Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die “Neue Normalität”

Experten-Sprechstunde mit Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler, MSc am 7. Mai 2020 um 18:00 Uhr

Das neue Corona-Virus hat Europa nun schon etwas länger im Griff und schön langsam scheint eine neue Normalität einzukehren. PatientInnen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschäftigen jedoch weiterhin viele Fragen: Was bedeutet die geplante Öffnung für Risikogruppen? Können Kontrolltermine mittlerweile wieder ohne weiteres wahrgenommen werden oder sollten sie verschoben werden? Können die Spitäler Diagnostik und Behandlung derzeit auf dem gleichen Niveau wie bisher gewährleisten? Und was tun, wenn die Symptome plötzlich schlimmer werden?

Prof. Metzler publizierte Anfang April im renommierten European Heart Journal eine Studie darüber, dass seit Beginn der COVID-19-Pandemie weniger PatientInnen mit akuten Herzinfarkten behandelt wurden. Im Rahmen seiner Expertensprechstunde wird Prof. Metzler darauf eingehen, wie sich dieser Rückgang erklären lässt und welche Auswirkungen dieser unterwartete Effekt für Herz-Kreislauf-PatientInnen haben könnte. Ihre Fragen zu Kardiovaskulären Erkrankungen und der „neuen Normalität“ können Sie bereits vorab über das anonyme Formular auf dieser Seite stellen. Der Livestream startet am 07.05.2020 um 18 Uhr automatisch.

Über den Experten

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler, MSc ist Oberarzt an der Universitätsklinik für Innere Medizin III mit Schwerpunkt Kardiologie und Angiologie des Landeskrankenhaus Innsbruck. Sein Fokus liegt u.a. auf der Behandlung nach einem akuten Herzinfarkt und Herzinsuffizienz, sowie Forschung im Bereich der Regeneration von Herzmuskelzellen. Prof. Metzler ist außerdem Generalsekretär und President Elect der „Österreichisch Kardiologischen Gesellschaft“.

Mit freundlicher Unterstützung von:

Video Transkript

[01:03]

Dr. med. Iris Herscovici

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Experten-Sprechstunde, heute zum Thema „Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die ‚neue Normalität‘“.

Schön, dass Sie dabei sind und vielen Dank für die vielen Fragen, die Sie uns geschickt haben. Wir könnten zwei Experten-Sprechstunden damit abhalten. Wir werden versuchen, so viele Fragen wie möglich davon zu beantworten.

Der Experte, der die Fragen beantworten wird, ist Herr Professor Bernhard Metzler. Er ist Kardiologe, ist an der Universitätsklinik für Innere Medizin III in Innsbruck tätig und hat seine Schwerpunkte im Bereich Behandlung von Herzinfarkten und Herzinsuffizienz und ist außerdem President Elect der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, das heißt er ist der zukünftige gewählte Präsident der Gesellschaft.

Herzlich willkommen, Herr Professor Metzler! Schön, dass Sie sich Zeit nehmen konnten und unsere Fragen beantworten.

[02:05]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Ja, Danke für die Einladung, die nette Einführung.

[02:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Sehr, sehr gerne.

Wir reden so viel über die neue Normalität. Was heißt die Normalität oder die neue Normalität im Krankenhaus an einer Kardiologie? Wie ist die bei Ihnen schon angekommen? Merken Sie etwas von den Lockerungsmaßnahmen? Wie tut sich der Alltag so bei Ihnen?

[02:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Die neue Normalität im Krankenhaus hat die letzten Tage wieder angefangen. Und zwar ist es so, dass wir wieder angefangen haben, den normalen Routinebetrieb aufzunehmen, allerdings mit den Einschränkungen, dass man natürlich Masken trägt, dass der Abstand in den Warteräumen der Patienten und in den Behandlungszimmern größer ist, dass aber auch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen jetzt alltäglich geworden sind.

[02:58]

Dr. med. Iris Herscovici

Sie haben vor kurzem eine Studie publiziert, und das war ja eigentlich auch der Anlass, dass wir gesagt haben: Es ist ganz wichtig, dass wir über dieses Thema reden. Und da in dieser Studie sind Sie zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aufnahmen von Patienten mit Herzinfarkten sehr zurückgegangen sind in den österreichischen Krankenhäusern. Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, diese Studie zu machen, und wenn Sie uns kurz erzählen können, worum es in dieser Studie gegangen ist?

[03:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Uns ist Anfang März aufgefallen, dass deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkt in der Klinik aufgenommen worden sind. Das war zuerst eine lokale Beobachtung in Innsbruck. Wir haben dann über die Österreichische Kardiologische Gesellschaft in sämtlichen Herzkatheter-Zentren, also von Feldkirch bis Eisenstadt, nachgefragt, ob das dort auch so ist. Wir haben die Zahlen von denen geliefert bekommen und eine Auswertung gemacht und haben gesehen, dass von der ersten bis zur letzten Märzwoche die Zahl der Herzinfarktpatienten um 40 Prozent abgenommen hat. Das war der Fakt in fast allen Bundesländern, weitestgehend gleich.

Das Interessante an dem ist, dass letztlich, nachdem wir diese Beobachtung publiziert haben, es weltweit Mitteilungen gegeben hat, dass die Personen, die behandelnden Doktoren dort das Gleiche beobachtet haben, nämlich dass weltweit viel weniger Patienten vorstellig geworden sind.

Und wahrscheinlich ist es so, dass nicht weniger Herzinfarkte passiert sind, sondern dass viele Patienten mit einem Herzinfarkt schlicht und einfach nicht ärztliche Hilfe aufgesucht haben.

[04:47]

Dr. med. Iris Herscovici

Ist das im Augenblick auch noch so? Ist die Situation jetzt schon etwas entspannt? Oder stellen Sie fest, dass es im Augenblick immer noch weniger Aufnahmen gibt, was Herzinfarkt-Patienten betrifft?

[04:50]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Nein, das hat seit ungefähr zehn Tagen wieder deutlich angezogen. Mit dem, dass diese Ausgangsbeschränkungen letztlich ja gelockert worden sind, ist die Zahl der Infarktpatienten wieder deutlich angestiegen. Also, wir sind mittlerweile wieder auf dem üblichen Faktor Monats und Jahresschnitt.

Dieser Rückgang war de facto ganz klar korreliert mit den Beschränkungen, die es ja österreichweit gegeben hat. Allerdings hat es diese auch in anderen Ländern gegeben, und dort war es auch zeitgleich zu beobachten.

[05:38]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir hören immer wieder, dass Patienten im Augenblick immer noch zögern, eine Notfallnummer zu wählen oder ins Krankenhaus zu gehen.

An welchen Symptomen können Patienten denn erkennen, dass sie jetzt unbedingt sofort die Rettung rufen sollten?

[05:55]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Der typische Schmerz beim Herzinfarkt ist ein Druckschmerz: drückende Schmerzen hinterm Brustbein. Der kann ausstrahlen in den Rücken, in die Schulter, in den linken und rechten Arm, aber wie gesagt, das ist klassische ist ein Druckgefühl. Patienten sagen oft, sie hätten das Gefühl, man würde den Brustkorb in einem Schraubstock einschrauben oder ein Elefant würde auf der Brust stehen.

Das ist der typische, klassische Herzinfarkt-Schmerz. Der wird aber nicht immer so klassisch, wie es im Lehrbuch steht, wahrgenommen. Es können auch Brustschmerzen ohne diesen klassischen Druck sein, mit Übelkeit, Kaltschweißigkeit oder auch nur Atemnot.

Das ist in der letzten Zeit natürlich das Schwierige, dass man, wenn man eine vermeintliche Covid-Erkrankung hat, die ja eine Lungenentzündung ist, dass man diese Atemnot, die man dort natürlich zwangsläufig auch hat, eventuell auch mit einem Herzinfarkte verwechseln hat können.

Hier ist eine der Vermutungen von uns, warum weniger Menschen mit Herzinfarkt vorstellig geworden sind, weil mutmaßlich ein gewisser Teil der Schmerzen einfach falsch eingeschätzt wird, falsch zugeordnet wird.

[07:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Kann sich ein Herzinfarkt auch frühzeitig ankündigen, und an welchen Veränderungen kann man so etwas abschätzen? In diese Richtung geht die nächste Frage, die wir von einem Patienten bekommen haben: „Sehr verehrter Herr Professor Metzler, hatte vor zehn Jahren einen Hinterwandinfarkt und habe fünf Stents bekommen. Ich gehöre zu jenen Menschen, die keine Vorwarnung bei einem Infarkt haben, wurde mir damals in der Reha gesagt. Meine Frage lautet: Wenn es mir gut geht und ich auch die Leistung am Rad bringe und keine Probleme beim Schnaufen und Stiegensteigen habe – wie merke ich dann, wann es wieder zu einem Herzinfarkt kommen kann?“

[07:55]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das ist eine sehr gute Frage von dem Patienten. Das ist gleichzeitig auch, wenn man so möchte, das Heimtückische an einem Herzinfarkt.

Die Hälfte der Patienten hat den Herzinfarkt aus heiterem Himmel. Jeder von uns kennt mutmaßlich Bekannte, Verwandte, Nachbarn, die als völlig de facto bis dahin gesunde Menschen aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt hatten. Das sind 50 Prozent aller Menschen.

Die anderen 50 Prozent haben vor dem Herzinfarkt schon bei Belastung diese Druckschmerzen. Also wenn man sich körperlich anstrengt im Stiegengehen, beim Hausarbeiten machen, dass man dann einen Druckschmerz auf der Brust hat, der allerdings nur bei Belastung kommt, und wenn man stillsteht augenblicklich sistiert (zum Stillstand kommt). Das wären klassische Vorzeichen. Die hat man natürlich häufiger, wenn man Risikofaktoren hat, als Raucher, wenn man hohes Blutcholesterin hat, zuckerkrank ist oder in der Familie die Eltern oder die Geschwister schon herzerkrankt sind, dann hat man auch eine gewisse höhere Wahrscheinlichkeit, so etwas auch einmal selber zu haben.

[09:03]

Dr. med. Iris Herscovici

Ich möchte noch einmal auf die akute Situation zurückkommen. Patienten zögern ja manchmal, den Notarzt zu rufen und überlegen, ob sie ins Krankenhaus fahren, wenn sie Beschwerden haben.

Warum ist es unbedingt wichtig, wenn man das Gefühl oder die Sorge hat, dass man einen Herzinfarkt gehabt hat, die Rettung anzurufen und sich nicht in ein Taxi zu setzen und ins Krankenhaus zu fahren?

[09:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das Wichtigste ist zum Einen, so schnell wie möglich den nächsten Doktor, das nächste Krankenhaus aufzusuchen. Dass letztlich Rettung natürlich ein Schutz ist, wenn er mal eine Komplikation hätte, einen Herzstillstand, was sein kann im Rahmen eines Herzinfarktes, da ist man in der Rettung besser betreut wie wenn man mit dem Taxi fährt.

Letztlich das Wichtigste ist, so schnell wie möglich ärztliche Hilfe aufzusuchen.

Es ist deswegen wichtig, weil mit jeder Minute, die der Herzinfarkt länger dauert, mehr vom Herzmuskel abstirbt. Der Teil des Herzmuskels, der dann abstirbt oder abgestorben ist, ist so geschädigt, dass er sich nicht erholen kann.

Deswegen ist jede Minute sehr wichtig, die man da halt verkürzen, schneller in Therapie kommt.

[10:23]

Dr. med. Iris Herscovici

Wenn man jetzt die Rettung gerufen hat, gibt es etwas, das man speziell berücksichtigen sollte, tun sollte, während man auf die Rettung wartet? Können Angehörige in dieser Situation etwas tun, und wenn ja, was?

[10:37]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das Wichtigste in dem Moment, wo die Rettung auf dem Weg ist, das ist in Österreich sind es ja wenige Minuten, das ist von West bis Ost, von Nord nach Süd, in dem Moment, wo man den Notruf aktiviert, bis der Notarzt oder die Rettung bei einem ist, vergehen wenige Minuten.

In diesen wenigen Minuten, glaube ich, kann man, außer warten und hoffen, dass jetzt nichts passiert, ich glaube jetzt nicht viel machen, außer die Ruhe zu bewahren und dort diese paar Minuten zu überbrücken.

[11:11]

Dr. med. Iris Herscovici

Also ruhig bleiben.

Wir haben sehr viele Fragen bekommen in Richtung Covid-19 natürlich, wie sich Covid-19 auch auf das Herz auswirkt. Welche Auswirkungen können auftreten? Und warum ist das Herz auch mitbetroffen oder kann auch mitbetroffen sein bei einer Erkrankung mit Covid-19?

[11:37]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Eine sehr komplizierte Frage, ist sehr kompliziert, weil man viele Dinge nicht genau weiß. Was man weiß, ist, dass eine Entzündungen, eine Lungenentzündung in dem Fall, insgesamt Entzündungszellen im ganzen Blutkreislauf aktiviert. Diese entzündeten weißen Blutkörperchen können natürlich einen Herzinfarkt begünstigen.

Das ist aber jetzt nicht ganz speziell nur auf Covid, sondern ist bei jeder Entzündungserkrankung so.

Und was besonders an Covid ist, ist, dass es sehr starke Lungenentzündungen sind, die über den Umweg natürlich das Herz, das letztlich mit Herz, Lunge, Kreislauf natürlich zusammenhängt, massiv belasten können.

Deswegen sind diese Patienten, die, wie wir in den letzten Wochen in den Nachrichten immer wieder gehört haben, die älteren Patienten mit Vorerkrankungen, die schon Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen haben, natürlich die Hauptrisikogruppe sind, deren Herz durch eine Covid-Erkrankung natürlich besonders belastet wird.

[12:50]

Dr. med. Iris Herscovici

Das liefert mir auch das Stichwort für die nächste Frage, nämlich Risiko.

Viele Patienten wollen wissen: Wer ist jetzt ganz konkret gefährdet? Jetzt heißt es immer, das Herz-Kreislauf-Patienten auch zur Risikogruppe gehören? Die Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind aber doch sehr breit. Wer oder welche Herz-Kreislauf-Erkrankungen ganz konkret sind denn mit einem höheren Risiko behaftet? Und da haben wir jetzt auch ein paar Fragen dazu:

  • „Ich habe eine mikrovasculäre Angina pectoris. Zähle ich in Bezug auf Corona als Risikopatientin? Zudem habe ich eine Fettstoffwechselstörungen und Psoriasis-Arthritis. Dafür nehme ich Immunsuppressiva ein.“
  • Eine andere Patientin oder Patient will wissen: „Bin ich mit einer supraventrikulären Herzrhythmusstörung auch Risikopatient?“
  • Und eine andere Frage geht in Richtung: „Gehöre ich mit einer mechanischen Herzklappe auch zur Risikogruppe?“

Können Sie uns erhellen? Wer gehört jetzt zur Risikogruppe? Gibt’s da auch Unterschiede, wer besonders gefährdet ist und wer sich weniger Sorgen machen muss?

[14:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Zur klassischen Risikogruppe gehören Patienten,

  • die schon einen Herzinfarkt hatten
  • oder die Diabetes, also Zuckererkrankung haben
  • oder einen hohen Blutdruck
  • oder eine Herzpumpschwäche.

Das sind die klassischen Risikofaktoren, einfach weil das Patienten sind, die schon deutliche Vorerkrankungen haben.

Was ungefährlich ist, sind supraventrikuläre Tachykardien. Das heißt für die Menschen, die zuhören und das selber nicht haben, diesen Fachbegriff vielleicht nicht kennen: Es sind anfallsartig auftretende, sehr schnelle Pulsschläge. Diese können ein paar Minuten oder eine halbe Stunde anhalten. Es wird von den Menschen oft als sehr unangenehm empfunden, ist aber, wenn man so will, völlig ungefährlich. An dem kann man nicht sterben, und es ist nicht der Notarzt wichtig wie sonst bei einer gefährlichen Erkrankung. Es wird aber als unangenehm, wenn der Puls so schnell schlägt, wahrgenommen. Aber ist nicht die Risikogruppe.

Die zweite Patientenanfrage mit Zustand nach künstlicher Herzklappe: Das wäre jetzt in dem Fall auch nicht eine klassische Risikogruppe für Coviderkrankung.

[15:25]

Dr. med. Iris Herscovici

Das Risiko – bezieht sich das auf die Infektionsgefahr oder auf einen schwereren Verlauf, oder auf beides?

[14:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Eigentlich auf beides. Und letztlich hat der leichte Verlauf… Junge Menschen, man weiß nicht genau, warum, die haben fast alle einen milden Verlauf. Und die schweren Verläufe haben fast ausschließlich ältere und vorbestehend kranke Menschen. Jetzt weiß man eigentlich nicht genau, warum das so ist. Es gibt einige Erklärungsversuche, Möglichkeiten. Die Erkrankung ist ja erst seit wenigen Monaten bekannt. Da gibt es bisher nicht große Studien, die das genau mit Kontrollgruppen prospektiv untersucht haben. Da sind Studien unterwegs. Es wird sicher im Lauf der nächsten, wahrscheinlich wenigen Monate wird man über diese Erkrankung viel mehr wissen, als man zum heutigen Zeitpunkt darüber weiß.

[16:40]

Dr. med. Iris Herscovici

´tschuldigung, ich habe Sie unterbrochen…

[14:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Mit dem, dass das eben eine neu aufgetretene Erkrankung ist, die Ende 2019, Anfang 2020 erstmalig beschrieben worden ist, sind noch nicht die hundert großen Studien bekannt, wo man es genauer wissenschaftlich analysiert hat und außer einfachen Einzelfallbeobachtungen und so weiter noch nicht allzu viel bekannt ist.

[17:05]

Dr. med. Iris Herscovici

Was schätzen Sie: Wie lange dauert es, bis man dann schon konkretere Aussagen machen kann? Ist das eine Frage von Monaten oder von Jahren?

[14:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Über die Herz-Kreislauf-Beteiligung, über die Risikogruppen, glaube ich, wird man im Laufe dieses Jahres sehr viel Neues erfahren. Wir haben selber da einige sehr gute Studien, zum Teil die kleine, die wir schon vorher besprochen haben, schon publiziert, andere sind eingereicht zur Veröffentlichung. Da wird weltweit zurzeit unglaublich viel geforscht. Und in der, wie gesagt, kardiovaskulären Beteiligung und so weiter wird man, glaube ich, sehr schnell viel Neues dazu lernen können.

[17:48]

Dr. med. Iris Herscovici

Die Patienten wollen natürlich wissen, ob sie zur Risikogruppe gehören, und da habe ich jetzt noch zwei Fragen in diese Richtung,

  • nämlich von einer Hypertonie-Patientin die eine: „Ab welchem Blutdruck werten gehöre als Hypertonie-Patientin zur Risikogruppe bezüglich Covid-19?“
  • Und: „Warum ist hoher Blutdruck ein Risikofaktor?“

Oder ist er das überhaupt? Sie haben ihn vorher, glaube ich, nicht erwähnt.

[18:15]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das ist er schon an sich. Hypertonus ist ein Risikofaktor. Der genaue Grenzwert, ob das jetzt… An sich ist 140 zu 90 ein Grenzwert-Hypertonus, wo letztlich die Klassifikation des Bluthochdrucks beginnt. Ob das jetzt genau mit dieser Definition bei dieser speziellen Patientin auch schon ist, ich glaube, da gibt es zu wenige Daten bisher. Aber der erhöhte Blutdruck ist einfach mit dem, dass er meistens auch mit anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist, ein Risikofaktor.

Der Mechanismus, wie das funktioniert, ist nicht bekannt. Da gibt es bisher nur Vermutungen und Erklärungsversuche, allerdings nicht bestätigte Theorien oder Erklärungshinweise.

[19:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Ich habe noch eine Frage zu einem Zustand, der sowieso ungesund ist, aber jetzt mit Blick auf Covid-19-Patienten auch nochmal Sorge macht: „Ich habe gehört, dass Covid-19-Erkrankungen bei übergewichtigen Menschen besonders schwere Verläufe nehmen können. Stimmt das? Und falls ja, warum ist das so? Und ab welchem Gewicht gilt das?“

Jetzt bringe ich Sie wieder in Bedrängnis? Ich hoffe, es gibt vielleicht da schon Erkenntnisse.

[19:40]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Nein, zumindest nicht so, dass ich Ihnen genau einen Body-Mass-Index oder ein Gewicht sagen könnte. Die Beobachtung, die man hört und liest und die wir auch selber auf unserer Intensivstation gemacht haben, ist, und ich kann da nochmal betonen: Man weiß nicht, warum dass das so ist, aber man hat es bisher beobachtet und letztlich zumindest in Innsbruck ist es so, dass de facto fast alle Patienten, die auf der Intensivstation sind, die einen schweren Verlauf haben, übergewichtige Männer mit Diabetes oder einer Vorstufe von Diabetes, Herzerkrankungen oder Hypertonus sind. Es sind de facto, man möchte fast sagen ausnahmslos, die Patienten, die auf der Intensivstation sind und einen schweren Verlauf haben, der mit einer mehrwöchigen Beatmung einhergeht und einhergegangen ist, die diese schweren Verläufe haben. Letztlich das Paradebeispiel ist der englische Premierminister, wenn man das jetzt so sagen darf. Wir kennen den vom Sehen, wie er aussieht – das ist der klassische Patient, der auf der Intensivstation landet.

[20:56]

Dr. med. Iris Herscovici

Was empfehlen Sie denn Ihren Patienten, was sie selbst tun können, um die Risikofaktoren zu reduzieren und ihr Risiko zu verringern?

[21:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Die Frage muss man zweigeteilt sehen: Die Risikofaktoren, die allgemeinen für Herz-Kreislauf, die sind ja unabhängig von Covid-Erkrankung:

  • Übergewicht vermeiden,
  • das Rauchen vermeiden,
  • den Blutdruck gut einstellen.

Die Sachen sind ja insgesamt wichtig.

Was diese Patienten aber zu der jetzigen speziellen Zeit tun können, ist einfach, diese Maßnahmen von Händewaschen, Maske tragen, große Menschenansammlungen vermeiden, auch jetzt, wenn sich wieder diese ganzen Beschränkungen lockern, einfach die Ansteckungsgefahr zu vermeiden. Das ist der Schlüssel zum Erfolg für die Menschen. Das ist viel einfacher, als die Risikofaktoren zu beenden oder nicht mehr zu haben. Die haben die Menschen ja. Das Übergewicht ist ja nicht in zwei Tagen behoben, und der Bluthochdruck ja auch nicht. Deswegen ist der andere Weg viel sicherer und schneller wirksam.

[22:16]

Dr. med. Iris Herscovici

Die Sorge ist natürlich auch, sich anzustecken mit dem Coronavirus, und deswegen vermeiden manche Patienten auch, zum Arzt zu gehen. Aber die Frage ist: An welchen Symptomen können Patienten erkennen, dass sie möglicherweise eine Coronavirus-Infektion haben? Und bei welchen Symptomen sollten sie auf jeden Fall zum Arzt gehen, wenn sie den Verdacht haben, dass sie eine Corona-Infektion haben?

[22:45]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Ich glaube, der klassische Verlauf ist sehr schnell auftretendes, sehr hohes Fieber. Das ist der klassische Covid-Verlauf. Das klassische ist, wie gesagt, sehr hohes Fieber, das, man möchte fast sagen, von einer auf die andere Minute kommt, dass man also augenblicklich mehr oder weniger schwer krank wird. Das wäre das klassische Symptom einer Covid-Erkrankung.

Die Angst beim Doktor – ich glaube, das ist unbegründet. Die Maßnahme in Österreich ist ein sehr, sehr gutes Gesundheitssystem. Die Menschen haben die letzten Wochen sehr viel gelernt. Jeder ist hellhörig. Die Schutzmaßnahmen, die Hände desinfizieren, zum Schutz Masken und so weiter ist so überall in Verwendung, dass kein Patient Angst haben muss, dass er sich beim Doktor noch zusätzlich oder eher noch ansteckt. Das Gegenteil ist der Fall. Eine überhaupt nicht begründete Befürchtung.

[23:54]

Dr. med. Iris Herscovici

Jetzt machen die Atemprobleme manchen Patienten zu schaffen und auch Sorge. Und in diese Richtung geht die nächste Frage: „Als Patientin mit Herzinsuffizienz erlebe ich häufige Kurzatmigkeit. Unterscheidet sich diese Kurzatmigkeit von der Kurzatmigkeit, die Corona-Patienten erleben? Und wann sollte mich diese beunruhigen?“

[24:19]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Nicht ganz leicht zu beantworten, die Frage. Ich würde das letztendlich pragmatisch sehen: Die Kurzatmigkeit, die die Patienten schon kennen, weil sie offensichtlich eine Herz- oder Lungenerkrankung vorbestehend haben, die kennen die Patienten ja. Das ist bei Belastung Kurzatmigkeit und eingeschränkte Leistungsfähigkeit.

Durch Covid ist es eine schwere Lungenentzündung, die durchaus auch mit Husten und Fieber einhergeht und deswegen zusätzlich als neu empfunden wird, nämlich von den Patienten.

Die Patienten, die Covid überstanden haben, die also einen schweren Verlauf überstanden, die sind ja meistens einige Wochen künstlich beatmet gewesen und haben zum Teil anfangs noch Lungenschäden, wo man jetzt hofft, dass die mit jeder Woche, wo die von der Beatmung weg sind, wieder sich zum Teil zurückbilden können und dann, was die Hoffnung ist, aber das ist ja auch nicht, weil der Verlauf noch zu kurz ist, noch nicht bewiesen, wie viele und was sich von denen verbessern kann. Aber die Hoffnung ist, dass die Lungenfunktion doch sich einigermaßen wieder normalisiert und nach ein paar Wochen besser wird.

[25:42]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir haben vorhin über die Auswirkungen oder möglichen Auswirkungen von Covid-19 auf das Herz-Kreislauf-System gesprochen, und da sind einige Zeit lang auch die ACE-Hemmer durch die Medien gegeistert, und es wurde geschrieben, dass sie unter Umständen problematisch sein könnten, was eine Corona-Erkrankung betrifft.

Wie ist derzeit der Stand der Wissenschaft?

[26:09]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das ist sehr gute Frage, und zwar eine der spannendsten Fragen überhaupt zu diesem Covid- und-Herz-Thema. Da gibt es bisher nur Beobachtungen, also Einzelfallbeobachtungen. Irgendjemand hat geschrieben, es sei ihm aufgefallen, dass er das und das gesehen hat, und die Frage, ob die ACE-Hemmer eher ein Schutz sind, wenn man Covid-Erkrankung bekommt oder eher nicht gegeben werden sollen, ist völlig offen.

Da gibt es bisher keine prospektiv randomisierte Studie, das heißt eine Studie, wo man durch Zufall die Patienten in diese oder jene Gruppe eingeteilt hat und es dann prospektiv, also in die Zukunft schauend untersucht. Das ist eigentlich heutzutage der Goldstandard bei jeder Studie. Was nicht gilt oder was wissenschaftlich nicht sonderlich wertvoll ist, zu sagen, man hat im Nachhinein diese und jene Gruppen untersucht und gesehen, dass es da so oder und bei der anderen Gruppe so ist. Es ist meistens mit sehr vielen Fehlern, die sich da ein schleichen könnten, verbunden. Deswegen sind diese prospektiv randomisierten Studien, um eine gute Aussage über einen Effekt zu bekommen, zwingend notwendig.

So eine Studie ist in Innsbruck und Pauer geplant, initiiert worden, ist in einigen Zentren in Österreich und Deutschland jetzt am Laufen. Das ist nach unserem Wissen die größte prospektive randomisierte Studie, die diese Fragestellung, die sehr, sehr relevant ist, untersucht. Mit dem Ergebnis dieser Studie kann man dann sagen, ob ACE-Hemmer gut oder schlecht bei Covid-Erkrankung sind, was zum heutigen Tag völlig offen ist. Es gibt Meinungen zu beiden Sachen. Aber es ist wie gesagt völlig offen und nicht geklärt.

[28:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Was empfehlen Sie jetzt Patienten, die aus Sorge überlegen, ACE-Hemmer abzusetzen? Welche möglichen Folgen können entstehen durch ein eigenmächtiges Absetzen von ACE-Hemmern?

[28:25]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das ist an sich nicht empfohlen. Weder von der amerikanischen noch von der österreichischen kardiologischen Gesellschaft ist es empfohlen, die abzusetzen. Die Empfehlung ist, es beizubehalten. Wir haben eine gute Wirkung für das Herz, und für die Herzschwächenbehandlung gibt es sehr gute, gut untersuchte Medikamente. Und zum heutigen Tag gibt es nicht Daten, die ein Absetzen empfehlen. Daher gibt es, wie gesagt, von den Fachgesellschaften ganz klare Empfehlung, das zum heutigen Zeitpunkt nicht abzusetzen.

[28:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Viele Patienten nach einem Herzinfarkt oder nach einer Herz-OP nehmen ja Blutverdünner. Jetzt gibt es neue Theorien, die besagen, dass Blutverdünner sich vielleicht auch positiv auswirken können bei einer Covid-19-Erkrankung. Stimmt das? Wie sehen Sie das? Hat es irgendwelche Konsequenzen für Patienten, die Blutverdünner nehmen?

[29:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Zumindest hätte es nicht die Konsequenz, die Blutverdünner abzusetzen, die sind ja unabhängig von Covid. Für Herzerkrankungen, ob es jetzt Vorhofflimmern oder ein Patient ist, der ein Stent bekommen hat, sind die jeweiligen blutverdünnenden Medikamente sehr wichtig und für die Zukunft dieses Patienten gut untersuchte, wichtige Medikamente.

Von der Überlegung her, dass die potenziell ein zusätzlicher Schutz bei einer Covid-Erkrankung sind, ist, ich glaube, nicht untersucht, aber zumindest klinisch durchaus einleuchtend und naheliegend, weil Covid ja eine Lungenentzündung ist. Jede Entzündung ist mit einem thrombotischen Risiko verbunden. Wenn man Blutverdünner einnimmt, dann ist dieses zusätzliche Risiko damit sicher auch einigermaßen besser geschützt oder behandelt.

[30:30]

Dr. med. Iris Herscovici

Gibt es Medikamente, die Herzpatienten nehmen, die Wechselwirkungen haben könnten mit dem Coronavirus? Es gibt zum Beispiel noch eine Frage in Richtung: „Gibt es Erkenntnisse, wie hoch das Risiko für einen schweren Verlauf bei Einnahme von Sartanen ist?“

[30:50]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Sartane sind de facto ganz ähnliche Medikamente wie ACE-Hemmer. Die kann man, glaube ich, in dem Zusammenhang de facto als die gleiche Medikamentengruppe verwenden. Auch da ist die Empfehlung, diese vorerst mit der jetzigen Datenlage beizubehalten und nicht abzusetzen.

[31:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir haben einige Fragen von Patienten bekommen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie ein Herzproblemen vermuten. Und Sie haben vorher schon gesagt: Auf jeden Fall jetzt wieder zum Arzt gehen. Aber die einzelnen Fragen sind immer sehr unterschiedlich, und ich würde Ihnen gerne vorlesen:

„Wenn sich meine Beschwerden verschlimmern, ich habe öfter Herzklopfen und weniger Luft bei Bewegung – soll ich zurzeit zuerst zu meiner Hausärztin oder direkt in eine Spitalsambulanz?“

Was empfehlen Sie da?

[31:50]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das kann man jetzt nicht eine für jeden Zuhörer allgemeingültige Aussage machen. Ich glaube, das ist letztlich auch, wenn man so möchte, der Verantwortung, der Vernunft jedes einzelnen Patienten zuzuschreiben, ob der das Gefühl hat, ob er eine leichte Erkrankung hat, wie er es oft vielleicht auch schon kennt und dann eben beim Hausarzt in  Kontrolle sein kann. Ein normaler Mensch spürt ja, wenn er so eine schwere Neuerkrankung hat, die mit völlig neuen und von den Symptomen her so schlimm ist, dass er einen Notarzt oder ein Krankenhaus braucht. Aber in dem vorher geschilderten Fall, so ich das richtig verstanden habe, sind es die dieser Patientin bekannten und vorbestehenden Beschwerden. Und wenn die, glaube ich, davor schon so waren, dann kann man mit denen meistens auch besser umgehen, wie wenn etwas neu aufgetreten und neu entstanden ist, wo man dann oft als Patient halt nicht sicher ist, woher das kommt und wie schlimm das ist.

[32:50]

Dr. med. Iris Herscovici

Die Blutdruckschwankungen beunruhigen Patienten auch immer wieder, zumindest haben wir da einiges in diese Richtung bekommen. Gerade bei Patienten, die an und für sich gut eingestellt waren, die jetzt festgestellt haben, dass sie plötzlich einen sehr hohen Blutdruck wieder haben, der sich dann wieder normalisiert. Das ist jetzt so ein Beispiel von einem Patienten. Die Frage ist: „Wie lange soll man solche Blutdruckschwankungen beobachten, bevor man mit seinem Arzt spricht?“

Ist das etwas, das einen beunruhigen soll, oder kann man so etwas eher auf die momentane Situation zurückführen?

[33:35]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Im Allgemeinen ist der Blutdruck immer schwankend. Letztlich hat kein Mensch, auch kein gesunder Mensch, der nicht Blutdruckmedikamente nimmt, immer den gleichen Blutdruck. Das hängt davon ab, ob man körperlich tätig ist oder ob man Aufregung oder Emotionen oder Angst oder Streit oder was auch immer, was es im täglichen Leben gibt, da ist bei jedem, auch gesunden Menschen, der Blutdruck kurzzeitig viel höher und geht dann wieder in den normalen Bereich zurück.

Das Beste für Patienten, die Bluthochdruck haben, ist regelmäßige Selbstmessungen, dass sie zwei-, dreimal am Tag den Blutdruck messen, das dokumentieren, und die meisten Patienten haben da ein sehr gutes Gefühl, in welchem Bereich sie üblicherweise sind. Und wenn das jetzt, ich sage mal durch einige Aufregung oder Angst ist, dann ist das eine kurzzeitige Spitze. Wenn sich die Menschen beruhigt haben, sind die wieder in dem Bereich, wo sie üblicherweise sind, was ungefährlich ist.

Anders ist es, wenn der Patient merkt: Es ist zuletzt insgesamt eigentlich etwas höher geworden, als es bisher war. Das wäre aber auch der Zeitpunkt, wo man zum Arzt gehen soll und sich entweder die Dosis von dem einen Medikament oder ein zusätzliches Medikament verschreiben lassen.

[35:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Sie haben vorher angesprochen, dass in den Krankenhäusern auch einige Schutzmaßnahmen getroffen werden natürlich, damit die Patienten sich nicht anstecken und sich schützen können.

Wie schaut es denn mit dem Ablauf in den Krankenhäusern aus? Die Patienten wollen wissen, ob zum Beispiel Diagnoseverfahren im Moment anders laufen, der Herz-Ultraschall oder das CT. Und wir haben da auch zwei konkrete Fragen dazu:

„Wenn ich auf Grund von akuten Beschwerden eine Krankenhausambulanz aufsuche, kann ich dann davon ausgehen, dass die Untersuchungen und die Behandlungen jetzt wieder so laufen wie vor der Corona-Krise?“

Und die zweite Frage ist: „Werden Herzkatheter-Untersuchungen genauso durchgeführt wie früher? Oder gibt es hier eine Veränderung und muss ich noch mit Verzögerungen rechnen?“

[35:50]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Bisschen kompliziert, die Frage. Und zwar, ich glaube: Die, wenn man es will, neue Normalität, also die Post- oder Nach-Covid-Zeit, hat eigentlich die letzten Tage begonnen. In Österreich ist die Kurve sehr stark zurückgegangen, wie die Zahl der Patienten, das sehen wir jeden Tag in „Zeit im Bild“, die Zahl der infizierten Patienten, die Zahl der stationären Patienten nimmt jeden Tag weiter ab und ist im Vergleich zu anderen Ländern, glaube ich, hervorragend gut zurückgegangen. Deswegen ist seit letzter Woche auch der klinische Normalbetrieb wieder am Hochfahren oder ist wieder, wie er vor Covid war.

In den Märzwochen, also sozusagen in der Zeit, wo Covid bei uns mit höheren Infektionsraten verbunden war, hat man viele Routineuntersuchungen in der Klinik nicht durchgeführt, allerdings nur Untersuchungen, die jetzt nicht akut notwendig waren. Jede notwendige Akutoperation oder Akuteingriff, sei es Herzkatheter- oder Bypass-Operation, also solche Operationen, da ist sicher kein Patient verschoben oder nicht gemacht worden.

Aber man hat Kapazitäten frei gehalten für, wenn man jetzt so möchte, natürlich auch wichtige Operationen, die aber jetzt nicht akut lebensnotwendig waren.

Ich hoffe, dass ich jetzt niemanden von den Kollegen, die nicht Kardiologe sind, zu nahe trete, aber es gibt, wenn man es will, chirurgische Eingriffe oder kosmetische Eingriffe, die jetzt nicht vielleicht angenehm sind, wenn es der Patient erledigt hat, aber jetzt nicht, ob jemand jetzt eine Woche früher oder später vielleicht eine Gelenk- oder eine kosmetische Operation gemacht bekommt. Im Einzelfall ist man froh, wenn man es vorbei hat, aber nicht so, dass er früher oder später mit einem schlechteren Ergebnis sterben könnte, um es jetzt ganz krass zu sagen.

Die Operationen, die wir für notwendig und notfallmäßig wichtig waren, musste in Österreich niemand Angst haben müssen, dass so etwas nicht gemacht worden ist. Und die anderen hat man, wie gesagt, verschoben, weil man die ganzen Intensivbetten frei halten hat müssen und wollen, dass, wenn diese Covid-Welle so stark stark gekommen wäre wie in Italien, England, USA und so weiter, dass einfach die Intensivplätze frei sind und nicht durch Patienten belegt sind, denen man ein paar Tage vorher irgendwelche Operationen gemacht hat, die mit einem längeren Aufenthalt verbunden sind und nicht unbedingt notwendig war.

OK, ist das so verständlich erklärt?

[39:10]

Dr. med. Iris Herscovici

Absolut verständlich erklärt.

Die Untersuchungen beschäftigen die Menschen schon sehr, und eine Frage ist: „Wie weit ist eine Ansteckungsgefahr gegeben, wenn das Herz abgehört wird mit dem Stethoskop? Und hört der Arzt etwas anderes, wenn man eine Covid-19- Erkrankung hatte?“

[39:40]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Wenn man die Lunge auskultiert oder abhört, hört man natürlich diese schwere Lungenentzündung. Am Herz wird man nichts anderes hören.

Und das Abhören ist sicher völlig ungefährlich, da kann man sich nicht infizieren.

[40:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Zum Langzeit-EKG haben wir auch eine Frage bekommen: „Ist ein Langzeit-EKG im Moment sinnvoll, wenn sich mein Tagesablauf aufgrund von Home-Office et cetera von meinem normalen Tagesablauf unterscheidet? Wie werden diese Untersuchungen zurzeit durchgeführt?“

[40:15]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Durchgeführt werden sie normal. Was gut ist beim Langzeit-EKG ist, wie diese Patientin oder dieser Patient auch richtig gefragt hat ist, dass man letztlich sich auch belastet untertags und die üblichen Dinge des Tagesablaufs macht, weil man dann im Langzeit-EKG sieht, ob der Puls bei Belastung ordnungsgemäß ansteigt, was er sollte, was üblich ist, und ob er dann in den Ruhephasen wieder zurückgeht. Das kann man letztlich am besten beweisen, wenn man sich einer Belastung aussetzt und nicht den ganzen Tag im Home Office da sitzt und de facto sich nicht körperlich belastet.

 

[41:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Sie haben vorher die Operationen angesprochen, die verschoben oder nicht verschoben wurden, und wir haben auch Fragen in diese Richtung bekommen, nämlich: „Meine Herzschrittmacher-OP wurde verschoben. Wie lange kann eine Herzschrittmacher-OP maximal verschoben werden, oder wie lange sollte sie maximal verschoben werden? Wie hoch ist mein Risiko, ohne Therapie plötzlich einen Herzinfarkt zu bekommen?“

[41:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Wegen einem Herzschrittmacher, den man nicht gleich eingebaut bekommt, ist nicht die Gefahr, dass man dadurch einen Herzinfarkt bekommt. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

Der Herzschrittmacher macht nur, dass wenn der eigene Pulsschlag zu langsam wird, dass er den Pulstakt vorgibt. Da gibt es auch verschiedene Stufen, warum man einen Schrittmacher bekommt. Das kann im Einzelfall ein notfallmäßiger Schrittmacher sein. Oder dass ein Patient einfach immer wieder zwischendurch einen etwas langsameren Puls hat. Bei so einem Menschen kann man das, ich sage jetzt: nächsten Monat oder übernächsten Monat planen. Es ist kein Notfall. Dem Patient wird nichts passieren in der Zeit. Für diejenigen Schrittmacher-Patienten, die sozusagen von einem Tag auf den anderen einen sehr langsamen Puls haben, für die Patienten wird das auch üblicherweise am gleichen Tag gemacht. Die kann man auch nicht heimschicken und das verschieben. Da ist die Bandbreite der Indikationen oder Notwendigkeiten für einen Schrittmacher doch sehr groß und zwischen so, dass man es halt jetzt machen muss oder dass man es innerhalb der nächsten zwei, drei Monate irgendwann einmal machen kann, doch ziemlich groß.

[43:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Und die nächste Frage kommt von einem Patienten mit Vorhofflimmern: „Bei mir, männlich, 69, wurde vor zirka einem Jahr Vorhofflimmern festgestellt. Da Medikamente und Elektroschock nur kurzfristig Besserung brachten, bekam ich für Mitte März einen Termin für eine Katheterablation. Doch dann kam Corona, und der Termin musste abgesagt werden. Nun fürchte ich, dass wertvolle Zeit vergangen ist und die Gefahr eines Schlaganfalls besteht. Was soll ich tun?“

Haben Sie da eine Empfehlung?

[43:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Die Befürchtung vom Patienten ist an sich, also wenn er zuhört, kann er sich gleich sicher fühlen. Da ist nicht die Gefahr, der er da zusätzlich ausgesetzt ist. Üblicherweise sind diese Patienten blutverdünnt, also antikoaguliert. Und wenn er diese Therapie bei Vorhofflimmern einnimmt, hat er de facto keine Gefahr, dass er einen Schlaganfall bekommt.

Eine Ablation ist eine Therapie, die für Patienten natürlich wichtig und gut ist, wenn sie funktioniert, aber die nicht mit einer akuten Notwendigkeit verbunden ist. Eben weil sein Vorhofflimmern durch seine Blutverdünnung auch in Bezug auf einen möglichen Gehirnschlag, den er erleiden könnte, gut und sicher behandelt ist.

[44:20]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir haben auch eine Frage zu Herztransplantationen bekommen: „Inwiefern verändert sich die Position auf der Warteliste für ein Spenderorgan, wenn man eine Covid-19-Infektion hatte? Wie lange muss man nach einer überstandenen Covid-19-Infektion warten, um wieder transplantationsfähig zu sein?“

[45:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Ich glaube, wenn ein Patient, der sozusagen auf der Transplantatliste steht und nur einen milden Verlauf hatte, dann ist er augenblicklich nach dem milden Verlauf, der ja nur wenige Tage dauert, augenblicklich wieder transplantabel.

Wenn ein Patient, der auf einer Liste steht, einen schweren Verlauf hat, würde ich ehrlicherweise glauben, dass er das nicht überleben würde.

Und im anderen Fall ist es in dem Moment, wenn er wieder gesund ist, kann er wieder gelistet und transplantiert werden.

[45:30]

Dr. med. Iris Herscovici

Einige Patienten haben sich gefragt, wie es jetzt ausschaut im Moment mit klinischen Studien. Laufen die im Augenblick ganz normal weiter? Werden neue klinische Studien zurzeit begonnen?

[45:42]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Diese Covid-Studien, die es weltweit gibt, die kann man nur jetzt machen, weil es jetzt diese Patienten gibt. Aber sämtliche andere Studien sind weltweit angehalten, einfach mit den Ausgangs- oder Quarantänemaßnahmen Patienten auch nicht zu Kontrollen kommen könnten und die Kapazitäten im Krankenhaus dadurch auch meistens nicht gegeben waren. Also das war in den letzten Wochen fast alles eben auch stillgestanden.

 

[46:12]

Dr. med. Iris Herscovici

Ist auch absehbar, wann man da wieder eine gewisse Normalität hineinkommt und diese klinischen Studien wieder aufgenommen werden?

[46:20]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das hängt jetzt davon ab, ob es… Es gibt Krankenhäuser oder Universitätskliniken, die lokale eigene Studien haben, wo man im kleineren Rahmen Patienten im Rahmen einer Studie untersucht, oder ob es weltweite Multicenter-Studien sind. Diese ganz großen Studien, wo wir in Innsbruck zum Teil auch mitmachen, die sind weltweit angehalten. Das sind meistens amerikanische Studien, mit dem, dass in einigen Ländern das letztlich nicht möglich wäre, Patienten einzuschließen, anderen schon, wird es so Verzerrungen oder Ungleichgewichte geben, dass das alles zurzeit weltweit on hold ist.

Ich glaube, ab dem Moment, wenn andere Länder auch diesen Verlauf wie in Österreich hätten, könnte man zumindest in Österreich gut wieder anfangen. Aber andere Länder wie eben USA, England, Russland, Brasilien, Spanien, Italien, Deutschland, lauter große, sehr große, wichtige Länder haben ja de facto noch sehr, sehr hohe Infektionsraten und hohe Patientenzahlen, wo es, glaube ich, nicht absehbar ist, dass es in kurz absehbarer Zeit wieder losgehen wird.

[47:45]

Dr. med. Iris Herscovici

Wieder losgehen ist auch so ein Stichwort. Die Lockerungsmaßnahmen sind ja sehr fein für die meisten Risikopatienten, sind aber zum Teil auch verunsichert und wissen jetzt bei manchen Dingen nicht, was das für sie bedeutet. Und wir haben da auch ein paar Fragen in die Richtung bekommen:

  • „Ich bin 65 und hatte schon einen Herzinfarkt. Die Situation scheint ja gut im Griff zu sein. Kann ich bald wieder unter Berücksichtigung der Schutzmaßnahmen einkaufen oder in ein Restaurant gehen?“
  • Und eine andere Frage geht in die Richtung: „Ab wann können Herzpatienten wieder gemeinsam wandern? In normalen Zeiten gehen wir wöchentlich wandern.“

Ist das alles schon wieder möglich?

[48:28]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Ich glaube, das gemeinsame Wanderngehen war ja davor auch nicht wirklich verboten. Wenn man im gleichen Haushalt war, glaube ich, hat man auch in den letzten Wochen ohne Gefahr Wandern oder Freizeitaktivitäten machen können. Das ist jetzt, glaube ich, mit dem, dass die Zahlen so zurückgegangen sind, meiner Meinung nach weitestgehend gefahrlos möglich.

In der ersten Frage, Patient mit Herzinfarkt, 65 Jahre und so weiter, dort ist die Sache ein bisschen komplizierter. Dieser Patient ist absolute Hochrisikogruppe. Und da muss man sehr erkennen, dass diese Quarantänemaßnahmen, das sage ich jetzt letztlich als allgemeine Feststellung, nicht so sehr als kardiologisches Wissen, sondern als allgemeinmedizinisches Wissen. Diese Quarantänemaßnahmen waren ja im Wesentlichen, um, wenn man es so möchte, die etwas älteren Menschen und älteren Patienten zu schützen. Die hat man nicht gemacht, um die Schulkinder zu schützen. Schulkinder, die jungen Menschen, Jugendliche und junge Erwachsene haben de facto fast ein nullprozentiges Risiko. Es gibt nur einzelne Fälle auf der ganzen Welt von Kindern oder Jugendlichen oder jungen Menschen, die Covid-Erkrankung gehabt haben. Das weiß keiner, warum das so ist. Aber es ist so, dass diese Menschen nicht gefährdet sind. Gefährdet sind hochbetagte, ältere Menschen mit vorbestehenden Erkrankungen.

[50:17]

Dr. med. Iris Herscovici

Was heißt das, was empfehlen Sie dieser Gruppe? Sollen die zu Hause bleiben und eher verzichten darauf, ins Restaurant zu gehen? Oder genügt es, wenn sie die empfohlenen Schutzmaßnahmen einhalten, also Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen und so weiter, dass sie sich auch durchaus wieder hinaus trauen können?

[50:45]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Also ich glaube, mittlerweile seit dieser Woche, seit diese Ausgangsbeschränkungen so aufgelockert sind, ist es weitestgehend gefahrlos möglich aus meiner Einschätzung, dass auch diese Herzpatienten, wenn sie diese Maßnahmen befolgen, den Abstand, Gesichtsmaske, Händewaschen und so weiter, wenn man das befolgt, ist, glaube ich, mittlerweile die Gefahr in Österreich sehr, sehr klein– ist nicht Null, aber sie ist sehr klein. Man wird den nächsten Wochen sehen, wie das weitergeht. In der positiven Annahme, dass sich die Leute an all diese Dinge halten und der Verlauf so weitergeht, dann könnte es vielleicht einen sehr, sehr guten Ausgang dieser ganzen Covid-Situation in Österreich nehmen. Aber das ist nur ein Zukunftsausblick und eine Hoffnung. Aber die letzten Wochen haben, glaube ich, zumindest in Österreich gezeigt, dass der durchaus gute Weg mit diesen strengen Maßnahmen, die sehr frühzeitig gemacht worden sind, und ich glaube, das war der Schlüssel zum Erfolg, dass der Verlauf in Österreich so am Schluss günstig verlaufen ist. Man kann da nochmals auf England zurückkommen, das ist ja jedem von uns, der die letzten Wochen und Monaten Nachrichten geschaut hat zu der Zeit, wo in Österreich schon strikte Ausgangsregeln bestanden haben, in England der Premierminister noch selber sagt: Es ist überhaupt nicht notwendig, sie möchten einen völlig anderen Weg gehen. Die sind einen völlig anderen Weg gegangen. Es ist in der Liste der Todesfälle, ich glaube, mittlerweile die Nummer Zwei weltweit, einfach, weil sie diese ersten sehr, sehr wichtigen Wochen, die die Ausbreitung der Erkrankung am besten eindämmen haben können, weil dieser exponentielle, das heißt sehr, sehr schnelle Anstieg der Erkrankungen, der ist dort verschlafen worden. Und deswegen gibt es jetzt so viele Erkrankte und auch so viele Tote.

[52:57]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir haben gerade über die Schutzmaßnahmen auch noch geredet, und die Masken werden ja immer wieder erwähnt. Gleichzeitig machen die Masken manchen Patienten aber auch Probleme. In diese Richtung geht die nächste Frage: „Ich bin Herzinsuffizienz-Patientin und bekomme durch die nun verpflichtenden Mund-Nasen-Schutzmasken noch viel schlechter Luft als sonst. Die Maske nicht zu tragen ist aber momentan keine Alternative. Was kann ich tun?“

Wäre da so ein Schild, die es da gibt eine Alternative, oder was würden Sie da empfehlen in so einer Situation?

[53:53]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Es ist nicht einfach. Ich glaube, das Schild ist zumindest ein Teilschutz. Ich glaube, wenn es das Risiko, sich anzustecken, höher ist, also bei einer höheren Menschenansammlung, ist sicher eine Maske der bessere Schutz. Dass eine Maske für jemand, der schon herzinsuffizient ist, durchaus belastend ist, kann ich gut verstehen, weil wenn wir mit der Maske beim Herzkatheter, was zum Teil auch durchaus einen schwierigen Fall mit Anstrengung und Mühe verbunden ist, dass das nicht angenehm ist, wenn man schon herzinsuffizient ist, kann ich gut verstehen. Ich glaube, für diese Menschen in dem speziellen Fall wäre wahrscheinlich die Empfehlung, weil diese Maske einfach zusätzlich zu Atemnot führt, die körperliche Anstrengung weitestgehend meiden und auch den Kontakt mit größeren Menschenansammlungen wie immer so gut wie es eben geht meiden. Einfach weil das die Patienten sind, die nicht nur die Atemnot haben, sondern auch das allerhöchste Risiko haben, wenn sie eine Covid-Erkrankung bekämen, einen schwierigen Verlauf zu haben.

[55:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir hatten vorher über Verschiebungen gesprochen, und unter anderem wurden hier auch Reha-Termine verschoben. In diese Richtung geht die nächste Frage: „Ich hätte aufgrund einer Herzerkrankung bald einen Reha-Aufenthalt. Kann ich die Reha wie geplant antreten? Wenn ja, muss ich während meines Aufenthaltes auf etwas Besonderes achten?“

Kann man das jetzt schon abschätzen, wann die Rehas wieder ganz normal funktionieren werden?

[55:25]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Ich glaube, dass demnächst auch in der neuen Normalität wieder die ganzen Reha-Zentren ihren üblichen Routine Betrieb aufnehmen werden, einfach weil die Covid-Erkrankungen so stark zurückgegangen sind. Ich glaube, das ist die erste Welle – wir hoffen alles, dass es bei einer Welle geblieben ist, die ist sehr, sehr stark zurückgegangen, und deswegen ist die Notwendigkeit, dass man viele Krankenhausplätze und Betten frei hält und auch Reha-Zentren frei gehalten hat, das ist, glaube ich, im Wesentlichen vorbei. Die Reha-Einrichtungen werden den Betrieb demnächst wieder hochfahren oder haben den schon hochgefahren. Die Patienten, die dort hingehen, haben dort sicher auch die üblichen Masken- und Händewasch-Vorgaben. Und unter dem, glaube ich, ist die Gefahr, dass man sich dort ansteckt, auch weil wahrscheinlich jeder Patient mittlerweile getestet dorthin kommt, ist glaube ich, sehr, sehr klein.

[56:40]

Dr. med. Iris Herscovici

Jetzt wollen einige Patienten noch wissen, was sie tun können, um die Zeit zu überbrücken, während sie auf die Reha warten, ob sie da auch etwas Sinnvolles für ihre Gesundheit oder Herzgesundheit tun können. Und in diese Richtung geht die nächste Frage: „Wieviel sollte ich mich als Patientin mit Herz-Kreislauferkrankung bewegen?“ Und die andere Frage: „Ich habe mir schon lange vorgenommen, etwas für meine Gesundheit zu tun, und möchte daher jetzt mehr Sport machen. Ist das momentan ein schlechter Zeitpunkt dafür? Und mit welcher Art von Sport sollte ich beginnen?“

Jetzt wissen wir leider nichts Genaues über die Grunderkrankung. Aber kann man da so sagen, erstens: Wie viel sollten sich Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewegen? Und: Gibt es da Sportarten, die auf jeden Fall empfehlenswert sind?

[57:30]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Sie haben es eh angesprochen: Die Bandbreite von Herzerkrankungen ist natürlich ein sehr breites Spektrum. Gehen wir davon aus, dass es jetzt der übliche Herzpatient ist und nicht jemand, der schwerst herzkrank ist.

Was im Allgemeinen gut ist, ist regelmäßiges Ausdauertraining. Das heißt: Jeden Tag oder zumindest jeden zweiten Tag zumindest eine halbe Stunde leichte körperliche Tätigkeiten machen – Spazieren gehen im klassischen Sinn. Das ist das, was für Herzpatienten de facto der beste Sport und die beste Therapie ist. Nicht Leistungssport, nicht einmal in der Woche viel Laufen und maximale Anstrengung machen. Das ist nicht gut, das ist ungesund und unvernünftig für Herzpatienten. Das Zauberwort ist: regelmäßige, leichte Ausdauertätigkeit. Spazierengehen in der Ebene, Fahrradfahren, solche Tätigkeiten, das ist der ideale Sport für Herzpatienten.

 

[58:45]

Dr. med. Iris Herscovici

Es haben immer mehr Patienten auch Smartwatches, und die haben ja verschiedenste Funktionen: unter anderem können sie den Puls aufzeichnen und das EKG zum Teil auch schon aufzeichnen.

Wie sicher oder wie zuverlässig sind denn solche Aufzeichnungen? Und kann der Kardiologe mit solchen Aufzeichnungen etwas anfangen?

[59:10]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Das ist etwas ganz Neues, etwas ganz Modernes, das ist sicher auch zukunftsträchtig. Der Kardiologe kann mit dem etwas anfangen, mit diesen Aufzeichnungen. Allerdings soll man es auch nicht überbewerten.

Ich glaube, wenn der Patient sich zwanghaft dann an diese Apple-Watch klammert und einem jeden Tag jede Nachricht zuschickt, ist das der Gesamtsituation auch nicht dienlich, weil es dann in den Zwang, den Puls jede Minute des Tages zu überwachen, ausartet. Aber letztlich für Vorhofflimmern-Episoden oder so ist es ganz gut, das zu detektieren.

[60:00]

Dr. med. Iris Herscovici

Wir kommen langsam zum Ende dieser Sprechstunde, aber ich habe noch eine letzte Frage an Sie: Wie schätzen Sie denn die Situation in den nächsten Monaten ein? Was glauben Sie, wie lange wird uns Corona noch begleiten und beschäftigen?

[1:00:15]

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler

Da kann ich Ihnen nur Bauchgefühl sagen. Ich bin nicht Entzündungs- oder Covid-Experte. In meiner persönlichen Meinung, die haben Sie ja gefragt, glaube ich, sind wir auf einem sehr guten Weg in Österreich. Die Zahlen sind fast über Erwarten gut und schnell zurückgegangen. Ich glaube, die neue Normalität wird, wenn sich die Menschen vernünftigerweise an das halten, also Gesichtsschutz tragen, häufiges Händewaschen, große Menschenansammlungen meiden, wenn das strikt so weiter befolgt wird, wie es zurzeit auch angeordnet ist, glaube ich, wird der Verlauf weiter so gut und positiv sein.

Die Gefahr ist, dass wenn das zu schnell gelockert wird oder zu lasch gehandhabt wird, dass es wieder Infektionsherde geben könnte, die sich halt eben immer wieder ausbreiten könnten und diese gefürchtete zweite Welle, die es eben bei der Spanischen Grippe seinerzeit auch gegeben hat, geben könnte.

[1:01:36]

Dr. med. Iris Herscovici

Ich hoffe, es kommt zu keiner zweiten Welle und wir werden alle in Bälde nicht mehr so viel mit Corona uns beschäftigen müssen.

Vielen herzlichen Dank für die Beantwortung aller Fragen und für Ihre Zeit.

Schön, dass Sie dabei waren. Ich hoffe, Sie haben viele interessante Informationen heute auch mitnehmen können.

Diese Sprechstunde wurde aufgezeichnet, und Sie können sie auch nochmal ansehen, falls Sie das eine oder andere noch einmal hören wollen.

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Schön, dass Sie dabei waren. Passen Sie gut auf sich auf und kommen Sie gut durch diese bewegten Zeiten. Auf Wiedersehen!

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