Wenn die Seele malt

Die Diagnose Krebs führt häufig zu Gefühlen der Ohnmacht, Wut und Angst. Kunsttherapie kann Patienten helfen diesen Gefühlen Raum zu geben, um mit der Erkrankung besser umzugehen.

 

Weder Ohnmacht noch Wut noch Angst oder Verzweiflung verspürte Robert F. (Name von der Red. geändert), als er die Diagnose „Lymphdrüsenkrebs“ erhielt. „Das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben jemals widerfahren ist – nämlich nichts zu spüren“, erinnert sich der heute 47-jährige Lehrer, „ich dachte kurz, ich bin schon tot.“ Das „Nicht-Gefühl“ hielt an, während der Therapie und auch in Zeiten, in denen er sich eigentlich hätte gut fühlen sollen, da so gut wie keine Nebenwirkungen auftraten. „Leben wollte ich trotzdem nicht mehr“, gesteht er fast schuldbewusst.

Was ihm half? Eine onkologische Rehabilitation in einer deutschen Klinik, wo er zufällig in eine Kunsttherapie-Gruppe stolperte, weil er sich in der Tür geirrt hatte. „Ich sah all die Bilder, die vielen KrebspatientInnen, die trotz ihrer ausgemergelten Körper so zufrieden aussahen“, erinnert sich Robert F., der sofort wusste: „Das will ich machen!“ Bis heute nimmt er seine Pinsel und Kreiden regelmäßig zur Hand – wenn auch nicht mehr von einer Therapeutin begleitet – und „fühlt sich prima“. Robert F. ist kein Einzelfall – viele OnkologiepatientInnen erfahren ihre Diagnose als traumatisches Erlebnis, in dem die Zeit ihre Bestimmung verliert. Es gibt kein Vorher, kein Nachher, nur „Nichts“. Sich und seine Gefühle wieder zu spüren, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen, ob Wut, Angst, Verzweiflung – bunt, schwarz-weiß, mit Collagen, mit Ton, Finger- und Ölfarben oder Pastellkreiden – dazu kann Kunst- und Gestaltungstherapie verhelfen.

Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühle

Kunsttherapie wirkt häufig abschreckend, weil bei vielen Menschen der Gedanke mitschwingt, dafür zeichnen können zu müssen. Das ist allerdings nicht notwendig. „Es geht darum, bestimmte Dinge wie Erlebnisse oder Emotionen auszudrücken, aber nicht damit das Bild schön ausschaut sondern die Patientin sich gut ausgedrückt fühlt“, erklärt Mag. Anna Rakoš, Kunsttherapeutin in freier Praxis in Wien. Ganz wichtig sei, eine Ausdrucksmöglichkeit zu bekommen und dies therapeutisch zu reflektieren.

Robert F. erinnert sich, dass er anfänglich nur mit Fingerfarben abstrakte schwarze, rot- und orangefarbene Kleckse auf Papier geklatscht habe. „Während des Malprozesses wurde ich immer wütender über dieses Chaos, das auf dem Papier entstand, aber ich fühlte mich trotzdem unheimlich gut und die Zeit verging wie im Flug“, berichtet er. Schon in der ersten Stunde erlebte er das so genannte „Flow-Erlebnis“. Diesen seelischen und körperlichen Gleichgewichtszustand, den Mihály Csíkszentmihályi ursprünglich an Bergsteigern erforschte und der ebenso beim Malen entstehen kann: Menschen vergessen alles um sich herum, gehen in ihrer Beschäftigung auf und erfahren Glücksgefühle.

Den Prozess in Gang setzen

Gemeinsam mit der dortigen Mal- und Gestaltungstherapeutin ging Robert F. dann seiner „überbordenden Wut“ mit Folgebildern, die er „Tanz auf dem Vulkan“-Serie betitelte, auf den Grund. Für ihn bedeuteten letztlich Krebsdiagnose, Erkrankung und Therapie den absoluten Kontrollverlust über sein ganzes Leben. „Ich war, seit ich denken kann, immer beherrscht und zeigte nie meine Gefühle – die Wut über den Krebs war allerdings so mächtig, dass meine Seele sie verdrängte, da sie mich wahrscheinlich um den Verstand gebracht hätte“, gesteht der Krebspatient. In seinen Bildern konnte er sich austoben und auch Ton zu formen half ihm mit seinen Gefühlen in Kontakt zu kommen und sie auszuleben. Nach der Kur suchte er sich in seiner Nähe eine Kunsttherapeutin, die ihn weiter begleitete, da er noch weitere Themen zu bearbeiten hatte. Kunsttherapie bringt letztlich Prozesse in Gang, die nicht von heute auf morgen zu bewältigen sind.

Die Kraft des Malens nutzen

Neben dem bereits beschriebenen positiven Zustand des Flow-Effekts bietet therapeutisches Gestalten weitere psychoaktive Vorteile. So regt Malen ebenfalls die Vorstellungskraft an und kann durch das Wechselspiel aus dem eigenen Tun und der Vorstellung heilsame Bilder hervorbringen, die – im Falle von Krebs – diesen zwar nicht therapieren, aber tatsächlich positive Gefühle bewirken. Ziele zu visualisieren hat nicht umsonst im Mentaltraining einen großen Stellenwert.

Darüber hinaus können die Malenden im Bild etwas Wirklichkeit werden lassen, was angestrebt wird, und somit wird es ein Stück Realität. Ähnlich einem Ritual, das die Beteiligten aktiv mit ihren Sinnen erfahren und das das Denken bewusst oder unbewusst beeinflusst. „Ich lernte in den nächsten Monaten nicht nur öffentlich zu meinen Gefühlen zu stehen, sondern entdeckte ein ganz neues, befreites Lebensgefühl“, verrät Robert F., der sich heute all seine Emotionen zugesteht. „Manchmal passt mir Grantigsein nicht so in den Kram – dann nehme ich meine Farbpalette und mische fröhliche Farben an“, sagt er. Da halte er es wie Goethe, der mit seiner Farbenlehre davon ausging, dass Farben die Seele zu rühren vermögen. Rot soll wärmen, Orange Licht spenden, Gelb die Sinne anregen und Grün Ruhe und Ausgleich spenden. „So ‚therapiere‘ ich mich mit meinen Pinseln heute selbst – rückblickend war die Therapie das größte Geschenk meines Lebens.“

Autorin: Mag. Dina Elmani-Zanka, MSc

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