Transkript

Einführung

Ich freue mich, Ihnen ein Update zur chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) geben zu dürfen. Ich wurde gebeten, drei Schwerpunkte zu setzen: Erstens, wer wann behandelt werden muss, das ist bei der CLL nicht gleich bei Diagnosestellung, sondern erst später im Krankheitsverlauf. Zweitens werde ich über moderne Therapieoptionen, verbunden mit dem Nebenwirkungsmanagement, sprechen und drittens werde ich ein über paar Aspekte der Impfstrategie bzw. die Impferfolge bei CLL-PatientInnen sprechen.

CLL ist die häufigste Leukämie in der westlichen Welt. Die Inzidenz ist bei 4 von 100.000 und steigt mit dem Lebensalter an. Der Verlauf der Krankheit ist sehr heterogen und im Frühstadium ist wie schon erwähnt fast nie eine Behandlung notwendig. Die Symptome und klinische Faktoren von CLL sind eine Lymphknotenvergrößerung, welche vorhanden sein kann, aber nicht muss. In peripheren Lymphknoten kann man die Vergrößerung ertasten, diese können aber auch an Lymphknoten in den Körperhöhlen vorkommen, was das erschwert. Eine Lymphozytose ist bei CLL fast immer vorhanden, das ist auch das, was den/die PatientIn primär zum/zur Arzt/Ärztin bringt. Meistens wird diese im Routinelabor im Rahmen einer Gesundenuntersuchung oder einer Operationsvorbereitung entdeckt. Oft ist dabei die Milz vergrößert, welche auch ein lymphatisches Organ ist, und dadurch kann es zu Bauchschmerzen kommen; durch den Immunglobulinmangel kann es weiters zu einer Infektneigung kommen. B-Symptome wie Fieber, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust sind vor allem am Anfang sehr selten. Wenn es durch die CLL zu Blutbildverdrängungen im Knochenmark kommt, kann eine Anämie oder eine Thrombozytopenie auftauchen. Die Krankheit ist, wie bereits erwähnt, sehr heterogen und hat im klinischen Verlauf eine Überlebenszeit von 3 bis 20 Jahren. Die Behandlungen sind in letzter Zeit besser geworden – es gibt sogar PatientInnen, die (teilweise auch ohne Behandlung) über 20 Jahre leben.

Wie stellt man die CLL-Diagnose?

Die Blutwerte überschreiten bei CLL einen Grenzwert von 5000 Lymphozyten pro Mikroliter, welche auch klonal und reaktiv sein müssen, das kann mit einer Durchflusszytometrie aus dem Blut bestimmt werden. Zudem kann man sich die Zellen im Mikroskop ansehen, wo man die sogenannten gumprecht’schen Kernschatten, den typischen Vermerk von reifen Lymphozyten, sehen kann. Diese entstehen dadurch, dass die Lymphozyten im Ausstrich aus dem Blut kaputt gehen und nur der Kernschatten bzw. der Zellkern übrig bleibt. Die FISH-Analyse erlaubt uns, das genetische Risiko der CLL besser darzustellen – dazu später noch mehr. Um feststellen zu können, wann eine Therapie angedacht werden sollte bzw. wann mit einer Therapie gestartet werden sollte, muss man die CLL in Stadien einteilen. Die Stadien nach Binet gehen rein nach dem Blutbild und nach den klinischen Untersuchungen.

Es gibt nach Binet drei Stadien: A, B und C. Beim Stadium A sind weniger als drei lymphatische Organe palpabel, das sind die Lymphknoten, die Milz und die Leber (wobei die Lymphknoten natürlich nur am Hals, an den Achseln, in den Leisten und eventuell auch noch an Kniekehlen oder Ellbogen tastbar sind). Das Blutbild ist bei Stadium A hier noch so weit in Ordnung, dass das Hämoglobin über zehn und die Thrombozyten über 100.000 sind. Sollten mehr Lymphknoten betroffen sein, spricht man von Stadium B. Und sollte das Knochenmark von der CLL so befallen sein, dass eine Blutbildung nicht mehr möglich ist (Hämoglobin unter 10 und Thrombozyten unter 100.000), spricht man von Stadium C.  Diese Einteilung ist eine Therapieindikation und man braucht für die Einteilung nur die Untersuchung mit Händen und das Blutbild. Nun zur FISH-Analyse (Fluoreszenz in situ Hybridisierung): diese erlaubt, das genetische Risiko besser abzubilden. Dabei werden Sonden verwendet um zeigen zu können, ob ein gewisses Chromosom häufiger oder weniger häufig als normal vorhanden ist.

Normal sind immer zwei Chromosomen – wenn nur noch ein Chromosom vorhanden ist, wird von del17p gesprochen, das ist das, was am häufigsten vorkommt. Bei PatientInnen, die jedoch eine Ersttherapie brauchen, kommt das nur in 8-10% der Fälle vor. Diese genetischen Veränderungen haben auch eine prognostische Relevanz. Das wurde in Deutschland schon vor 20 Jahren erforscht. Del 17p ist leider mit einer besonders schlechten Prognose vergesellschaftet, vor allem damals, als nur mit Chemotherapie behandelt wurde. Das ist heutzutage ganz anders.

Weiters gibt es noch den IgVh-Mutationsstatus, der dabei hilft, PatientInnen in Hoch- und Niedrigrisikopatienten einzuteilen. Wir unterscheiden dabei von einer reifen CLL, bei der die Zellen schon eine gewisse Hypermutation aufweisen und sie auch schon Antigenen ausgesetzt waren, dadurch sind sie reifer in der Entwicklung. Mit diesen entwickelten Zellen hat man eine weitaus bessere Prognose als mit den unreifen Zellen, die diesen Reifungsprozess noch nicht durchgemacht haben und dadurch auch ein schlechteres Ansprechen auf Chemotherapie zeigen – zum Glück jedoch nicht auf die modernen Substanzen (auf diese wird noch genauer eingegangen).

Was sind die Herausforderungen in der Therapie für CLL-PatientInnen?

Der/die durchschnittliche CLL-PatientIn ist nicht mehr ganz jung. Mit der Cumulative Illness Rating Scale werden gewisse Organsysteme abgefragt oder die Fitness über die Nierenfunktion gemessen. Bei den neuen Therapien ist die Fitness jedoch nicht mehr so relevant. Die zweite relevante Komponente sind die genetischen Veränderungen. Besonders bei del17p kann es sein, dass das TP53-Gen, das auf einem Arm des Chromosoms 17 sitzt, zwar da ist, aber aufgrund einer Mutation nicht mehr funktionstüchtig ist. Wenn mehr als drei Chromosomen verändert sind, spricht man von einem komplexen Karyotyp, welcher mit einer schlechten Prognose vergesellschaftet ist.

Nach der Diagnostik und den Risikofaktoren möchte ich nun zur Therapie übergehen. Hier stellt sich die Frage, wann behandelt werden soll – das wird nach den Stadien nach Binet bemessen. Beim Stadium A gibt es wenige problematische Lymphknotenstationen und ein normales Blutbild, da muss nur behandelt werden, wenn der/die PatientIn symptomatisch ist. Das ist der Fall, wenn er/sie Fieber, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust aufweist – da gibt es natürlich genaue Kriterien, wie das zu messen ist.  Dasselbe gilt für PatientInnen, bei denen mehrere Lymphknotenstationen betroffen sind (Stadium B). Eine Therapie ist außerdem nicht unbedingt notwendig, wenn sogenannte Autoimmunphänomene auftauchen; wenn beispielsweise das Immunsystem des Patienten die eigenen Erythrozyten als fremd/falsch ansieht und diese zerstört. Dasselbe Phänomen, nur gegen die eigenen Blutplättchen gerichtet, heißt Autoimmunthrombozytopenie.

Hier ist die Therapie üblicherweise eine Immunsuppression mit Cortison oder mit Immunglobulinen. Wenn das damit in den Griff bekommen wird, muss man grundsätzlich die darunterliegende CLL nicht behandeln. Behandeln muss man, wenn das Stadium C erreicht wird. Das wird auch mit einer Verkürzung des Lebens einhergehen, weil die CLL die normale Blutbildung aus dem Knochenmark schon weitgehend verdrängt hat. Wenn der/die PatientIn symptomatisch ist bzw. wenn es dem/der PatientIn schlecht geht, muss man behandeln. Es gibt hier noch einige Zusatzveränderungen – wenn sich die Lymphozyten beispielsweise rasch verdoppeln (wenn die LDT bzw. lymphocyte doubling time unter sechs Monaten liegt), weiß man aus Erfahrung, dass die Krankheit behandelt werden muss. Dasselbe gilt, wenn die Lymphknoten sehr groß sind und auf andere Organe drücken und auch, wenn die Milz sehr groß ist. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass die Genetik nur die Art der Behandlung beeinflusst, aber nicht den Zeitpunkt des Beginns. Wenn ein/eine PatientIn im Stadium A ist und gleichzeitig eine 17p-Deletion hat, muss er/sie nicht behandelt werden, nur weil er/sie eine 17p-Deletion hat. Erst, wenn er/sie behandlungspflichtig ist, dann ist allerdings die Behandlung eine andere. Die genetischen Faktoren bestimmt man spätestens vor Therapiebeginn. Man kann sie natürlich auch schon in der Beobachtungsphase bestimmen, die doch viele PatientInnen haben.

Es gibt hier eine Ausnahme: wenn der Patient sehr jung ist, werden die Risikofaktoren gleich bestimmt, weil es einen Einfluss auf die zukünftige Therapiestrategie haben kann. Bei der Entwicklung der Behandlung von CLL hat es bis zum Jahr 2000 nur Chemotherapien als verfügbare Therapiemöglichkeit gegeben. Vorerst waren um 1960 Chlorambucil bzw. Leukeran im Einsatz, danach kam Fludarabine und im Anschluss die Kombinations-Chemotherapie mit Fludarabine und Cyclophosphamid. Später wurde die große CLL8-Studie durchgeführt, die gezeigt hat, dass die Zugabe eines Antikörpers die Prognose und auch das Überleben deutlich verbessern kann. Letztlich haben dann in den letzten sieben bis acht Jahren die neuen Substanzen, vor allem die BTK-Inhibitoren, also Ibrutinib und in weiterer Folge auch Acalabrutinib und der BCL2-Inhibitor Veletoclax die Therapielandschaft der CLL in allen Therapielinien revolutioniert. Die Onkopedia-Guidelines tragen dem auch Rechnung – es werden kaum noch Chemo- oder Chemoimmuntherapie empfohlen, da diese Guidelines regelmäßig upgedatet werden. Für PatientInnen, die asymptomatisch sind und keine aktive Erkrankung haben, ist eine Beobachtung notwendig. Je nach Vorliegen von genetischen Hochrisikosituationen kommt man auf diverse Therapiemöglichkeiten, wobei eine Chemoimmuntherapie bei sehr jungen PatientInnen mit einem niedrigen genetischen Risiko im Sinne von FCR noch empfohlen wird. Ich persönlich habe außerhalb von klinischen Studien seit zwei bis drei Jahren keinen/keine PatientIn mehr mit Chemoimmuntherapie behandelt. Die zwei Therapieoptionen, die zurzeit möglich sind, sind eine BTK-Inhibition mit oder ohne Antikörper, die zeitlich unlimitiert ist oder Venetoclax (BCL-2-Inhibitor), welches mit einem Antikörper in der Erstlinie über ein Jahr verabreicht wird – das ist im Gegensatz zur BTK-Inhibition eine definiert lange Therapie.

Wo wirken diese Medikamente?

Beispielsweise wirkt Ibrutinib an der Zellmembran beim PCL-Rezeptor-Signalling, das Gleiche gilt für die Antikörper. Venetoclax wirkt hingegen in den Mitochondrien, welche die “Motoren” der Zelle darstellen. Die zwei wesentlichen Bestandteile der Therapie sind heute zum einen Ibrutinib, welches die Bruton’sche Tyrosinkinase hemmt. Das ist eine orale Therapie, die in der Standarddosis einmal täglich mit 420 mg verabreicht wird. Das Prinzip ist dabei, dass das Medikament die CLL-Zellen aus den Lymphknoten, der Milz und dem Knochenmark in das Blut herauslöst. Dort verlieren diese ihre Unsterblichkeit und gehen ins Seneszenz bzw. in einen Schlafmodus und schlussendlich zugrunde. Der Vorteil dieser Therapie ist, dass sie unabhängig von den etablierten Risikofaktoren, welche vorher erwähnt wurden, wirkt. Es ist somit egal, ob der IgHV-Status mutiert oder unmutiert ist, weiters wirkt diese Therapie auch sehr gut bei PatientInnen mit einer 17p-Veränderung. Das ist in der Monotherapie zugelassen, allerdings gibt es auch die Möglichkeit, das mit einem Antikörper zu kombinieren. Es ist nach wie vor eine Dauertherapie – eine komplette Remission kommt, wenn überhaupt, eher spät. Selten kommt eine MRD-Negativität (minimale Resterkrankung) vor, da die Zellen immer wieder ins Blut ausgeschwemmt werden.

Nebenwirkungen

Die häufigste Nebenwirkung ist Vorhofflimmern – das ist innerhalb der Studien bei circa 10% und außerhalb der Studien bei bis zu 25% der Fälle aufgetreten. Über die Zeit kann es außerdem zu Bluthochdruck kommen. Am Anfang der Therapie kommt durch das Ausschwemmen eine frühe Lymphozytose, die allerdings ein Epiphänomen ist und keinen Einfluss auf die Therapie haben sollte. Weiters können am Anfang Durchfall oder Blutungen auftreten, zudem kann es zu Infektionen und selten zu Gelenks- und Muskelschmerzen kommen. Imbruvica weist diese ganzen Nebenwirkungen wegen aberranter Kinasehemmung auf, das heißt, dass dieses Medikament nicht nur BTK-Kinasen hemmt, sondern auch andere Kinasen, die im Herzen, auf der Haut oder auch in den Thrombozyten auftreten. Darum wirkt es auch wie Aspirin – wenn eine Operation ansteht, egal von welcher Größe bzw. von welchem Ausmaß, sollte das Medikament je nach Operation einige Tage davor pausiert werden. Mit diesem Medikament haben wir erstmals 2013 Kontakt gehabt und es ist in der Rezidivsituation getestet und schnell zugelassen worden. Mittlerweile ist es auch in der Erstlinie zugelassen, weil es in diversen Studien bei jungen, fitten PatientInnen besser als das zuvor verwendete FCR funktioniert hat. Bei den älteren Patienten hat es außerdem besser als das BR gewirkt und bei den ältesten Patienten besser als der Standard OClb. Dieses Medikament hat somit in allen Situationen in der ersten Therapie die Chemoimmuntherapie abgelöst.

Die Resonate-2-Studie hat außerdem gezeigt, dass auch nach 5 Jahren der weltweit verwendete Standard Chlorambucil von Ibrutinib abgelöst wird, da auch nach 5 Jahren sieben von zehn Patienten progressionsfrei sind. Die Nebenwirkungen sind jedoch auch nicht trivial – über die Zeit erhöhen sich meist der Bluthochdruck und das Vorhofflimmer. Man muss dazu aber sagen, dass die Nebenwirkungen vor allem in den ersten 6 bis 12 Monaten auftreten. Daher sollte der Bluthochdruck regelmäßig kontrolliert werden, damit man ihn gemäß den Guidelines behandeln kann, wenn dieser steigt.

Die zweite Nebenwirkung ist das Herzstolpern bzw. Vorhofflimmern. Wenn man den Blutdruck regelmäßig misst, messen neuere Geräte zusätzlich auch den Puls. Wenn dieser unregelmäßig ist, wirft das Gerät eine Fehlermeldung auf und ein Vorhofflimmern könnte vorliegen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass das Herz etwas stolpert, sollten Sie genauer hinsehen, da gerade Vorhofflimmern ein erhöhtes Risiko von thromboembolischen Ereignissen (vor allem Schlaganfälle) hervorruft. Wenn hier ein Risiko besteht bzw. auch schon die Erkrankung auftritt, muss auf jeden Fall das Blut verdünnt werden, damit keine Schlaganfälle auftreten. Das hat natürlich auch einen Einfluss auf die Therapie mit Imbruvica. Hier muss dann abgeklärt werden, ob sie weiter durchgeführt werden kann oder nach alternativen Möglichkeiten der Behandlung gesucht werden muss.

Hier ist noch zu erwähnen, dass in Österreich bzw. in der EU mittlerweile ein zweiter BTK-Inhibitor namens Acalabrutinib zugelassen ist von dem man mittlerweile weiß, dass er genauso effektiv wie Imbruvica ist, allerdings nicht so viele kardiovaskuläre Nebenwirkungen hat. Die Rate für Bluthochdruck und vor allem für Vorhofflimmern ist bei Acalabrutinib deutlich niedriger, das Medikament muss jedoch zweimal täglich eingenommen werden und darf mit keinem Magenschutz kombiniert werden. Leichte Blutungen bzw. Hämatome können am Fuß, am Sprunggelenk, am Unterarm oder am Knie vorkommen, hier besteht kein Anlass zur Besorgnis. Das sollte man weiter beobachten und eventuell mit Lokaltherapie behandeln, wenn es immer wieder auftritt, kann man an eine Dosisreduktion denken.

Schwere Blutungen sind zwar bei allen BTK-Inhibitoren beschrieben, bewegen sich aber in einem Prozentrahmen von 0,1 bis 1%.  Allerdings kommen sie auch in Form von Magenblutungen, Nierenblutungen, Harnblasenblutungen oder Gehirnblutungen in klinischen Studien vor. Dabei ist ein sofortiger Stopp des Medikaments notwendig, weiters muss die Ursache der Blutung sofort behandelt werden, das ist eine Hochrisikosituation. Letztlich verursacht Imbruvica auch Infektionen, wenn die CLL damit gut kontrolliert wird – durch die Krankheit und durch den Immunglobulinmangel ist der/die PatientIn schon immungeschwächt, aus diesem Grund können Infektionen bei allen PatientInnen mit CLL unabhängig von der Therapie auftauchen. Das ist natürlich auch in Zeiten von Covid relevant – bei einer Pneumonie (infektiöse Lungenentzündung) sollte die Therapie sofort gestoppt werden und eine entsprechende Behandlung gestartet werden. Bei einer bakteriellen Pneumonie sollte sofort Antibiotika verabreicht werden, bei einer Pilzpneumonie Pilzmittel. Wenn Corona dahintersteckt, müssen entsprechende intensivmedizinische Maßnahmen gesetzt werden.

Das zweite Medikament, das seit mittlerweile vier Jahren zur Verfügung steht, ist Venetoclax (Handelsname Venclyxto) und wirkt in den Mitochondrien der CLL-Zellen. Dort werden Proteine hochreguliert, die verhindern, dass die Zelle in den programmierten Zelltod gehen kann. Das BCL2 blockiert diese Proteine und verursacht, dass die CLL-Zelle den natürlichen Zelltod durch machen kann. Die Zieldosis von Venetoclax ist bei der CLL (das Medikament wird auch bei anderen Erkrankungen eingesetzt) ist 400 mg. Wichtig ist jedoch, dass dieses Medikament langsam eindosiert wird, weil es sehr potent ist. Bei jeder Stufe diese Steigerung kann es sein, dass man stationär aufgenommen werden muss, da das im Labor durchgeführt werden muss und die Blutabnahme vor der ersten Gabe, 8 Stunden nach Tabletteneinnahme und am nächsten Tag früh stattfinden muss; erst dann kann die Dosis gesteigert werden.

Anfangs wurde das Medikament im ersten Schritt mit einer zu hohen Dosis verabreicht. Dadurch kommt es zu einem Tumorlysesyndrom, bei dem der Körper mit den vielen Zellinhaltsstoffen sehr schwer umgehen kann, da der Zelltod zu schnell eingesetzt hat und es zu erheblichen Nebenwirkungen kommt. Um dieses Tumorlysesyndrom zu verhindern, wird die Dosis in kleineren Schritten gesteigert. Weiters ist eine natürliche Hydrierung oder eine Hydrierung durch Infusion notwendig und zusätzlich wird eine Hyperurikämie-Prophylaxe beigegeben. Abhängig vom Tumorlyse-Risiko, das sehr gut gemessen werden kann, werden PatientInnen auch bei Steigerungen der Dosis auch stationär aufgenommen. Das höchste Tumorlyserisiko haben PatientInnen, die Lymphknoten von über 10 cm oder Lymphknoten zwischen 5 und 10 cm mit einer erhöhten Lymphozytenzahl von über 25000 pro Mikroliter haben. Wenn Ihnen also diese Therapie angeboten wird, müssen Sie damit rechnen, dass Sie doch einige stationäre Aufenthalte haben werden.

Ebenso wie Imbruvica wirkt auch dieses Medikament unabhängig von den etablierten Risikofaktoren. Bei 17p-PatientInnen wirkt es nicht so gut, da die Zulassung von Venetoclax in der Erstlinientherapie nur für ein Jahr gilt und 17p-PatientInnen bzw. HochrisikopatientInnen eine dauerhafte Hemmung der Krankheit brauchen. Das Medikament wurde initial bei vorbehandelten PatientInnen in der Monotherapie zugelassen, da es dort dauerhaft gegeben werden kann. Mittlerweile ist es in Kombination mit dem Antikörper Obinutuzumab in der Erstlinie zugelassen – da wird Venetoclax über ein Jahr gegeben. Im Rezidiv mit Rituximab wird das Venetoclax über zwei Jahre gegeben. Venetoclax hat einen komplett anderen Wirkungsmechanismus als die anderen Medikamente, daher gibt es auch viele komplette Remissionen, sodass die Leukozyten und Lymphozyten aus dem Blut verschwinden. Die Lymphknoten kehren wieder zu ihrer normalen Größe zurück und auch das Knochenmark nimmt wieder seine normale Form an. Man kann die Krankheit somit mit dieser Therapie oft so weit zurückbringen, dass man sie weder im Blut noch im Knochenmark nachweisen kann. Je nach Kombinationspartner kann das bei bis zu drei Viertel der Patient*innen der Fall sein. Eine Nebenwirkung ist u.a. das Tumorlysesyndrom, darauf muss vor allem am Anfang geachtet werden. Im Laufe der Behandlung kann es zu einer Verminderung der Lymphozyten und leider auch gewünschten Leukozyten kommen – hier muss entweder mit Dosisreduzierungen oder Wachstumsfaktoren gearbeitet werden. CLL14 war hier die Zulassungsstudie, dabei wurden bei älteren Personen mit Komorbiditäten Obinutuzumab-Chlorambucil und Obinutuzumab-Venetoclax über 12 Monate verglichen. Die Ansprechrate auf Zweiteres war um Vieles höher als auf die Kombination mit Chlorambucil. Wenn man die Beobachtungszeit um drei Jahre verlängert (nach insgesamt vier Jahren) sind noch immer drei Viertel der Patienten mit Venetoclax progressionsfrei, in Verbindung mit Chlorambucil jedoch nur noch ein Drittel. Es gibt nach diesem Beobachtungszeitraum aber keinen Unterschied im Gesamtüberleben. Das spiegelt das gute Gesundheitssystem in der EU wider, in dem auch Patienten, die rezidivieren, eine adäquate, gute Behandlung erfahren können.

Impfungen bei CLL-PatientInnen

Zum Schluss werde ich noch einige Fakten zu den Impfungen bei CLL-PatientInnen bekanntgeben. Wir haben mittlerweile schon über hundert PatientInnen immunisiert – für Österreich ist das noch nicht publiziert, jedoch gibt es von anderen Ländern wie Israel bereits Daten. Dort wurden 167 PatientInnen geimpft und im Schnitt zeigte sich ein Ansprechen von knapp 40%. Wenn man das mit gesunden erwachsenen Menschen vergleicht zeigt sich, dass fast alle einen ausreichenden Impfschutz aufweisen.

Weiters ist noch zu sagen, dass die Zahl der Antikörper bei CLL-PatientInnen um einiges niedriger ist als die bei gesunden Erwachsenen. Außerdem macht es einen Unterschied, ob ein/e PatientIn noch nie eine Therapie hatte, ob er/sie gerade behandelt wird oder schon behandelt wurde und es momentan keiner Behandlung bedarf oder ob er/sie rezidiviert ist.  Bei PatientInnen, die noch nie eine Therapie hatten, gibt es nur einen Impfschutz von etwa 50%. Bei einer Behandlung mit Antikörpern wird es problematisch – wenn ein/e PatientIn gerade behandelt wird, erreichen hier nur 20% einen Impfschutz.

Den besten Impfschutz erreichen PatientInnen, die schon therapiert sind und mit dieser Behandlung eine Remission erreicht haben, da erreichen 80% einen Impfschutz. Grundsätzlich ist zu sagen, dass ganz egal, welche Therapie verwendet wird, der Impfschutz während einer Behandlung schlecht ist. Bei der Antikörpertherapie hat man bei keinem einzigen Patienten, der innerhalb von den letzten 12 Monaten diese Antikörpertherapie erhalten hat, einen Impfschutz nachweisen können. In den Guidelines wird aus diesem Grund empfohlen, zumindest drei Monate zwischen der letzten Therapie und einer Covid-Immunisierung verstreichen zu lassen – mehr Zeit wäre jedoch noch besser.

Wer hat also auf die Impfung angesprochen?

Am besten haben jüngere PatientInnen unter 65 Jahren angesprochen. Frauen haben zudem besser als Männer angesprochen und PatientInnen, die ausreichende Immunglobulinspiegel hatten, haben auch besser angesprochen. Eine weitere Studie (CLL17) läuft seit ein paar Monaten in Österreich, Deutschland und anderen Ländern. Dabei werden die Ibrutinib-Monotherapie, die Therapie mit Venetoclax und Obinutuzumab und die Therapie mit Venetoclax und Ibrutinib verglichen.

Informieren Sie sich, wenn Sie Weiteres über diese Studie und über Therapiemöglichkeiten wissen wollen. Vielen Dank!

CLL Update 2021: Diagnostik-Therapie-Impfmanagement

22.10.2021 | 15.20 – 15.50 Uhr

In diesem Vortrag klärt OA Dr. Nösslinger über die wesentlichen Schritte der Diagnostik der „chronisch lymphatischen Leukämie (CLL)“ und Bestimmung der Prognosefaktoren auf. Außerdem werden aktuelle Medikamente anhand ihrer Wirkungen und Nebenwirkungen beschrieben und das Nebenwirkungsmanagement wird genauer erklärt. Anschließend wird er die Antworten bezüglich der COVID Impfung in den verschiedenen Phasen der CLL Erkrankung vorstellen.

Vortragender

Dr.in Susan Halimeh

OA Dr.

Thomas Nösslinger

Ist seit 2012 leitender Oberarzt im Hanusch Krankenhaus und Facharzt für die Abteilung der Hämatologie und Onkologie. Die Kontaktdaten und alle Informationen zusammengefasst finden Sie hier als PDF zum Download. 

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