Transkript

Einführung

Sehr geehrte Damen und Herren, ich darf heute über die Wertigkeit von Bewegung und Training für Myelom- und Lymphompatientinnen und -patienten sprechen. Ich spreche hier für mein Team: das Team der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der Medizinischen Universität Wien. Wir haben eine lange Tradition in der Trainings- und Bewegungstherapie für onkologische Patientinnen und Patienten und befassen uns seit über zwanzig Jahren mit Training für Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen.

Vor allem Multiple-Myelom-Patientinnen und Patienten erleben Nebenwirkungen ihrer lebensnotwendigen Therapien und Folgen ihrer Erkrankung selbst. Diese Therapien, die ihr Langzeitüberleben sichern können, weisen Nebenwirkungen wie das Erschöpfungssyndrom bzw. Fatigue auf – das ist eine Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Eine weitere Einschränkung der Leistungsfähigkeit entsteht durch Verlust an Muskelmasse bzw. Muskelkraft und Ausdauer. Weiters die Beweglichkeit und Flexibilität und eine Störung der Koordinations- und Balancefähigkeit, welche z.B. im Rahmen einer Polyneuropathie entstehen kann. Es ist ganz klar, dass daraus eine Angst vor Stürzen und Verletzungen mit Frakturen und somit einer resultierenden Immobilität entsteht. Vor allem wenn man bedenkt, dass Patientinnen und Patienten Lysen, also Sollbruchstellen, im Skelett aufweisen können. Weiters ist auch eine Beeinträchtigung der mentalen Gesundheit gegeben – es können Gefühle wie Traurigkeit und Stress entstehen. Man ist infolge der geringeren Leistungsfähigkeit, aber vor allem infolge der Erkrankung und der notwendigen Therapie leicht überfordert. Themen wie sexuelle Dysfunktion oder Inkontinenz können ebenso aufkommen. Weitere Einschränkungen der Lebensqualität und der Teilhabe, sowohl der beruflichen (wenn man noch im Arbeitsleben ist), als auch der sozialen Teilhabe kommen dazu. Man kann nicht mehr überall mitmachen – sei es am Sportplatz, in der Oper oder bei Treffen mit Verwandten. Zum Management dieser Kurz- und Langzeitfolgen, der Nebenwirkungen dieser Erkrankungen und den dazugehörigen Therapien, hat sich die onkologische Rehabilitation in Österreich mittlerweile etabliert.

Die onkologische Rehabilitation, die sowohl stationär als auch ambulant und seit 2018 auch in Form einer Telerehabilitation stattfinden kann, besteht aus mehreren Säulen: Die Basis der Rehabilitation sind Informationen für Schulungen der Patientinnen und Patienten. Einen weiteren wichtigen Bestandteil bilden die Psychoonkologie und die Diätologie bzw. Ernährungstherapie. Letztlich die physikalische Medizin und Rehabilitation – das ist das Thema, auf das jetzt näher eingegangen wird. Hier wird speziell das Thema Aktivität, Training und Sport behandelt. Unsere eigenen Erfahrungen in der onkologischen Rehabilitation haben uns so weit gebracht, dass wir das erste deutsche Standardwerk zum Thema gemeinsam mit unseren Mitstreitern geschrieben haben, worauf wir sehr stolz sind. Wir haben bereits 1999 das erste Training unter Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen gestartet. Sogar am ersten Tag der Applikation der Chemotherapie bei PatientInnen haben diese schon trainiert. Wir haben gleichzeitig eine erste Spezialambulanz für onkologische Rehabilitation errichtet, bei der wir uns besonders bei onkologischen Patientinnen und Patienten darum gekümmert haben, dass wir sie in Bewegung bringen können – sowohl psychisch als auch körperlich. Darüber hinaus haben wir ihnen vergewissert, dass sie sicher und wirksam trainieren können. Damals war das ein Paradigmenwechsel. Bis zu dieser Zeit hat man Patient*innen mit onkologischen Erkrankungen gar nicht trainieren lassen. Man hat ihnen sogar gesagt, sie sollen sich nicht bewegen, weil sie das möglicherweise überlasten könnte und sie aus diesem Grund möglicherweise Probleme mit ihren Erkrankungen und den dazugehörigen Therapien haben können.

Heute weiß man, dass es in den meisten Fällen genau das Gegenteil auslöst – dass nämlich Patientinnen und Patienten mit onkologischen Erkrankungen hochgradig von regelmäßiger körperlicher Aktivität profitieren können. Wir waren weltweit die erste Ambulanz, die Patientinnen und Patienten mit Knochenmetastasen bzw. Knochensollbruchstellen und Hirnmetastasen trainiert haben. Heute ist es normal, mit Absiedelungen in den Knochen oder im Gehirn aktiv zu trainieren, wenn vorher die fachärztliche Diagnose und die Trainingseinstellung feststeht. Man hat darüber hinaus hier die weltweit ersten PatienInnen mit Krebserkrankungen und Fernmetastasierung z.B. in Knochen und Gehirn passiv trainieren lassen. Dabei wird eine neuromuskuläre Elektrostimulation durchgeführt – der Strom gibt dem Muskel das Signal, sich zu kontrahieren. Wir haben seit 2010 bis heute ein Tumorboard für onkologische Rehabilitation, welches von Seiten des Comprehensive Cancer Center Vienna geleitet wird. Unsere Klinik hatte weltweit lange das erste und einzige Tumorboard – mittlerweile gibt es ein weiteres in Japan. Wir haben eine Plattform für das Nebenwirkungsmanagement, für unterstützende Therapie und Rehabilitation. Wir vernetzen sozusagen die Kompetenz und das Wissen im Haus mit externen Rehabilitationszentren, so dass die Patienten und Patientinnen verkürzte Wege haben, sich zu informieren. Wir wollen das Wissen vermehren und auch nach außen tragen. Was speziell für knochenmetastasierte bzw. Patienten und Patientinnen mit multiplem Myelom ist, ist dass jeder Patient aktiv trainierbar ist. Man muss vor dem Training ein sogenanntes Trainingsrezept erstellen, sodass das Training sicher ablaufen kann, aber auch trainingswirksam ist. Jene PatientInnen ohne Sturzgefahr und mit einer Leistungsfähigkeit im Normalbereich sind für ein Gruppentraining unter Supervision geeignet. Denen für diese Gruppentrainings ungeeignete PatientInnen ist ein Einzeltraining in einer Eins-zu-eins-Position mit einem/einer TherapeutIn anzuraten. Sie sind aufgrund ihrer eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit und einer begleitenden Sturzgefahr frakturgefährdet und es müssen weitere Komplikationen durch eine Fraktur ausgeschlossen werden. Wir hatten auch eine Interventionsstudie geplant gehabt, die aber noch nicht gestartet hat. Zunächst gab es eine Verzögerung und letztlich hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir sind aber dran und können bald mehr zu dem Thema sagen. Das aktuelle Thema bei uns ist die sogenannte Prähabilitation – Rehabilitation und Training vom Beginn der Diagnosestellung bis hin zu den ersten Therapien. Diese Rehabilitation nützt also diese prätherapeutische Zeitperiode ab der Diagnosestellung, um einer funktionalen Verschlechterung und deren negative klinische Konsequenzen (vor allem durch die Nebenwirkungen von notwendigen Krebstherapien) vorzubeugen. Dieser funktionale Status soll durch Training verbessert werden und Komplikationen vermindert werden – das ist das Ziel der Prähabilitation. Da gibt es auf der einen Seite den unimodalen Ansatz, bei dem ausschließlich Aspekte der Bewegungstherapie bzw. der medizinischen Trainingstherapie angewendet werden und auf der anderen Seite den multimodalen Ansatz, der aus einer Kombination aus Bewegungstherapie, medizinischer Trainingstherapie, Schulung und Information von PatientInnen, Diätologie und Ernährungstherapie, Psychologie und Psychoonkologie und der notwendigen Raucherentwöhnung und Alkoholreduktion besteht.

Die Ziele sind eine Verbesserung der funktionalen Kapazität hinsichtlich der Kondition. Außerdem auch der klinischen Belastbarkeit und der mentalen Belastbarkeit, um letztlich dadurch einen Zustand zu erreichen, die chemischen Belastungen der folgenden überlebensnotwendigen Krebsbehandlungen leichter überstehen zu können. Dadurch kann die Morbidität bzw. die Weitererkrankung und die Krankenhaustage reduziert werden. Weiters werden Komplikationen reduziert und Entlassungen aus dem Krankenhaus können früher erfolgen. Außerdem können zumeist Lungenkomplikationen reduziert werden; bei einer Prostataerkrankung das Symptom Inkontinenz reduziert werden, wenn man schon ab der Diagnose mit dem Beckenbodentraining beginnt.

Generell ist zu sagen, dass darüber hinaus eine bessere Verträglichkeit der notwendigen onkologischen Therapien wie Chemotherapie oder moderne onkologische Therapien gesichert werden kann. Insgesamt kommt es auch zu einer Verbesserung der Flexibilität und zu positiven Wirkungen auf mentale Themen wie Angst, Distress oder Traurigkeit. Zusätzlich soll eine bessere Motivation zur onkologischen Rehabilitation möglich sein, die nach der onkologischen Primärbehandlung anzustreben ist. Auch ein früheres Erreichen der Rehabilitationsfähigkeit bedeutet für mich als PatientIn, dass man früher auf Reha gehen kann, da man schneller wieder auf den Beinen ist. Das ist eine sogenannte Polypill – ein “Medikament”, das für so Vieles gut ist. In der Prävention, dass ich Krankheiten erst gar nicht bekomme, in der Therapie und Unterstützung zu den Therapien in der Praehabilitation – also in der Phase zwischen der Diagnose und dem Therapieansatz. Außerdem in der Tertiärprävention und in der Rehabilitation.

Die Vorteile von Bewegung

Bewegung bringt Ihnen ganz viel! Bewegung bedeutet im Sinne von Training das Trainieren von Ausdauer und Kraft, was natürlich auch gesteuert werden muss. Dabei muss die individuelle Leistungsfähigkeit und die Belastbarkeit miteinbezogen werden. Das Training muss zusätzlich regelmäßig, zyklisch adaptiert, ganzjährig und schlussendlich lebenslang durchgeführt werden. Dazu gehört nicht nur das Trainieren von Ausdauer und Kraft, sondern auch das Training der Balance, der Koordination, der Sensomotorik und der Flexibilität bzw. Beweglichkeit. Regelmäßige körperliche Aktivität hat nicht nur positive Wirkungen auf die Lebensqualität, sondern auch auf die sogenannte chronische Inflammation – chronische Entzündungsprozesse, die bei Krebserkrankungen auftauchen. Bewegung kann durch die Wirkung auf den Stoffwechsel auch das Überleben positiv beeinflussen – die Leistungsfähigkeit steigert sich, Stress wird reduziert, Angst, Depression und das Erschöpfungssyndrom reduzieren sich, womit sich auch der nächtliche Schlaf und die Lustfähigkeit, die Libido, verbessern. Die Lebensqualität und die Teilhabe am sozialen Leben verbessern sich somit insgesamt. Bewegung hat positive Auswirkungen auch direkt auf das Muskelgewebe, in dem Stoffe ausgeschüttet werden, die in der Kommunikation zwischen den Geweben modifizierend eingreifen. Genauso auf das Fettgewebe und auf die natürliche Immunität. Weitere Auswirkungen umfassen das Herz-Kreislauf-System und das cardiopulmonare System. Damit können sogenannte chronische Informationen reduziert werden und das Gesamtüberleben, speziell das Herz-Kreislauf-Überleben, aber auch in vielen Fällen das krebsmedizinische Überleben, verbessert werden. Es gibt österreichische Bewegungsempfehlungen, die so adaptiert wurden, dass auch für Erwachsene mit chronischen Erkrankungen angegeben wird, dass sie unbedingt regelmäßig körperlich aktiv sein sollen. Lange andauerndes Sitzen soll durch Bewegung unterbrochen werden und an zwei oder mehr Tagen in der Woche sollen muskelkräftigende Übungen großer Muskelgruppen gemacht werden.

Zusätzlich soll mindestens zweieinhalb bis fünf Stunden ausdauerorientierte Bewegung mit mittlerer Intensität oder ein einviertel bis zweieinhalb Stunden ausdauerorientierte Bewegung mit höherer Intensität stattfinden. Wenn es der gesundheitliche Zustand zulässt und man sich dabei nicht überlastet. Man ist heute somit ganz weit weg von dem früheren Trainingsverbot. Sie können also etwas gegen Ihre onkologische Erkrankung, namentlich das multiple Myelom, tun.

Es gibt hier entsprechende Exercise Guidelines – also Richtlinien für Krebsüberlebende. Dazu gibt es ein interessantes Consensus Statement aus 2019 – mittlerweile ist Bewegung in der Medizin bzw. in der Onkologie nicht mehr wie vor 25 Jahren verboten, mittlerweile ist Bewegung in der Medizin als Medikament angekommen. Wichtig ist, dass man entsprechend den Gegebenheiten ein entsprechendes Sicherheitskonzept im Hintergrund aufrechterhält. Je mehr Sie selbständig machen, umso sicherer müssen Sie sein, dass Ihnen nichts passieren kann. Deswegen ist vorher auch die ärztliche Einstellung im Sinne eines Trainingskonzeptes bzw. -rezeptes für Sie als Patientinnen und Patienten ganz wichtig. Der Prozess umfasst eine sportmedizinische Trainingsplanung, eine Leistungsdiagnostik und eine Zieldefinition, was erreicht werden will.

Weiters werden die Belastungsfaktoren (belastende Therapien, die Grunderkrankung, weitere Erkrankungen bzw. weitere Therapien) miteinberechnet. Dann kommt es zu einer Trainingsplanung. Bei dieser bleibt es oft nicht – die Leistungsfähigkeit muss regelmäßig gemessen und die Planung entsprechend zyklisch adaptiert werden.

Zusätzlich zur Bewegung ist auch eine Verhaltensänderung und ein Monitoring notwendig. Die Wirksamkeit und die Sicherheit des Trainings muss gewährleistet sein – andernfalls wird Ihre Akzeptanz für das Training schwinden und Sie werden nicht lange trainieren. Daher kann das Training für Patientinnen und Patienten immer nur nach ärztlichem Rezept gestartet werden, damit es bei entsprechender Leistungsfähigkeit und klinischer Belastbarkeit durchführbar ist und bleibt. Mithilfe der Kooperation der einzelnen Disziplinen kann eine Trainingsplanung gut gelingen. Durch die aktuelle Situation mit Corona kann es sein, dass auch Telerehabilitation ein Ansatz sein kann. Da gibt es aber mittlerweile sehr gute Tools, mit denen Sie zu einem Trainingsprogramm kommen. Hier können Sie auch ganz praktisch mit ÄrztInnen, TrainerInnen und TherapeutInnen Kontakt aufnehmen, ohne jedes Mal in ein Zentrum fahren zu müssen. Diese Tools validieren wir als Klinik bzw. entwickeln sie auch mit, da kommt noch einiges Interessantes auf uns zu. Gleich vorweg die Take-Home-Message für Sie: Bewegung im Sinne einer regelmäßigen körperlichen Aktivität und eines gezielten Trainings ist wichtig! Die zuvor vorgestellte Prähabilitation ist für Sie besonders wichtig, wenn sie früh bzw. neu diagnostiziert werden. Die Motivation für eine Rehabilitation kann außerdem gesteigert werden, wenn Sie diese in einem unserer schönen Rehabilitationszentren z.B. im Burgenland oder in Salzburg durchführen können, womit sie eine optimale Einstellung für ein weiteres ambulantes Angebot oder auch für einen heimbasiertes Training bekommen können.

Zusätzlich zu den genannten positiven Faktoren von Rehabilitation (speziell in Form von körperlicher Aktivität), kann man dadurch auch eine gezieltere Medikation bekommen, da Therapien durch einen besseren körperlichen Zustand nicht abgebrochen werden müssen. Die Teilhabe am privaten und beruflichen Leben und die Verbesserung der Lebensqualität sind weitere ausschlaggebende Punkte, warum sich körperliche Aktivität und Bewegung für Ihr selbstbestimmtes Leben auszahlt.

Bewegung für mehr Lebensqualität

22.10.2021 | 14.10 – 14.40 Uhr

In diesem Vortrag wird Ihnen Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, MBA, MMSc die Bedeutsamkeit der Bewegung für mehr Lebensqualität bei Krebs näherbringen.

Vortragender

Dr.in Susan Halimeh

Univ.-Prof. Dr.

Richard Crevenna, MBA, MMSc

Facharzt für Physikalische Medizin

Ist Vorstand der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin und hat langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Rehabilitation onkologischer PatientInnen. Die Kontaktdaten und alle Informationen zusammengefasst finden Sie hier als PDF zum Download. 

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