzten erzählt, dass er Probleme dabei hat, sich am Stück länger als fünfzehn bis zwanzig Minuten zu konzentrieren. Nach Absprache dessen bekommt er nun kleine Arbeitspakete. Wenn er längere Tätigkeiten bewältigen muss, hat er die Möglichkeit, sich für fünf bis zehn Minuten zurückzuziehen, am besten in eine reizarme Umgebung, um beispielsweise einen Powernap zu machen. Damit kann er seinen Berufsalltag gut bewältigen.

Maßgeschneiderte Lösungen können helfen, um Sie in Ihrer Funktion zu erhalten. Es ist viel besser, das gezielt anzusprechen, als sich überfordert zu fühlen und dann den Unmut von Arbeitskollegen und Kolleginnen oder dem Vorgesetzten auf sich zu ziehen.

Wie kann ich mein Gedächtnis bei Multipler Sklerose trainieren?

Das Gedächtnistraining ist etwas, was uns viele Bestsellerautoren und Autorinnen vorgeben, die auch in Talkshows auftreten. Natürlich kann man das Gedächtnis gezielt trainieren. Die Frage ist aber viel mehr, ob Sie Ihr Gedächtnis gezielt trainieren müssen oder ob Sie gewisse Situationen einfach besser bewältigen wollen. Ich würde Letztgenanntes anstreben und mir überlegen, wo ich eigentlich Probleme habe.

Stellen wir uns vor man hätte beispielsweise das Problem, dass einem Namen nicht flüssig einfallen. Wenn man im Kundendienst arbeitet oder mit vielen Klienten zu tun hat, kann das eine Herausforderung sein. Man kann sich helfen, indem man sich entsprechende Kärtchen macht oder die Betroffenen fragt, ob man sie fotografieren darf. Man kann auch die Namen verbinden, beispielsweise mit anderen Gegenständen, die man sich leicht merken kann oder mit besonderen Charaktereigenschaften dieser Personen.

Was ich damit sagen will ist, dass man kann sich Strategien zurecht basteln kann, wie bei Mnemotechniken, die einem helfen, mit Einbußen des Gedächtnisses gut zurechtzukommen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Umgang mit Gedächtnislücken bei MS”

Umgang mit Aufmerksamkeitsproblemen bei MS

Was kann helfen, wenn ich leichter abgelenkt werde und mich schlechter konzentrieren kann?

Oftmals bemerken wir schmerzlich, wenn wir Probleme haben, die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Interessant ist, dass das menschliche Gehirn in aller Regel nur vier Einheiten parallel prozessieren kann. Deswegen gibt es beispielsweise im Alphabet, in unserer Schriftsprache keinen Buchstaben, der mehr als vier Elemente enthält. Sie werden auch gemerkt haben, dass oftmals Kartenkombinationen, wie auf Kreditkarten, immer in Viererblöcken gestaltet sind.

Es gibt Erkrankungen des Gehirns, bei denen man nur kleine Einheiten verarbeiten kann und es gibt andere, wie bei Autismus, bei denen man viel mehr dieser Informationen filtern kann. Wenn eine gestörte Aufmerksamkeit vorliegt, sollten wir diese nur auf eine Sache lenken und nicht parallel beispielsweise Anrufe, E-Mails oder Konversation betreiben.

Das hat auch etwas mit Achtsamkeit zu tun. Wenn Sie merken, dass Ihre Aufmerksamkeit schwindet, können Sie kurze Pausen einlegen, sich kurz aus dem Betrieb nehmen und danach wieder auf eine Sache konzentrieren. Hier geht es auch darum, etwas Toleranz mit sich selbst zu haben und nicht dem Mythos der Multitasking Fähigkeit aufzusitzen. Der Mensch ist viel, aber sicher nicht multitaskingfähig.

Wie kann ich meine Umgebung anpassen, um Aufmerksamkeit und Konzentration zu unterstützen?

Die Anpassung der Umgebung ist wichtig, damit Sie sich dort wohl fühlen und nicht zu viele Distraktoren, also Ablenkungsfaktoren haben, wie flackernde Lichtquellen, Geräuschquellen, Radios, die permanent laufen oder der Fernseher im Hintergrund. Das kann man oft selbst gut anpassen. Man kann auch verordnen, dass man nur zu bestimmten Zeiten E-Mails abfragt oder das Telefon annimmt.

Trotzdem ist es gut, sich irgendwann auch gezielt einem Umfeld auszusetzen, in dem viele Reize auf Sie einströmen. Sie können beispielsweise einen Konzertabend besuchen oder sich mit Freunden treffen. Wenn Sie dann Probleme haben, zeitgleich verschiedenen Konversationen zu folgen, versuchen Sie gezielt ins Gespräch zu zweit zu gehen und das auch durchaus anzusprechen.

Mit welchen Übungen kann ich meine Aufmerksamkeit und Konzentration trainieren?

Gezielte Übungen, um Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern, bestehen oftmals in Achtsamkeitsübungen oder in Zuständen, die Sie über Yoga erreichen können. Dabei konzentrieren Sie sich auf Ihre Körperfunktionen und letzten Endes darauf, dass Sie im Hier und Jetzt sind.

Das klingt jetzt sehr esoterisch, ist aber oft so, wie sich Spitzensportler auch vorbereiten. Denken Sie beispielsweise an einen Skispringer vor dem Absprung aus dem Turm. Sie fokussieren sich auf eine einzige Aufgabe, um diese so auszufüllen und auszuführen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Umgang mit Aufmerksamkeitsproblemen bei MS”

Herausforderungen bei MS meistern

Was kann helfen, wenn ich durch komplexes Planen überfordert bin?

Komplexes Planen ist mit einer sogenannten Exekutivfunktion des Gehirns beschrieben. Sie müssen daher die Schritte aufteilen und sagen: “Ich beginne mit Schritt eins, dann kommt Schritt zwei und dann Schritt drei” und so weiter, wie viele Schritte eben involviert sind.

Komplexe Tätigkeiten haben es in sich, dass vorangegangene Schritte erfolgreich absolviert werden, damit das Endresultat stimmt. Das ist eine komplexe Aufgabe des Gehirns und etwas, was dem Menschen in der Natur eigen ist und uns von vielen anderen Lebewesen unterscheidet.

Es kann Ihnen helfen, wenn Sie vorab eine Art Straßenkarte erstellen, eine sogenannte Mindmap, um sich die einzelnen Schritte, die zum Erfolg führen, zu visualisieren. Wenn Sie ein optischer Typ sind, können Sie die Schritte aufzeichnen, wenn Sie es verschriftlichen wollen, geht das natürlich auch mit Stichworten.

Sie können die Checkliste dann einfach durchgehen und wie wenn Sie ein schwieriges Rezept realisieren wollen, ist dies mit einem Rezept, Ihrer Checkliste entsprechend möglich. Das kann man bei fast allen Aufgaben machen und es ist etwas, was in der Management Theorie verwendet wird, um komplexe Prozesse zu steuern. Sie können sich sozusagen eigene Arbeitspakete schnüren und sich dann von einem Paket zum nächsten hangeln und entsprechende Pausen einlegen.

Welche Hilfsmittel und Übungen können helfen, wenn ich Schwierigkeiten mit der räumlichen Orientierung habe?

Die Schwierigkeiten in der räumlichen Orientierung haben oftmals damit zu tun, dass Menschen mit unterschiedlicher visuospatialer Leistungsfähigkeit, sprich räumlicher Vorstellungskraft, ausgestattet sind. Sie kennen das vielleicht aus Ihrem Umfeld. Es gibt zum einen Personen, die sich in einer neuen Stadt schnell orientieren, die große Leitlinien sehen, vielleicht Objekte, an denen Sie sich orientieren und eine sehr gute Orientierungsfähigkeit haben. Zum anderen gibt es Personen die, auch wenn Sie bereits mehrere Male am gleichen Ort waren, Probleme haben, sich ohne technische Hilfsmittel zu orientieren.

Sie können das bewerkstelligen, indem Sie sich einerseits an Landmarken orientieren beispielsweise an Kirchtürmen, markanten Gebäuden oder markanten Straßenzügen. Andererseits können Sie sich von Smart Devices mit der Kartenfunktion helfen und navigieren lassen. Aber Vorsicht, denn je häufiger man diese Hilfsmittel einsetzt, umso mehr verliert man die Fähigkeit sich auf eigene Faust zu orientieren.

Helfen kann es Ihnen auch, wenn Sie sich Räume und Gebäude wie eine Landkarte vorstellen und sich gewisse Ankerpunkte als Ausgangspunkt setzen, Zielpunkte definieren und die Wege dorthin formulieren.

Wie können mich Angehörige bei Aufmerksamkeitsproblemen und Vergesslichkeit unterstützen?

Die Unterstützung von Familie, Freunden und Bekannten ist ganz wesentlich. Der Mensch ist ein sogenanntes Zoonpolitikon, wir sind alle soziale Wesen und müssen uns in einem sozialen Kontext aufgehoben fühlen.

Konkret ist das mit Multipler Sklerose oft eine Herausforderung, weil Sie Einschränkungen, die die Erkrankung mit sich bringt, ansprechen müssen, um entsprechendes Verständnis zu bekommen. Das ist mit körperlichen Einschränkungen schon schwierig, mit kognitiven Problemen oder Einschränkungen ist es noch einmal schwieriger, weil man diese nicht auf den ersten Blick erkennen kann.

Deswegen liegt es an Ihnen, diese Probleme in einem vertrauensvollen Umfeld anzusprechen. Ich sage bewusst ein vertrauensvolles Umfeld, weil ich davon abrate es Gott und der Welt zu erzählen, weil MS leider immer noch mit vielen falschen Vorstellungen verbunden ist und man oftmals mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Wenn man das im Freundes- und Bekanntenkreis macht, erleben es viele Betroffene als enorm erleichternd, wenn Sie einmal Ihren Tagesablauf und die Probleme, mit denen Sie zu tun haben, schildern.

Oftmals bekommen Sie dann wirklich viel Unterstützung von Ihren Freunden und Bekannten, weil diese das erste Mal auf diese Probleme aufmerksam gemacht wurden. Das Umfeld einzubeziehen und es Teil Ihres Umgangs mit Multipler Sklerose werden zu lassen macht Sinn, weil sie so als Team gegen die Erkrankung und deren Auswirkungen auftreten.

Hier geht es zum Video-Interview: „Herausforderungen bei MS meistern”

Geprüft Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Christian Enzinger: Stand Jänner 2023 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.