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Sexualität und chronische Erkrankungen und Behinderungen

Sexualität und Intimität sind auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen wichtige Bestandteile der Lebensqualität. Dennoch erschweren Tabus, Vorurteile und körperliche oder psychische Belastungen oft einen offenen Umgang mit dem Thema. Anna Dillinger, Paar- und Sexualberaterin, spricht im Interview mit selpers über häufige Herausforderungen, Missverständnisse und darüber, wie Betroffene ihre Sexualität selbstbestimmt gestalten können.

selpers: Sexualität bei chronischen Erkrankungen und Behinderungen ist immer noch ein Thema, über das nicht viel gesprochen wird. Welche Herausforderungen erleben Betroffene besonders häufig und welche Missverständnisse begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit?

Anna Dillinger: Das ganze Thema Sexualität ist ein oft spannungsgeladenes: einerseits tabuisiert, andererseits begegnet es uns überall. Eine erste Herausforderung für alle Menschen ist erst mal, überhaupt eine Art der entspannten Kommunikation für sich zu finden oder sie zu lernen. In unserer Gesellschaft wird auch häufig suggeriert, dass Probleme im Bereich Sexualität unnormal sind und nicht zum adäquaten Leistungs- oder Performancegedanken passen. Davon muss man sich erstmal freispielen. Hat man jetzt auch noch eine chronische Erkrankung oder Behinderung, hat man quasi ein doppeltes Tabu – das kann Scham und Eigenabwertung auslösen. Hier hilft am ehesten ein Perspektivenwechsel: Sexualität ist per se etwas erlerntes und damit völlig individuell. Es wird vom Aufwachsen, den eigenen Erfahrungen mit sich und dem Umfeld und von Faktoren wie Krankheit, Alter, Alltag, Stress und Freude beeinflusst – lässt sich aber auch ein Leben lang erkunden und erweitern. Jeder Mensch, egal ob mit oder ohne chronischer Erkrankung oder Behinderung, hat gut geübte Ressourcen, aber auch Leer- oder Engstellen im eigenen sexuellen System. Es ist ein häufiges Missverständnis, dass kranke oder behinderte Menschen keine oder eine grundlegend andere Sexualität oder „besondere“ Bedürfnisse hätten. Die eigenen Lernerfahrungen in der Sexualität oder in Beziehung besser zu verstehen, ist ein erster Schritt, etwas an Problemen zu verändern.

Was also eine besondere Herausforderung für mich darstellt, liegt nicht nur an meiner Erkrankung – kann von ihr aber natürlich beeinflusst werden. Häufige Schmerzen und Erschöpfung sind beispielsweise keine gute Grundlage dafür, sexuelle Lust zu entwickeln und wenn ich bei einer CED (CED steht für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) beispielsweise Angst habe, mir in die Hose zu machen, kann mir das ebenso einen Strich durch die Rechnung machen. Ich möchte betonen, dass verringerte oder keine Lust auf Sex in keinster Weise ein Problem darstellen muss – auch das ist ein Mythos (immer Lust = alles normal & gute Beziehung). In manchen Lebensphasen oder Situationen ist gelebter Sex schlicht unwichtig. Für viele Menschen ergeben sich daraus aber partner:innenschafliche Probleme, denn damit umzugehen, dass die Partnerperson etwas anderes will als ich – sei es mehr oder weniger Sex – ist gar nicht so leicht und führt häufig zu Streit oder Rückzug.

selpers: Wie können Veränderungen durch eine Erkrankung oder Behinderung das eigene Körpergefühl beeinflussen und wie kann man wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper gewinnen?

Anna Dillinger: Veränderungen am eigenen Körper, die nicht selbst bestimmt sind, verunsichern uns. Pubertät, ungewollte Gewichtsabnahme oder -Zunahme, Schwangerschaft, Älterwerden, Operationsnarben, künstlicher Darmausgang usw. – an all das müssen wir uns erst gewöhnen. Auch hier können wir ein Stück weit darauf zurückgreifen, welche Ressourcen wir im freundschaftlichen Umgang mit dem eigenen Körper schon haben: in welchen Situationen, bei welchen Aktivitäten mit meinem Körper fühle ich mich gut, angenehm und mit mir selbst verbunden? Wie kann ich auch in schwierigen Zeiten darauf zurückgreifen – oder neue Strategien entwickeln? Häufig ist gerade eine Krise und ein Leidensdruck der Moment, in dem Menschen offener dafür sind, etwas Neues zu lernen. Trotzdem bin ich Fan davon, schon in „guten Zeiten“ vorzusorgen, und möglichst viele unterschiedliche Spürerfahrungen mit dem Körper zu machen und zu kultivieren. Denn wie wir in unserem Körper zuhause sind, hat natürlich Auswirkung darauf, ob man sich erotisch oder begehrenswert fühlt und zeigen kann. Bei einer CED kann es auch gut sein, dass die Analregion anders konnotiert ist, generell können Körperteile neu besetzt sein und es braucht Zeit und Beschäftigung, um sie sich – insofern man das will – wieder ins sexuelles Terrain zurückzuerobern.

Schulungsreihe Leben mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Der Begriff CED steht für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und fasst unterschiedliche Krankheitsbilder zusammen. Am häufigsten kommen die Colitis ulcerosa und der Morbus Crohn vor. Diese Erkrankungen führen zu chronischen Entzündungen im Verdauungstrakt mit Symptomen wie Bauchschmerzen und Durchfall.

Hier geht es zur Schulungsreihe

selpers: Warum fällt es vielen Betroffenen schwer, über sexuelle Bedürfnisse, Sorgen oder Veränderungen zu sprechen, und wie können Gespräche mit Partner:innen oder Fachpersonen erleichtert werden?

Anna Dillinger: Die meistens von uns sind nicht in einem entspannten und unterstützenden Umfeld bezüglich Sexualität aufgewachsen. Peinliche Berührtheit und Totschweigen stand da schon eher auf der Tagesordnung. Die Stimmung, die zuhause herrscht, überträgt sich auf uns – und wir nehmen sie mit in Freundschaften und Beziehungen. Da das Thema allerdings viel zu spannend ist, bleibt es selten dabei, dass wir gar nicht darüber reden – aber es ist völlig normal, dass es uns ohne Übung schwerfallen kann. Hinzu kommt mal wieder dieser einschränkende Mythos, dass man gerade über sexuelle oder partnerschaftliche Probleme nicht reden sollte (geschweige denn sie zu haben!). Die gute Nachricht ist: egal in welchem Alter, es ist nie zu spät, sich mit der eigenen Sexualität zu befassen und zu lernen, entspannter über das Thema zu kommunizieren. Auch wenn man selbst Kinder hat, ist das eine wichtige Qualität, die ich allen Eltern ans Herz lege: du musst nicht perfekt sein, aber finde einen Umgang mit dem Thema Sexualität! Es gibt super Literatur und Podcasts zu dem Thema und manchmal kann auch eine Sexualberatung ein erster geschützter Rahmen sein, über das Thema zu reden. Im ärztlichen Kontext sehe ich die Verantwortung auf der Seite der Fachkräfte: hier muss das Thema Sexualität in der Patient:innenkommunikation unbedingt in die Ausbildung, um endlich gängige Praxis zu werden.

Herzlichen Dank für das Interview.

Ganzkörper Anna Dillinger

Anna Dillinger

Anna Dillinger ist Paar- und Sexualberaterin sowie Sexualpädagogin mit eigener Praxis in Wien. Seit 10 Jahren lebt sie mit Colitis ulcerosa und beschäftigt sich auch aus persönlicher Erfahrung mit den Herausforderungen, die chronische Erkrankungen mit sich bringen können. Geboren in Deutschland, lebt Anna Dillinger seit über 15 Jahren in ihrer Wahlheimat Wien.

In ihrer Praxis begleitet sie Einzelpersonen und Paare zu Themen rund um Sexualität, Beziehungen und persönliche Entwicklung. Außerdem gibt sie Workshops und Fortbildungen für unterschiedliche Zielgruppen. In ihrer Freizeit liebt Anna Dillinger das Kochen, Reisen und Singen.

Interview wurde geführt von:  selpers Red. 

Bildnachweis: Barbara Wirl