Blog | Allgemein

Gentherapie bei Hämophilie B

Hämophilie B ist eine seltene, angeborene Blutgerinnungsstörung. Betroffene haben zu wenig oder keinen funktionsfähigen Gerinnungsfaktor IX. Dadurch kann es leichter zu Blutungen kommen. Bei einer schweren Form treten Blutungen teilweise auch ohne Verletzung auf – zum Beispiel in Gelenken, Muskeln oder im Weichteilgewebe. Wiederholte Blutungen können die Gelenke dauerhaft schädigen.

Für Menschen mit Hämophilie B gehört die Behandlung deshalb meist seit der Kindheit zum Alltag. Heute stehen verschiedene Therapien zur Verfügung. Eine neue Möglichkeit ist die Gentherapie. Sie soll dem Körper ermöglichen, den fehlenden Faktor IX wieder selbst zu produzieren.

Im Video sprechen Univ.-Prof. Dr. Cihan Ay, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, sowie die Patienten Stefan Aimufua und Klaus Liegle über ihre Erfahrungen mit Hämophilie B und der Gentherapie.

Wichtig zu wissen

Gentherapie ist nicht für alle Patienten geeignet und kann mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein. Ob eine Gentherapie bei Hämophilie B infrage kommt, hängt unter anderem von den individuellen Voraussetzungen und dem Gesundheitszustand ab.

Eine sorgfältige ärztliche Beratung und umfassende Information sind deshalb wichtige Voraussetzungen für eine persönliche Entscheidung. Besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Hämophiliezentrum, ob eine Gentherapie für Sie geeignet ist und welche möglichen Risiken, Nebenwirkungen und Anforderungen an die Nachsorge damit verbunden sind.

Leben mit Hämophilie B

Leben mit Hämophilie B

Stefan Aimufua lebt seit seiner Kindheit mit Hämophilie B. Für ihn gehört die Erkrankung schon immer zum Leben. Klaus Liegle beschreibt die Hämophilie ähnlich. Für ihn war die Krankheit wie ein „siamesischer Zwilling“, der ihn sein ganzes Leben begleitet hat.

Besonders in der Kindheit und Jugend bedeutete die Erkrankung viele Einschränkungen. Sport und Bewegung waren oft schwierig. Klaus Liegle erinnert sich daran, dass seine Eltern ihn vor Stürzen warnten und er deshalb vieles nicht machen durfte, was für andere Kinder selbstverständlich war. Fußball spielte er trotzdem manchmal. Die Folgen waren dann häufig Blutungen und geschwollene Knie.

Auch Stefan Aimufua musste seine sportlichen Aktivitäten im Laufe der Jahre anpassen. Durch frühere Blutungen hat er heute unter anderem eine Arthrose im linken Sprunggelenk. Basketball und Fußball sind für ihn schwieriger geworden. Stattdessen fährt er Fahrrad und geht schwimmen.

Veränderungen bei den Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von Hämophilie B hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Klaus Liegle hat noch Zeiten erlebt, in denen es kaum Behandlungsmöglichkeiten gab. Bei Blutungen musste er häufig ins Krankenhaus. Später wurde Blutplasma eingesetzt. Dadurch konnten Blutungen schneller behandelt werden und lange Krankenhausaufenthalte wurden seltener.

Ein großer Fortschritt waren schließlich Gerinnungsfaktor-Präparate, die Patienten selbst spritzen konnten. Damit wurde die Behandlung zu Hause möglich.

Heute erhalten Menschen mit schwerer Hämophilie B in der Regel regelmäßig Faktor IX, um Blutungen zu verhindern. Diese sogenannte Prophylaxe wird meist intravenös verabreicht. Je nach Präparat ist die Anwendung etwa einmal oder ein- bis zweimal pro Woche notwendig.

Das bedeutet für Betroffene und Familien viel Organisation. Die Therapie muss in den Alltag integriert werden – etwa bei Schule, Reisen oder Sport. Kinder und ihre Angehörigen werden deshalb früh geschult, damit die Behandlung möglichst selbstständig zu Hause durchgeführt werden kann. Stefan Aimufua begann im Alter von zehn Jahren, sich selbst zu spritzen. Davor übernahm seine Mutter die Behandlung. Noch früher musste die Familie dafür ins Krankenhaus fahren.

Neben der regelmäßigen Anwendung gibt es weitere Herausforderungen. Unter anderem kann es bei Hämophilie B selten zur Bildung von Antikörpern gegen den zugeführten Faktor kommen. Dann wirkt die Behandlung nicht mehr ausreichend.

Neben den klassischen Faktor-Präparaten gibt es inzwischen auch sogenannte Nicht-Faktor-Therapien. Sie greifen an einer anderen Stelle in die Blutgerinnung ein und werden unter die Haut gespritzt. Auch sie müssen regelmäßig angewendet werden.

Eine weitere neue Möglichkeit ist die Gentherapie. Bei der Gentherapie wird ein funktionsfähiges Gen für den Gerinnungsfaktor IX in den Körper eingebracht. Dafür wird ein sogenannter AAV-Vektor verwendet. Er dient als Transportmittel. Das Gen gelangt vor allem in die Leberzellen. Dort soll der Körper anschließend selbst Faktor IX herstellen und in das Blut abgeben. Ziel ist eine einmalige Behandlung, die langfristig zu einer eigenen Faktorproduktion führt.

Die Therapie-Entscheidung

Für Klaus Liegle war die Entscheidung für die Gentherapie relativ einfach. Er hatte schon lange auf diese Möglichkeit gewartet und sich über Jahre damit beschäftigt. Als die Behandlung für ihn schließlich infrage kam, wollte er sie unbedingt durchführen.

Sein Interesse an der Gentherapie reicht sogar mehrere Jahrzehnte zurück. Schon früher war ihm eine Teilnahme an einer Gentherapie-Studie in den USA angeboten worden. Damals war die Methode noch sehr neu und wenig erforscht. Die Studie wurde schließlich abgesagt.

Später nahm Klaus Liegle an weiteren Studien teil und verfolgte die Entwicklung der Gentherapie. Als die Behandlung immer weiter fortgeschritten war, nahm er Kontakt zu Univ.-Prof. Dr. Cihan Ay auf. Sein Wunsch war klar: Wenn die Gentherapie verfügbar ist, möchte er sie bekommen.

Auch Stefan Aimufua hörte schon länger von der Gentherapie. Als er darauf aufmerksam gemacht wurde, informierte er sich zusätzlich selbst über die Behandlung. Seine Erwartungen waren vor allem mit einer Verbesserung des Alltags verbunden: Er wollte nicht mehr regelmäßig spritzen müssen und dadurch mehr Freiheit gewinnen.

Wer kommt für eine Gentherapie infrage?

Nicht jeder Mensch mit Hämophilie B kann eine Gentherapie erhalten. Es gibt bestimmte Voraussetzungen. Dazu gehören unter anderem eine schwere oder mittelschwere Hämophilie B und ein schwerer Blutungs-Phänotyp.

Vor der Behandlung wird geprüft, ob bestimmte Antikörper gegen den verwendeten AAV-Vektor vorhanden sind. Auch die Gesundheit der Leber spielt eine wichtige Rolle, weil die Gentherapie auf die Leber ausgerichtet ist.

Daneben muss die Bereitschaft zur regelmäßigen Nachsorge vorhanden sein. Besonders in den ersten zwölf Wochen nach der Behandlung sind häufige Blutkontrollen notwendig. Dabei werden unter anderem die Leberwerte und die Faktor-IX-Werte kontrolliert.

Die Entscheidung für eine Gentherapie wird gemeinsam mit dem Patienten getroffen. Dieses Vorgehen wird als „Shared Decision Making“ bezeichnet. Dabei werden die Voraussetzungen, die Wirkweise, mögliche Nebenwirkungen und die notwendige Nachsorge ausführlich besprochen.

Auch Stefan Aimufua bezog Menschen aus seinem persönlichen Umfeld in seine Entscheidung ein. Letztlich traf er die Entscheidung jedoch selbst.

Die Durchführung der Gentherapie

Vor der Gentherapie arbeiten verschiedene Fachbereiche zusammen. Neben dem Hämophiliezentrum können unter anderem Fachleute für Lebererkrankungen, Apotheker:innen sowie Pflegekräfte beteiligt sein. Die Behandlung erfordert ein gut vorbereitetes Zentrum und eine enge Zusammenarbeit des gesamten Teams.

Für Klaus Liegle war die Wartezeit bis zur Behandlung lang. Als schließlich ein Termin möglich wurde, hatte er bereits einen Urlaub in Indien geplant. Kurz vor seiner Reise erhielt er den Anruf, dass die Gentherapie in wenigen Wochen durchgeführt werden konnte. Damit wurde aus seinem ursprünglichen Platz als erster Patient kurzfristig der zweite.

Die eigentliche Infusion ist dagegen vergleichsweise kurz. Nach einer ausführlichen Vorbereitung wird die Gentherapie über etwa eine Stunde verabreicht. Anschließend erfolgt eine mehrstündige Beobachtung.

Klaus Liegle beschreibt die Behandlung selbst als sehr unkompliziert. Für ihn fühlte sich die Infusion zunächst ähnlich an wie viele andere Infusionen, die er schon zuvor erhalten hatte. Gleichzeitig war die Stimmung im Behandlungsraum besonders: Das Team war erleichtert und freute sich mit ihm über die Behandlung.

Auch Stefan Aimufua verbrachte zunächst eine Nacht im Krankenhaus. Am nächsten Morgen erhielt er die Gentherapie.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Wie bei anderen Infusionen können während der Hämophilie B Behandlung Reaktionen auftreten. Deshalb werden Patient:innen während der Infusion und danach genau beobachtet.

In den ersten Wochen nach der Gentherapie kann es außerdem zu einer Immunreaktion kommen. Dabei können die Leberwerte ansteigen. Deshalb sind in den ersten zwölf Wochen regelmäßige Blutkontrollen besonders wichtig.

Bei Stefan Aimufua stiegen die Leberwerte nach der Gentherapie leicht an. Die Reaktion wurde mit einem Medikament behandelt und die Werte normalisierten sich wieder.

Auch grippeähnliche Beschwerden können in den ersten Tagen nach der Behandlung auftreten. Sie sind in der Regel vorübergehend und können bei Bedarf behandelt werden.

Ein wichtiger Punkt ist außerdem die langfristige Sicherheit. Die bisherigen Daten zur Gentherapie bei Hämophilie B sind bereits über mehrere Jahre verfügbar. Trotzdem sind langfristige Nachbeobachtungen wichtig, um die Behandlung auch für zukünftige Patientinnen und Patienten weiter beurteilen zu können.

Das Leben nach der Gentherapie

Für viele Menschen ist die größte Veränderung nach der Gentherapie, dass die regelmäßige Faktor-Prophylaxe wegfallen kann. Stefan Aimufua beschreibt vor allem Reisen als große Erleichterung. Früher musste er daran denken, seine Medikamente mitzunehmen. Heute kann er einfacher auf Urlaub fahren. Auch seine sportlichen Möglichkeiten haben sich für ihn verbessert.

Klaus Liegle erlebt eine ähnliche Veränderung. Seine Gelenkschäden sind durch die Gentherapie nicht verschwunden. Was sich aber verändert hat, ist die tägliche Sorge vor Blutungen und die Notwendigkeit, regelmäßig zu spritzen. Er muss bei Reisen keine Medikamente mehr mitnehmen und hatte seit der Gentherapie keine Blutung mehr.

Für ihn ist dabei der psychologische Effekt besonders wichtig: Er muss weniger darüber nachdenken, ob eine Blutung auftreten könnte oder ob er für den Notfall ein Medikament dabeihat.

Auch Univ.-Prof. Dr. Cihan Ay beobachtet bei Patienten eine solche mentale Entlastung. Wenn die Faktorproduktion durch den eigenen Körper funktioniert, ist keine regelmäßige intravenöse Prophylaxe mehr notwendig. Dadurch kann sich die Lebensqualität deutlich verbessern.

Wie hoch der Faktor-IX-Wert nach der Gentherapie bei einem einzelnen Patienten sein wird, lässt sich allerdings nicht genau vorhersagen. Bei manchen Patienten kann in besonderen Situationen, etwa vor einer größeren Operation, weiterhin eine zusätzliche Behandlung notwendig sein.

Die Gentherapie kann den Alltag von Menschen mit Hämophilie B daher deutlich verändern. Trotzdem bleiben regelmäßige Kontrollen wichtig. Die Patienten müssen weiterhin mit ihrem Hämophiliezentrum verbunden bleiben und die empfohlenen Nachsorgetermine wahrnehmen.

Für Menschen, die sich für eine Gentherapie interessieren, empfiehlt Univ.-Prof. Dr. Cihan Ay, zunächst mit dem eigenen Hämophiliezentrum zu sprechen. Dort kann geprüft werden, ob grundsätzlich eine Eignung für die Gentherapie besteht. Anschließend kann eine weitere Untersuchung in einem spezialisierten Infusionszentrum erfolgen.

In Österreich gibt es zwei Zentren für die Verabreichung der Gentherapie – eines in Wien und eines in Innsbruck. Die weitere Nachsorge kann anschließend wieder wohnortnah im Hämophiliezentrum erfolgen.

Auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein. Die Österreichische Hämophiliegesellschaft kann dabei unterstützen, Kontakt zu Menschen herzustellen, die bereits Erfahrungen mit der Gentherapie gemacht haben.

Ein Blick in die Zukunft

Für Stefan Aimufua stehen nach der Gentherapie vor allem persönliche Wünsche im Mittelpunkt: Reisen, Sport machen, Freunde treffen, neue Erfahrungen sammeln und das Leben genießen.

Auch Klaus Liegle sieht seine Wünsche in Bezug auf die Hämophilie weitgehend erfüllt. Er hatte früher davon geträumt, statt einer Spritze irgendwann einfach eine Tablette nehmen zu können. Die Gentherapie hat seine Erwartungen sogar übertroffen.

Für Univ.-Prof. Dr. Cihan Ay ist die Gentherapie eine der großen Innovationen, die er in seiner ärztlichen Laufbahn erlebt hat. Sie bietet Menschen mit Hämophilie B die Chance auf eine nahezu heilungsähnliche Situation und damit auf ein Leben mit deutlich weniger Einschränkungen.

Diese Aufklärung widmet Ihnen CSL Behring Österreich.